Das jüdische Blatt
- Journal
- Das jüdische Blatt
- Volume
- IV (1913)
- Issue
- 46 (14.11.1913)
- Date
- 1913-11-14
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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2 Das jüdische Statt. Nr. 46. Inhalt. Leitartikel: Untergehende Städte. — Das Ende des Kiewer Prozesses. — Brief;vom Lande. —Aus aller Welt. — Korrespondenzen. Wochenkalender. — Gebetszeiten. — Rätsel-Ecke. — Familiennachrichten. — Vermischtes. — Bücherbesprechung. — Spendenliste des Erez-Ifrael-Bureau Mülhausen. — Inserate. Zu -\b. Zlntergehenbe Städte. Von Dr. A. Debre. I. Am Unterlauf des Jordans lag eine kleine Tiefebene. Eine Perle von einem Land. Ueppige Vegetation wie in Aegypten, 'prächtiger Baumwuchs'. Feigen, Granaten, Nüsse, Mandeln, Aepfel, Pfirsiche und Wein. Die Gegend lockte zur Ansiedelung. Vier Königreiche <?n miniature hatten sich dort mit der Zeit gebildet: Sodom, Gamorah, Admah, Zebo'im, und deren Bewohner hatten wohl für sich zu sorgen verstanden. O, man hatte inicht gefaulenzt, an den Werktagen hatte man sich ganz forsch llns Zeug gelegt und an den Ruhetagen geschlafen, um für die Woche frisch zu sein. Pfennig war hübsch zu Pfennig gelegt worden, und im Kasten hatte es bald wie von Gold geklungen. Und im Geschäft, da war nicht gefackelt worden. Wenn man nur einen kleinen Vorteil für sich ergattern konnte. Mochte auch dadurch dem andern ein großer entgehen, mochte die Allgemeinheit ein wenig darunter leiden. Geschäft ist Geschäft. Chacun pour soi. Und man hatte sich gemacht. Haus und Weste mußten erweitert werden. Man ward behäbiger Bürger. Kamen Fremde m die Gegend, so übte man wohl noch Gastfreundschaft. Aber nicht mehr wie früher, als man noch in den Anfängen war. Nicht wie jener Narr, der Vetter Lots, Abraham, von dem man sich erzählte, daß er in der brennenden Sonne auf Wanderer wartete, sie bat, seine Gäste zu sein, und für sie sein Haus von unterst zu oberst kehrte. Nein, so nicht. Gäste wurden zu passender Zeit angenommen, wenn man gerade bereit war, sich mal vom Weltgetriebe draußen ein Stündchen erzählen zu lassen. Auch mit den Armen hatte man sich recht bequem abgefunden. Wozu sich von ihnen behelligen zu lassen oder gar sich um sie selbst zu kümmern? Mit ein paar Mark wurde die Geschichte abgemacht. Man schuf eine Wanderarmenfürsorge. So hatte man sich als loyaler Mensch bewiesen und doch ganz nett für sein ungestörtes Vorwärtskommen gesorgt. „Gesunde Egoisten" nannten sie sich und waren behagliche bourgeois. So gab es und so gibt es Tausende, die Benaunim, die große Mittelpartei. Scheli, Scheli, Wescheloch Scheloch. Ich sorg' für mich, sorg' du für dich: so ward's in Sodom Sitte. II. Brauchte man in unserem gelehrten Zeitalter, wo man sogar das unabänderliche Gottesgesetz sich entwickeln läßt, noch einen Beweis für die Tatsache der Entwickelung zu geben, unsere bourgeois von Sodom würden ihn liefern. Es ist ja auch natürlich, daß man anders lebt, wenn man sein Schäfchen im Trockenen hat, wie wenn man noch nicht so weit ist; nicht wahr? Na ja, das tat man eben in Sodom. Hatte man sich früher eine Ehre daraus gemacht, eine führende Stellung einzunehmen und die alten Traditionen aufrecht erhalten zu helfen, so war man jetzt davon abgekommen. Wozu sollte man sich mit dem Volke abplagen, für all sein Bemühen Undank einernten? War das ein Lebensgenuß? „Weltverbesserer" ward ein Schimpfwort, Chacun chez soi. Mit etwas freilich muß der Mensch sein Leben ausfüllen. Das Studium der Gotteslehre, wie es in dem