Das jüdische Blatt
- Journal
- Das jüdische Blatt
- Volume
- IV (1913)
- Issue
- 51 (19.12.1913)
- Date
- 1913-12-19
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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2 Das jüdische Statt Nr. 51. Inhalt. Leitartikel: „Zu Hause Du und Dein Haus ein Licht." — Die Gründung des Gruppenverbandes der Agudas-Iisroel in Deutschland. — Brief yom Lande. — Aus aller Welt. — Korrespondenzen. — Wochenkalender. — Gebetszeiten. — Familiennachrichten. — Rätsel-Ecke. — Bücherbesprechung. — Sprechsaal. - Gedalja. — Inserate. Wegen der bürgerlichen Feiertage gelangt Rr. 52 schon am Mittwoch den 24. Dezember zur Versendung. Schluß der Redaktion Dienstag morgen um 8 Uhr. „Zu fjnulf pii uuii Pein ijous ein Licht." Das Chanukkahlicht wird zur Verkündigung des Wunders nicht nur in der Synagoge angezündet, es brennt auch daheim, in jedem Haus. „Zu Hause Du und Dein Haus ein Licht" ist die Chanukkahpflicht. Im Haus leuchtet durch die Winternacht des Weihefestes Flamme. Vater, der Thora Leuchte in der Rechten, und Mutter, des Gesetzes Fackel in der Linken, entzünden die Lichter in den Herzen ihrer Kleinen. Sorglos und frohgemut lebt das Kind. Aber auch die Kindheit ist von mannigfaltigen Gefahren umdräut. Und manche Mutter hat in banger Winternacht am Bett ihres Lieblings gesessen und ihr Teuerstes dem Todesengel abgerungen. Nun, Mutter, wie willst du vergelten dem Retter, dem Erlöser deines Kindes? Das Licht der Weihe sollst du deinem Kind ins Händchen stecken, Glaube und Judentum pflanzen in sein junges Herz. Man gewöhne die Kinder früh, wenn sie's auch noch nicht ganz verstehen können, an die Übung all der heiligen Satzungen. Die sogenannte „mütterliche Schule" muß früh beginnen. Lange vor Eintritt in die Schule soll das Kinderherz durch reiches, eindrucksvolles, häusliches jüdisches Leben für das Judentum erobert sein. Dann ist der Boden geschaffen, auf dem ein frommer, charaktervoller Lehrer seine Saat mit den besten Hoffnungen ausstreuen kann. Woher kommt es, daß trotz der Mühe vieler Lehrer der Religionsunterricht so wenig fruchtbar sich erweist? Weil dem Elternhaus Wissen und Weisheit abgeht, um in des Kindes Kindheit jüdisch erzieherisch zu wirken, weil Vater und lieb Mutter nicht gerade vom Wunsche beseelt sind, die Lehren der Schule von den Kindern betätigt zu sehen. Ein frommes Kind ist ein gutes Kind, und ein Kind ist gut, nicht, weil es gut geraten, sondern weil es gut erzogen worden ist. Wollt ihr, daß eure Kinder gegen die sittlichen Gefahren, die ihrem Leben auflauern, gestählt seien, dann ist es eure heiligste Pflicht, durch lebendiges Beispiel früh eure Kinder in die Glaubensstätte des Judentums einzuführen, darauf zu sehen, daß sie die Vorschriften des Judentums lernen und üben, lesen und leben. Nicht nur dem schwächlichen Körper des Kindes drohen Feinde, nicht nur rauhe Luft und garstige Winde können unfern Kindern schaden. Es gibt Verheerer, die mehr zu fürchten sind — sittliche Schwächen. Die wachsen und wuchern in religionslosen Seelen, und an diesen sittlichen Schwächen ist schon mancher Körper und manches Herz zugrunde gegangen. Ist der Knabe zum Jüngling erwachsen und das Mädchen zur Jungfrau erblüht, dann erst recht jüdische Väter und Mütter jüdischer Kinder: Vor die Front! Es gilt eine Brücke zu schlagen, damit der Knabe unbehelligt reise zum Manne, das Mädchen rein sich entwickle zur Frau. Sturmtage nahen; Elternwille muß sich wappnen zur Entwirrung der Wirrnisse des gärenden Alters. Väterliches Streben und mütterlicher Eifer soll wachsen für den allmächtigen Gott. Mehr Licht! heißt die Parole. Es soll ja immer heller werden im