Das jüdische Blatt
- Journal
- Das jüdische Blatt
- Volume
- IV (1913)
- Issue
- 50 (12.12.1913)
- Date
- 1913-12-12
- Page
- Seite 9 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 50. Das jüdische Mail. 9 Volksgenossen, und durch eine Fülle von seinen Beobachtungen die „Hölle" zu zeichnen, in die die Juden leider geraten sind. Den religiösen Radikalismus unter den amerikanischen „Westjuden" vermag am besten eine Anekdote zu veranschaulichen. Birnbaum besuchte einen Prediger der liberalen Gemeinde Chicagos, die den Sabbat auf den Sonntag verlegt hat. Der Prediger erzählte ihm, er sei aber bei der Vornahme eines Amtsaktes in keine geringe Verlegenheit geraten. Er hatte eine Trauung zu vollziehen, die Braut, eine Nichtjüdin, jedoch zuvor in das Judentum aufzunehmen. Unangenehm sei ihm nur gewesen, daß er der Braut, d'e der Sekte der Sabbatianer angehörte, klar machen muhte, daß sie als Jüdin nun den — Sonntag zu heiligen Hobe! . . . Mehr erzählte Birnbaum, und dies mit Recht, von den Lstjuden, von dem jüdischen Millionenviertel New-Porks, von ihrem religiösen und kulturellen Leben, wie sie selbst noch nicht zu einer einheitlichen Willensäußerung fähig, doch schon einen gewaltigen Einfluß auf die jüdische Politik, besonders in den letzten Jahren, auszuüben verständen; wie sie mit ihrer erdrückenden Masse selbst einen Jakob Schiff, einen Feind jedes positiven Judentums, zu einem jüdischen Führer erzogen haben, der in der Affäre des Handelsvortrages mit Rußland für die Interessen des jüdischen Volkes mit einer Energie eingetreten ist, die wir leider bei den europäischen jüdischen Baronen noch vermissen. Er zeigt aber auch die Schattenseiten: das aufreibende Leben, die Verrohung der Sitten, die Ausgelassenheit und Wildheit der amerikanischen Jugend, und insbesondere die große Gefahr, die für die dortigen Juden in dem von Roosevelt propagierten „Amerikanismus" ruht. Doch gewisse Anzeichen sprechen dafür, daß die Ostjuden Amerikas bereits die drohende Gefahr zu sehen beginnen, und sich zu einem schweren Kampf rüsten, der leider auch den eigenen Stammesgenossen, soweit sie assimilatorisch gesinnt sind, wird gelten müssen. Es war ein ergreifender Moment, als Birnbaum mit seiner eigenartigen Vergangenheit (es sei nur an sein Pseudonym „Acher" erinnert) seinen Zuhörern (es waren außer der jüdisch-russischen Studenten-Kolonie nur Wenige erschienen) zurief: „Ihr müßt wieder lernen „Emuno h" zu haben, das alte jüdische Gottvertrauen muß Euch wieder die Brust erfüllen. Rur dann werden wir die amerikanische Hölle besiegen. Belgien. Antwerpen. Wie ein Lauffeuer verbreitete sich vergangenen Dienstagabend in Antwerpen die traurige Nachricht von dem plötzlichen Ableben eines ihres Besten, des H. Jakob S. Eisenm a n n. Nur wer die Antwerpener Verhältnisse kennt, wird ermessen können, welch trauriges Echo diese Nachricht bei der hiesigen Judenheit erweckt hat. Es gibt wenig Juden, die hier wohnen oder durch irgend eine Beziehung nach Antwerpen geführt werden, die den stets freundlich blickenden Herrn mit seinen vornehmen Umgangsformen nicht gekannt oder mit ihm in Berührung gekommen wären. Er entstammte einer alten sehr angesehenen Familie, die vor fünf