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Das jüdische Blatt · 1913-11-28 · 48 (28.11.1913) · p. Seite 11

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Journal
Das jüdische Blatt
Volume
IV (1913)
Issue
48 (28.11.1913)
Date
1913-11-28
Page
Seite 11 (sequence 11)
Language
German
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SRr. 48. Das jüdische Statt. n Ruhmes mit Riesenschritten erreicht. Seine Stellung bei Gericht war ohnegleichen: im Parlament mochte ihn jeder gern; in der Gesellschaft von London war er überall ein willkommener Gast, und die elegantesten Hausfrauen freuten sich, diesen schönen, geistreichen, beredten und jung aussehenden Rechtsanwalt in ihren Salons begrüßen zu können. Kein Schatten hatte jemals seinen Ruf in Sachen der Ehrlichkeit und Gewissenhaftigkeit verdunkelt, bis die unselige Marconi-Affäre ans Licht kam. In dieser Transaktion handelte Rufus Isaacs mit einer Fahrlässigkeit, die man von einem so erfahrenen und pünktlichen Juristen kaum erwarten konnte. Was ihn hineinvsrwickelte, war zweifellos reine Gutmütigkeit; seine Brüder, die in finanziellen Geschäften engagiert waren, hatten starkes Interesse an der Marconi-Gesellschaft, und sie wollten, daß der Attorney General mit seinem großen Prestige und Einfluß sie in ihren Beziehungen zu der amerikanischen Marconi-Gesellschaft durch Ankauf von mehreren Aktien unterstütze. Rufus Isaacs verstand sich dazu, und bewog auch Lloyd George, den Schatzkanzler, und einen anderen der Minister, sich an dem Unternehmen zu beteiligen. Im Vorgehen des Attorney General lag nichts wirklich Korruptes oder Unehrliches, doch es zeigte einen gewissen Mangel jener strikten Zurückhaltung in finanziellen Fragen, die man bei hohen Funktionären der britischen Regierung für unerläßlich hält. Es war eine Torheit, was sowohl Rufus Isaacs wie Lloyd George seither zugegeben haben, und sie wurde verschlimmert, indem ihre Spekulation in amerikanischen Marconi-Aktien vor dem Unterhaus sorgfältig verheimlicht wurde, bis irgendein Vorgang im Gerichtssaal sie ans Licht brachte. Da erhob sich, wie man weiß, ein großer Skandal. Tie konservativen Zeitungen richteten wütende Angriffe gegen die beiden beteiligten Minister, und eine Parlamentskommission wurde zur Untersuchung der ganzen Angelegenheit eingesetzt. Das Ergebnis lautete dahin, daß kein Zweifel an der Ehre und dem guten Glauben Rufus Isaacs und seiner Kollegen möglich sei, daß sie jedoch mit einigem Mangel an Vorsicht und Takt vorgegangen waren. Es traf sich unglücklich, daß man beinahe gleichzeitig damit erfuhr, daß der bisherige Lord-Oberrichter, Lord Alverstone, sehr kränklich sei und dem Kabinett den Wunsch ausgesprochen habe, sich sobald wie möglich zurückziehen zu dürfen. Bei einem normalen Verlauf der Dinge wäre sein Nachfolger nicht fraglich gewesen. Der Attorney General hat als erster juridischer Beamter der Krone den ausdrücklichen Anspruch, Lord-Oberrichter zu werden, wenn dieser Posten frei wird und er ihn annehmen will. Als es bekannt wurde, daß Lord Alverstone sich pensionieren lassen wollte, beschäftigte sich das Gerücht sehr lebhaft mit dem Namen des Sir Rufus Isaacs. „Selbstverständlich wird er ernannt werden", sagten die Liberalen; „ist er nicht das Haupt des englischen Barreaus und allgemein als der Beste und Tüchtigste seines Faches anerkannt?" „Selbstverständlich kann er nicht ernannt werden", sagten die Konservativen. „Wie könnte an die Spitze des englischen Gerichtes ein Mann gestellt werden, an dessen Namen der Makel einer zweifelhaften finanziellen Operation haftet?" Es gab einen wütenden Zeitungskampf den ganzen Sommer hindurch, und man sprach frei die Vermutung aus, daß der Posten Sir Rufus Isaacs nicht angeboten werden würde, oder daß er ihn jedenfalls nicht annehmen würde. Letzten Endes aber kam Mr. Asquith zu der Entscheidung, die alles in allem doch erwartet worden war. Man fühlte, daß den Attorney- General zu übergehen gleichbedeutend mit der Bestätigung