Das jüdische Blatt
- Journal
- Das jüdische Blatt
- Volume
- IV (1913)
- Issue
- 47 (21.11.1913)
- Date
- 1913-11-21
- Page
- Seite 12 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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12 Das Mische Mail Nr. 47. und lange verbargen, in der Todesstunde darfst Du's doch; was Du im Leben nie gewagt, nie gedurft . . . Im Tode brechen alle Schranken und Fesseln, die Wahrheit herrscht allein und frei steht der Mensch dem Menschen gegenüber." Er s a h ihren Blick, er hörte ihre Worte, ihre Stimme und stürzte außer sich, seiner nicht mächtig, vor ihr nieder und wie ein Feuerstrom ergoß sich das heiße, so lang verschwiegene Gefühl über seine Lippen, wie ein mächtiges, unterirdisches Gewässer, das Jahr um Jahr in der Tiefe braust, schäumt und sich immer tiefer eingräbt, durch ein Erdbeben aufgewühlt mit einem Sturz auf die Oberfläche üch ergießt ... Es umrauschte und umbrauste sie, daß sie erzitternd, die Hände auf ihr Herz drückte. „So dachte ich mir Deine Worte," sagte sie nach einer Pause mit unaussprechlicher Bewegung. „Was Du jetzt zu mir gesprochen, hat schon tausend und tausendmal in meinem Herzen wiedergeklungen," daß es mir wie Vertrautes tönte, wie Liebgewordenes, und Heiliges. Warum hast Du so lange geschwiegen. Wie konntest Du so lange schweigen, Jochanan." „Du bist eine Königstochter, ein Blick, ein Wort von mir, hätte meinen Vater und meine Geschwister in namenloses Elend gestürzt und dann hattest Du Dich kalt und stolz von mir gewendet . . " „Ja ich war stolz," unterbrach ihn die Jungfrau. „Ich dachte ein Königsname sei das Höchsts, Unnahbarste auf Erden. Jetzt seh ich ein, daß er schneller dahinschwinden kann, als das Gras auf dem Felde. Ich war stolz, um so stolzer gegen Dich, als ich mein Gefühl für Dich kannte und es nicht ausreißen konnte. Jetzt bin ich demütig geworden, Jochanan, demütig seit dem Tage, da ich freiwillig ins Elend ging, demütig, wie es ein liebendes Weib sein kann und wie ich Dich liebe, mein Geliebter, weiß ich erst jetzt, da ich Dich verlieren soll." Er umschloß sie mit seinen Armen und sie lehnte mit einem Ausdruck unaussprechlicher Hingebung ihr Haupt an seine Brust. So standen sie stumm, selbstvergessen in der letzten, langen Umarmung. „Ich will nicht klagen, ewiger Gott," sagte der junge Mann nach einem langen Schweigen tief erschüttert. „Wir konnten uns nicht anders finden; nur zwischen Gräbern blühen und duften unsere Blumen. Habe Dank für dies letzte, große Glück, das du mir gegönnt." „Ist keine Rettung? Mußt du fort?" fragte Zippora. „Keine. Das Los hat mich getroffen, ich bin der Führer. Durch Eid und Schwur bin ich mit den andern Jünglingen verbunden. Ich muß mein Wort einlösen." „Und gibt es kein anderes Mittel, als dies entsetzliche?" „Keines, unsere Lage zu verändern. Sieg oder Tod, heißt jetzt die Losung." Dinah, die bis jetzt eine stille, aber gewiß keine teilnahmslose Zuhörerin war, stürzte vor ihrem Bruder nieder und umklammerte dessen Kniee. „Erbarme dich und geh nicht von mir, du, der letzte meiner Teuren und Geliebten, geh nicht von mir! Was soll aus uns werden? Erbarme dich ihretwegen, wenn nicht meinetwegen." „Gott muß sich erbarmen, ich kann es nicht; für mich gibt es keine Rückkehr mehr," sagte Jochanan mit mildem Tone, aber fest und unerschütterlich, und hob das tränenüberströmte Gesicht der Schwester zu sich empor. „Wenn das höchste Glück, die seligste Lust mir winkten, ich würde mich abwenden und den Weg