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Das jüdische Blatt · 1913-12-05 · 49 (5.12.1913) · p. Seite 2

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Journal
Das jüdische Blatt
Volume
IV (1913)
Issue
49 (5.12.1913)
Date
1913-12-05
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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2 Das jüdische Statt. Nr. 49. Inhalt. Leitartikel: Probleme. — Die Feier des siebzigsten Geburtstags des Rektors des Nabbinerfeminars zu Berlin Dr. D. Hoffmann. — Aus aller Welt. — Beilis Leiden nach seiner eigenen Schilderung. — Korrespondenzen. — Wochenkalender. — Gebetszeiten. — Familiennachrichten. — Rätsel-Ecke. — Sprechsaal. — Briefkasten — Gedalja. — Inserate. Zu Kn. Wroöl'eme. Wenn in alten Zeiten den Jüngern des Lehrhauses ein neues Problem draußen in der Welt der Erfahrung auftauchte, da wandten sie sich an ihre Lehrer, die erfahrenen Männer, die da saßen im Rate der Weisen: Jelamdenu Kabenu: Es unterweisen uns unsere Lehrer. „Wie ist es, wenn eine Lampe, des Lichtes Behälter, Bilder von Götzendienst an sich trägt, darf ein Israel die Lampe benützen?" Nicht spitzfindiger Art waren diese Fragen! Unsere modernen Juden sind ja gleich bereit, alles zu der Art vom „Ei, das am Jomtof gelegt worden ist", zu rechnen. Nicht allein das, was uns altmodischen Juden als ein Stückchen Philosophie im verschleierten Gewand erschein^, sondern auch was sich bei etwas Nachdenken als eine gescheite Lebensregel herausstellt, wird in die Rumpelkammer des Ghetto-Judentums geworfen. Man hat gleich über Judentum geurteilt. Der Talmud enthält allerhand dummes Zeug. Wer weiß, hat neulich bei Gelegenheit des Beilis-Prozesses ein Jude gesagt, wer weiß, ob nicht doch etwas im Talmud vom Ritualmord steht. Man ist ja schon lange gewohnt, fremde Lichter im jüdischen Heim anzuzünden, ohne lange zu fragen, ob die Lampe, aus der das Licht brennt, nicht „Zuras Awodas-Soroli" an sich trägt, ob nicht die Form Gedanken einer dem Judentum entgegengesetzten Welt ausdrücken will. Allerdings, das Licht ist die erste Gabe, die wir aus den Händen des Weltenschöpfers erhalten haben, zum Lichte gehen alle unsere Bestrebungen, es ist die Quelle unserer Segnungen. Niemals ist bei uns Juden eine Prometheus-Sage entstanden. Daher ist uns jede Erleuchtung willkommen, von wem sie auch kommen mag. Nur darf dieses fremde Licht nicht unsere Sonne verdrängen, nur darf dieses Eindringen keinen Schaden für unser Judentum verursachen. In unser jüdisches Haus strahlen aber Ideen, deren Herkunft unjüdisch ist. Sie verwischen nach und nach unser jüdisches Wesen, das entsprungen ist aus anders gearteten Naturanlagen, herangebildet durch charakterfeste Treue zur jüdischen Religion und langjährige Seßhaftigkeit im jüdischen Lande. Wollen wir z. B. uns ein Urteil bilden über unsere Bibel, unseren Talmud und ihre Lehren, so fragen wir nicht unsere Größen, sondern die Bibelkritiker, die doch nicht die berufenen Kenner unseres Seelenlebens sind, das doch zuerst bei der Beurteilung eines Werkes in Betracht kommt. So ist es auch mit der Lösung neuer Probleme, die sich uns Juden ebenso wie andern entgegenstellen. Wir suchen die Probleme gar nicht auf jüdische Art zu lösen. Da haben wir das Wirtschaftsproblem. Nichts hat in den letzten Zeiten eine solche Wandlung durchgemacht, wie das Wirtschaftsleben, nichts schneidet auch so sehr in alle anderen Fragen ein, als eben dieses. Die Technik, die berufen ward, Menschenkraft zu sparen, fordert gerade im Gegenteil jeden einzelnen zäher auf das Feld des harten Lebenskampfes. Das zeitigt dann die traurigen Erscheinungen des modernen Lebens. Die vielen Morde und Selbstmorde sind uns heute fast eine