Haus, und wenn man gestern ein Licht entzündet, so zünde man heute zwei sich an. Fortschritt ist das Modewort. Dem Rückschritt huldigt Vater und Mutter. Der Lichter Zahl wird kleiner in der Hand des Vaters, es verlöscht die Leuchte in der Rechten der Mutter. In dem drängenden Wunsch, dem Kindesglück nicht im Wege zu stehen, wird der Jüngling im gefährlichen Alter ins unjüdische Milieu geschickt, und der Umwelt Eindruck zeichnen sich wie auf Wachs in sein geschmeidiges Herz. Man wiegt sich in des Kindes Heil und hält zäh an der bang gesuchten Täuschung fest. Da plötzlich grollt das Unwetter am Elternhimmel. Ein Sturm zieht herauf, die schmerzliche Nachricht, daß der Sohn in der Fremde durch Leichsinn sich Schaden und Leid zugezogen hat. Das Wetter läßt sich nicht mehr beschwören. Ein verlorener Sohn. Dann fühlt ihr es, leider zu spät, wie nötig die religiöse Charakterbildung, wie unentbehrlich die Festigung des Willens durch Übung der Gottesgebote. Einst schickte ein Fürst einem frommen Lehrer ein kostbares Kleinod. Da sandte der Lehrer als Gegengeschenk eine Mesusoh mit den Worten: Meine Gabe ist kostbarer als die deine, denn deine Gabe muß ich hüten, meine Gabe behütet dich. Auch wir, wir können unfern Kindern nichts Herrlicheres auf den Lebensweg mitgeben als Thora, wie sie gelehrt und gelebt wird. Sie schützt und schirmt sie auf ihrer Erdenwallfahrt. Ohne sie keine Seelenharmonie, ohne sie für die Juden kein Lebensglück. Dr. M. Sebre. Die Gründung des Grnppen-Herliandes der Dgudas-Iisroet in Deutschland. H a l b e r st a d t, 15. Dezember 1913. Unter großer Beteiligung fand gestern hier der vom Provisorischen Komitee einberufene Delegiertentag der deutschen Ortsgruppen der Agudas-Jisroel-Organisation statt. Von den 60 angemeldeten Delegierten aus 36 Ortsgruppen sind fast alle erschienen. Außerdem fand sich eine nach Hunderten zählende Zuhörerschar aus Halberstadt und der nächsten Umgebung ein und folgte den Verhandlungen mit regem Interesse. Die Delegierten vertraten größere und kleinere Ortsgruppen aus allen Teilen des Deutschen Reiches und boten in ihrer Zusammensetzung, durch ihre Stellung im Gemeinde- und Berufsleben ein klares Bild der gesamten Organisation. Nachdem schon vormittags eine Plenarsitzung des Provisorischen Komitees zur Besprechung aktueller Fragen der Organisation stattgefunden hatte, versammelten sich die Delegierten und Gäste um 3 Uhr zu der Delegiertenversammlung im großen Saale des Kasinos. Dr. Abraham Hirsch- Halberstadt, stellvertretender Vorsitzender des Provisorischen Komitees, eröffnet die Versammlung mit einer warmen Begrüßungs-Ansprache und skizzierte die Aufgaben der Tagung. Hierauf ergriff Rabbiner Dr. Auerbach- Halberstadt als Orts-Rabbiner das Wort und begrüßte die versammelten Rabbiner und Delegierten als wahrhafte Vertreter der gesetzestreuen Judenheit im ganzen Deutschen Reiche. Er sieht in der Agudas Jisroel das in die Erscheinung getretene Sinnbild der jüdischen Gemeinschaft überhaupt und wünscht, daß die Ergebnisse der Tagung die jüdische Gemeinschaft näher bringen mögen jenem Ziele, das der göttliche Wille dem Judentum verheißen hat. Namens der Agudas-Jisroel-Ortsgruppe Halberstadt richtet Rabbiner Joseph Nobel- Halberstadt eine tiefdurchdachte und zündend wirkende Begrüßungsrede an die Erschienenen und löst mit seinen begeisterten Worten in der Versammlung tiefes Verständnis aus für die Bestrebungen der Agudas Jisroel. Hierauf begrüßt Herr Emil B a e r - Halberstadt die Versammlung namens des Vorstandes der jüdischen Gemeinde Halberstadt. In der darauffolgenden Wahl des Büros wurden die Herren Dr. Abraham Hirsch- Halberstadt zum Präsidenten, Direktor