gehen, den ich gehen muß. Darum erbarmt ihr euch und macht mir den Abschied nicht so schwer." Zippora sprach kein Wort, das den Geliebten von dem furchtbaren Schritte zurückhalten sollte. Er hatte sein Wort gegeben, er hatte seinen Schwur geleistet und mußte gehen. Eine Frivolität, hätte es ihr geschienen, in dieser Zeit an sich zu denken. Was zählte das Glück eines Einzelnen in dem allgemeinen Jammer, in dem Tausende und Tausende untergingen? Sie hatten sich gefunden, erkannt, mit langentbehrter Farbenpracht und Helle hatte sich für sie der Himmel bedeckt, bevor er auf immer in finstere Schatten sich hüllte . . . war des Glückes nicht genug? Große Verhältnisse finden große Menschen anders als gewöhnliche. Im großen Kampfe entwickeln sich alle geheimen und offnen Kräfte rasch und gewaltig und fließen in der e i n e n I d e e zusammen, moralisch „nicht zu unterliegen, dem Unabänderlichen sich zu fügen". Das ist ein Bollwerk, an dem sich die Wogen des empörtesten Meeres vergebens brechen. Mit bleichen Lippen, aber mit sanftem, erhebendem Tone sprach die Fürstin die Abschiedsworte. Sie wies auf ein schöneres Wiedersehen hin. Jochanan hatte recht; nur zwischen Gräbern konnten ihre Liebesblumen blühen, und waren sie nicht innerlich glücklicher, daß sie ihnen aufgeblüht, als daß sie beide im ewigen Dunkel gewandelt wären, voneinander geschieden, sie einem andern Manne angehörend, Jsmael vielleicht, und er in ewiger Sehnsucht sich verzehrend? . . . es war besser für sie so. Darum noch eine letzte Umarmung, ein langes Jneinandertauchen der Blicke, als wollte jeder das geliebte Bild tief in die Seele prägen; dann waren sie getrennt. Mit schweren, unsicheren Schritten verließ der junge Kriegsmann den Garten, auf dem einsamen Grabe blieben die zwei Mädchen zurück. - Der letzte Kampf. Einige Stunden später spielte sich auf dem großen, inneren Platze vor dem Tore, das nach der Straße nach Jaffa führte, ein seltsames Schauspiel ab. Im Hintergründe sah man zu beiden Seiten die düstern, gewaltigen Umrisse der Mauern, die von mächtigen Felsblöcken und Schleudertürmen bedeckt waren und auf denen man beim unsichern Scheine der Fackeln zahlloses bewaffnetes Volk sah, als ginge es zu einem großen, nächtlichen Kampfe. Auf dem großen Platze vor den Mauern knieten einige hundert Männer, von bleichen, müden Gestalten umringt; sie trugen weiße Sterbekleider, und Totengesänge ertönten von ihren Lippen. „Höre, Israel, der Ewige, unser Gott, ist ein einziges, ewiges Wesen." „Und der Ewige segne und behüte euch," erscholl es als Antwort in tief ergreifenden Tönen von den Mauern. Dann standen die Männer auf, zogen die Sterbekleider aus und baten sich gegenseitig um Verzeihung, auch die Verwandten und Bekannten um sie, wie sie es zu tun pflegten, wenn sie am Abend des Versöhnungstages nach dem Tempel Gottes zogen, damit kein böser Trieb und keine unreine Empfindung das Heiligtum entweihe. Die Waffen wurden fester angezogen. Jeder verwahrt das Päckchen Fett und Pech in seinem Gürtel; dann begannen i die Schließer die schweren Torflügel zu verriegeln. „Leb' wohl, Gedaljah," sagte Jochanan zu dem jungeu Fürsten, der neben ihm stand; „denk an sie und meine Schwester. Es ist das Erbe, was ich dir hinterlasse." Gedaljah konnte nicht antworten, in stummem, wortlosen Schmerz drückte er die Rechte des Freundes. Er hatte ja auch mitzieheu wollen;' doch Jochanan hatte so lange in ihn gedrungen, bis er endlich von seinem Entschlüsse gelassen. (Fortsetzung folgt.)