Generationen von Marktbreit in Bayern nach Frankfurt a. M. übersiedelte. Sein Vater Samuel Eisenmann, der viele Jahre Präsident der Chewra- Kadischo war, gab ihm eine echt jüdische Erziehung. Er besuchte die Frankfurter israelische Realschule, die damals von dem großen Lehrmeister Samson Raphael Hirsch geleitet wurde. Den Geist seines Lehrers sog er in sich auf und wurde dessen würdiger Schüler. Noch im jugendlichen Alter kam er nach Antwerpen und gründete eine Exportfirma. Durch seine kaufmännische Tüchtigkeit und sein äußerst redliches Geschäftsgebaren entwickelte sich die Firma zu einem großen und angesehenen Handelshause. Im Alter von 27 Jahren heiratete er die Tochter des Herrn L i p p - mann P r i n s, die seine jüdischen und menschenfreundlichen Handlungen unterstützte und förderte. Sein Haus wurde bald ein Sammelplatz der Notleidenden und der Bedürftigen. Mit Rat und Tat half er jedem, der sich an ihn wandte. Jeden empfing er mit recht abrahamischer Gastfreundschaft und suchte ihn in seinen Kreis zu ziehen. Dem Auswandrer, dem die Mittel zu seiner Weiterreise fehlten, Herr Eisenmann besorgte sie ihm usw. Aber nicht nur dem Einzelnen half er, sondern er gehörte allen humanitären Vereinen an und förderte sie nach Kräften. Besondere Sorgfalt wandte er der von ihm erbauten Synagoge in der Oostenstraat, der „Eisenmannschul" wie man sie nennt, zu. Er stattete sie mit einer schönen talmudischen Bibliothek aus und nahm an den täglichen Schiurim regen Anteil. Er gehörte auch zu den ständigen Besuchern der Schaß Chewra und benützte jeden freien Augenblick zum Thorastudium, das ihm als Höchstes galt. Auch in den Kreisen der christlichen Bevölkerung erfreute er sich großen Ansehens und gehörte den Kommissionen vieler finanziellen und humanitären Institutionen an. Als vor einigen Monaten, bei Gelegenheit eines hiesigen Lokalfestes, der König der Belgier Antwerpen besuchte, gehörte Herr Jakob S. Eisenmann zum Fest- und Empfangskomitee. Einen glänzenden Beweis von der Beliebtheit, deren er sich erfreute, legte der Leich'enzug ab. Alle Konfessionen und Gesellschaftskreise waren vertreten. Seiner Bescheidenheit entsprechend hatte er sich jede Trauerrede im Hause verbeten. Am Grabe sprachen in zu Herzen gehenden Worten die Herren Rabbiner U l l m a n n und Rothenberg, die seine Verdienste um die Allgemeinheit eingehend würdigten. Herr Oberlehrer Dr. Joseph Breuer- Frankfurt a. M., der Schwiegersohn des Verstorbenen, schilderte in beredter Weise das echt jüdische Familienleben des Verblichenen. Im Namen der Firma verliehen Herr Feuchtwanger und Herr Sohlbrrg dem herben Verlust Ausdruck. 7>r. A. I Wochenkalender. | 1913 5674 Sabbat Sonntag Montag Dienstag Mittwoch Donnerst Freitag 13. Dez. jl4. Slislero 14. „! 15. „ 15. „ 16. „ 16. .. 17. ,. 17. „ 18. „ 18. .. 19. „ 19. „ '20. „ 1! Gebetszeiten. (Freitagabend) (Sabbatausgang) Nnsbach. . 4 ll. 5 U. Basel -. . 4 U. 30 5 U. -5 Fürth. . 4 U. ir* 5 U. or> Mülhausen. . 4 11. 15 5 11. 20 Nürnberg: Synagoge Essenweinstraße . . 4 U. 15 5 U. <»3 Htraszburg: Synagoge Kleberstaden . . . . 4 ll. 30 5 U. 20 „ Kageneckerstraße . . 4 U. 30 5 U. 20 Stuttgart. 4 U. 30 5 U. io (Amtsmoche: Stadtrabb. Dr. Kroner, Kirchenrat.)