dessen wäre, was seine heftigsten politischen Gegner an ärgsten Beschuldigungen gegen ihn erhoben hatten. Dies aber hatte der Ministerpräsident und das Kabinett für keinen einzigen Augenblick zugegeben. Sie waren es zufrieden, den Schiedsspruch der Kommission gutzuheißen, der von einiger Nachlässigkeit und Unvorsichtigkeit sprach; doch sie glaubten nicht, daß ein einziger Fehler dieser Art die Karriere eines so hervorragenden und bedeutenden Mannes abschneiden dürfe. So wurde, als Lotd Alverstone tatsächlich demissionierte, sein Posten dem Attorney General angetragen und von diesem auch angenommen. Es ist charakteristisch für die Art, in der die englische Presse öffentliche Angelegenheiten behandelt, daß, mit einer einzigen Ausnahme, kein ernstes Blatt, selbst auf unionistischer Seite nicht, die geringste feindliche Bemerkung zu dieser Ernennung machte. Mochten sie vorher was immer gesagt haben, so fühlten die Redakteure doch, daß, wenn ein Mann nun einmal auf den höchsten richterlichen Posten des Reiches ernannt war, jeder Versuch, seine Autorität zu schwächen oder sein Ansehen zu schmälern, unrecht wäre. Die Kriegsaxt aus der Vergangenheit wurde rasch begraben, und der neue Lord-Oberrichter trat sein Amt unter allgemeiner Zustimmung an. Seine Berufsgenossen waren entzückt, denn alle anerkennen ihn als beinahe den ersten Juristen Englands; und sie freuten sich, daß in diesem Falle mehr berufliche als politische Rücksichten den Ausschlag gegeben hatten. Und es ist zweifellos, daß sein Wissen und Urteil und seine Kenntnis des Rechts und, was ebenso wichtig ist, seine Kenntnis der Welt und des Geschäfts den Lord-Oberrichter zu einem beinahe idealen Richter machen. Man hat allgemein die Ueberzeugung, daß er seine neuen Pflichten segensreich erfüllen wird. Als Jude war Sir Rufus Isaacs zwar für den Posten des Lord-Oberrichters wählbar, nicht aber für den noch höheren und vornehmeren Posten des Lord-Kanzlers, der nach englischem Gesetz dem protestantischen Glauben angehören muß. Es ist wahrscheinlich, daß die Unerreichbarkeit dieser Würde die Ursache ist, warum Sir Rufus Isaacs sich entschloß, sich von der Politik zurückzuziehen und die Nachfolgerschaft als Lord-Kanzler von liberaler Seite seinem jüngeren Kollegen Sir John Simon zu überlassen, der nun Attorney General wird. Sir John Simon ist angeblich auch von semitischer Abstammung; doch gehört er jedenfalls nicht dem jüdischen Glauben an, da er der Sohn eines Pfarrers der reformierten Kirche ist. Immerhin spielen Juden eine größere Rolle im jetzigen britischen Ministerium als je zuvor. Nie zuvor waren Namen wie Isaacs, Simon und Samuel so häufig in der englischen Politik. Mr. Herbert Samuel, der Minister für Post- und Telegraphenwesen, ist Mitglied des Kabinetts und so bedeutend, daß viele Leute glauben, er müsse im Laufe der Jahre Premier werden; denn er ist noch kaum Uber Vierzig und hat eine lange und vornehme Karriere vor sich. Ein Verwandter von ihm und ebenfalls ein Jude, ist Mr. C. E. Montague, der Unterstaatssekretär für Indien, auch ein junger Politiker von großer Begabung und schönen Aussichten. Es gibt augenblicklich sechzehn jüdische Abgeordnete, eine größere Anzahl als es je gegeben hat, und ich glaube, auch eine größere als in irgend einer anderen gesetzgebenden Körperschaft, mit einer einzigen Aus-- nähme, zu finden ist. Juden waren am öffentlichen Leben Englands mehr oder weniger immer beteiligt, seit sie um die Mitte des vorigen Jahrhunderts zuerst ins Unterhaus ausgenommen wurden: doch sie haben sehr selten ein Ministerportefeuille erlangt, und ihr außerordentliches Hervorstechen in der jetzigen Regierung ist ein neuer Zug im öffentlichen Leben Englands. („Pester Lloyd.") ----- Hedatjafi. . Bilder aus der jüdischen Vergangenheit von Caroline Deutsch. (Fortsetzung.) Der Führer wendete sich an die Schar. „Der Augenblick ist da," sagte er. „Ist einer unter euch, der jetzt schon Furcht

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