benachbarten Königreiche Malchi Zedeks im Lehrhause Sems betrieben wurde, war ja schon im vorigen Geschlechte von Sodom vernachlässigt worden, doch nahm damals der Gelderwerb noch voll in Anspruch. Diese Beschäftigung war nicht mehr so dringend. Was nun? Auch eine Frage! Wer Geld hat, sucht das Leben zu genießen. Essen, Trinken und die Wonne der Menschenkinder: Frau und Frauen. Sie, die des Mannes Gehilfin sein sollte, seiner Kinder Mutter, war Genußobjekt. Vor Er und Onans Zeiten waren die Mittel gegen Kinderreichtum wohl auch schon bekannt. Zwei Kinder des kaum geschmälerten Vermögens wollte man höchstens. Für die fand man schon noch irgend einen Erzieher. Und konnte selbst weitergeniehen oder im Grnossenwerden des Lebens Blüten brechen. Unterhaltungen auf den Bällen, die an den Feiertagen stattfanden, waren zwar für sich selbst nicht amüsant. Man wollte nicht mit dem Partner Fragen erörtern und lösen. Es gab nur eine große Frage und eine Lösung. Alles andere war Gerede. Und bei all dem stand jeder für sich mehr als je. Familienangehörigkeit begann sich zu lösen. Auch hier: Chacun cliez soi. Während die „besseren" Kreise sich von der Regierung zurückgezogen hatten, hatten einige gerissene, aber trotzdem geschäftsuntüchtige Männer die Herrschaft an sich gebracht. Hatten solche, die auch nicht viel zu verlieren hatten, durch Spendieren von Wein und durch vertraulichen Umgang mit den Allergemeinsten an sich gefesselt. „Lumpenpartei" nannten sie sich selbst voll frechen Hohnes. „Schlechter Sohn" hieß man den Führer von Sodom, „Staatsschurke" den von Gamorah; bei dem dritten munkelte man gar von Meineiden, die seine Bande ihm und seinem Weine zuliebe geschworen hatte, und nannte ihn darum „Feind unseres Vaters im Himmel". Scheli, Scheli: Die „besseren" Elemente kannten nur ihr Heim, ihr Vergnügen, die ausgesprochenen Schufte regierten. So ward's in Sodom Sitte. III. Und man entwickelte sich weiter. Man fühlte sich recht wohl in seiner Haut. Das Land bot an Genüssen und Reichtum was man brauchte. Was konnten die Fremden Gutes bringen? Der Fremden Not? Q’uest-ce que cela me fait? Scheli, Scheli. Was brauchen wir Ausländer in unseren Städten, die ja nichts bringen, nur nehmen? „Sehen wir zu, daß des Wanderers Fuß nicht länger in unserem Lande erklinge! — Das ist neu, sagten die jüdischen Zeitungen, als einige „liberale" Gemeinden ihre Ausländerparagraphen erklügelten. Zeitungsweisheit. In Sodom und Gamorah schon hat man die Ausländer im erleuchteten Geiste des zwanzigsten Jahrhunderts zu behandeln verstanden. Und zwar erreichten jene früheren Gemeindeordnungen ihr Ziel weit besser als die heutigen. Zur Nachahmung und Erbauung seien sie mitgeteilt. 8 1. Wir sind patente Kerls. Haben's herrlich weit gebracht. Wer zu uns kommen will, muß uns gleich fein. Sollte so ein kleines beschränktes Menschenkind mit den „finsteren Ideen des Ostens" kommen — der unverbesserliche Idealist Abraham stammte auch aus dem Osten —, so muß selbiges so lange gereckt werden, bis es unsere Größe erreicht hat.-Daß das Menschenkind bei diesem beschleunigten Wachstum in der „liberalen" Luft seine Seele verlor, war sicher eine bedauerliche und von Sodoms Einwohnern bedauerte Begleiterscheinung. § 2. Wir sind patente Kerls. Daß Menschen kommen, die größer sein wollen wie wir, das darf's nicht geben. Leute, die mit ihrem Kopf den Himmel streifen, können wir nicht brauchen. Wir leben auf der Erde und mit der Erde. Was darüber hinausgeht, hat keinen Raum in Sodom.-Da es keine Irrenhäuser