Selbstverständlichkeit. Die Belastung des Familienvaters mit Abgaben, Steuern und andern Dingen zwingt die Familienmitglieder, aus dem schützenden Kreis der Familie herauszutreten. Die Rolle der Frau verschiebt sich allmählich, sie wird mehr und mehr zur geschlechtlosen Arbeitsbiene. Ladenmädchen, studierende Damen, Suffragetts ist mehr oder weniger Verkennung der Natur der Frau. Die Autorität der Eltern schwindet dahin, sie haben keine Zeit, strenge Erziehung walten zu lassen, man überläßt diese dem Staate. So ist man kürzlich zu der Forderung gekommen: die Familie soll fortan hauptsächlich den Zweck haben, für kräftigen Nachwuchs zu sorgen, die Erziehung übernimmt der Staat. Was wird da schließlich aus der Ehe werden: une basse cour. Kein Wunder, wenn da die letzten Konsequenzen gezogen werden und die Prediger der freien Liebe erstehen. Alle diese umstürzlerischen Symptome, Bewegungen, sind schon tief in den jüdischen Volkskörper eingedrungen, man merkt schon bald keinen Unterschied mehr zwischen einer jüdischen und nichtjüdischen Familie. Die Anschauungen der Umwelt werden ja als die Erleuchtung, die uns veralteten Juden nottut, angesehen. Man verschließt die Augen darüber, daß die Strahlen so veränderter Lebensbedingungen uns umgeben aus nichtjüdischen Zentren. Man macht all die Fortschritte mit. Die jüdischen Töchter ziehen hinaus in die weite Welt. Bald machen Marcel Prdvosts ange gardiens Schule. Die Erziehung aber, die nicht mehr von den Eltern geleitet wird, wird auch nicht von der Allgemeinheit besorgt. Die Unantastbarkeit der jüdischen Familie wird gebrochen, der Bestand der jüdischen Familie ist mehr als gefährdet. Gerade unsere heutige Sidrah zeigt die Innigkeit der jüdischen Familie, dieser Stütze unseres Judentums. Sollte uns dies nicht zu einem Vergleich mit den jetzigen Verhältnissen führen. Sollten wir nicht das geborgte Licht etwas näher untersuchen und Ij'loS'i I sollten wir nicht wieder unsere alten Lehrer befragen für die Probleme der modernen Zeit. Sollten nicht unsere Rabbiner dem Studium dieser Frage ihre Aufmerksamkeit widmen? Rabb. Dr. I. Weil, Bollweiler. Die Feier des sirbstgsien Geburtstags des Nektars des Nabbinerfeminars;n Berlin, Dr. D. Hoffman« vi Das Fest des siebzigjährigen Jubiläums des Rektors des Rabbinerseminars, Dr. Hoffmann v'j, gestaltete sich zu einer eindrucksvollen Huldigung weiter Kreise von Kollegen und Schulen, von Freunden und Gemeindemitgliedern für den gefeierten' Gelehrten. Von weiter Ferne waren die ehemaligen Schüler in großer Zahl herbeigeeilt und verliehen durch ihre Gegenwart dem Feste ein Bild reichen Lebens. Schon der Sabbatgottesdienst (rvnbirV) trug das Gepräge des Festes. Es war ein weihevoller Augenblick als der greise Gelehrte zur Thora aufgerufen wurde, um Gott den Dank für die Ehre des Tages zu geben. Herr Dr. M. Hildesheimer trug einen von hohen Gefühlen getragenen Mi Schede i r a ch vor. Den Mittelpunkt der gottesdienstlichen Veranstaltung zu Ehren des Jubilars bildete die eindrucksvolle Predigt des Herrn Rabbiners Dr. E. Munk, die in schöner edler Form das Wesen des Talmud Chacham schilderte und sich dabei an die Erzählung des Wochenabschnitts von den drei Brunnen Isaaks anlehnte. Am Sonntag, vormittags 10 Uhr, versammelten sich im festlich geschmückten Auditorium des Rabbinerseminars die jetzigen und die ehemaligen Schüler, die Kuratoren und die Dozenten mit ihren Frauen, und die Familie des Gefeierten. Namens der Dozenten sprach Geheimrat Professor Barth in sinniger Weise; ebenfalls in deren Namen verlas Dr. Eppenstein eine hebräische Adresse: Herr Grünberg, Hörer des Seminars, überreichte 800 Exemplare der von ihm ins He-

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