Das jüdische Blatt
- Journal
- Das jüdische Blatt
- Volume
- IV (1913)
- Issue
- 44 (31.10.1913)
- Date
- 1913-10-31
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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IRcfcb und Ausland: Lettungsprelsltlte. Kapern: Leitungsnummer 546. Geschäftsstelle: - M. DuMoiit «dtrtubcrfl, Slraszburst i. Eis. - iiertvctuiifl für Bayern und Württemberg: Mar EiNiinger. KSnigl. Hofbuchliändler, Ansbach «Bayern). ,'tu dezicyen: Durch die Geichüftsstrilc: anberdem in Ttratzburg durch die Elfüsslsche Akilengesellschaft darin. A. Ammel. In Basel durch I. Aordina»», Soeinürafte 36. In Zürich durch A. Schneider. Badencrstrabe. 123. — . . Bezugsbedingungen: Pro Onarlal per Post 75 Pfg. (exkl. Zustellungsgebiihrenl, per Streifband M. l.2b. In Frankreich unter Streifband 2.50 Fr. das Biertelfayr. 10 Fr. das Jahr. In der Schweiz per Post 4 Fr. das Jahr ohne Bestellgeld, unter Streifband >0 Fr. das Jahr. In Oesterreich per Post 4 Kr., per Streitband 9 Kr. das Jahr. In England 2 Schilling, Amerika 50 Cents per Vierteljahr. - — Inserate nach Tarif.- Abonnements nimmt jede Dottanttalt entgegen. iv. Zabrgrmg. Ansbacb-Ltrrnzburg. 31. Oktober 1913, 30. Tlttcbri 5674. Dr. 44 Inhalt. Leitartikel: Religion und Moral. — Der Kiewer Ritualmordprozeß. — Aus aller Welt. — Korrespondenzen. — Briefkasten. — Wochenkalcnder. — Gebetszeiten. — Familiennachrichten. — Rätsel-Ecke. Gedaljah. — Inserate. Z» nn Religion und Moral. Genügt eine Moral ohne Gott? Wieviele Menschen unterziehen sich ohne Aussicht auf Lohn, Gewinn und Anerkennung schwerer, oft das ganze Leben hindurch andauernder Arbeit zur Ehre Gottes? Um der Moral willen wird eine solche Last von Geduld und Selbstverleugnung selten übernommen. Genügt die Moral, um Ehrfurcht vor der Weisheit vergangener Zeiten einzuprägen? Unsere Zivilisation hat durch die Anwendung von Dampf und Elektrizität, durch zahllose Erfindungen und Entdeckungen eine ungeheuere Erweiterung erfahren. Hat die geistige Durchdringung des Lebens, hat die Kultur gleichen Schritt mit dieser Zivilisation gehalten? Die Japaner haben die Zivilisation in ihrem Lande eingeführt, haben sie etwa deshalb Kultur? Hat die Moral genügt, die Selbstsucht und die Ueberhebung durch die Demut und die Liebe einzuschränken? Genügt die Moral, uns den Geist und den Leib rein zu erhalten? Genügt die Moral, unseren Schritt von den wollüstigen Liebespfaden abzulenken, die verkehrten Begriffe über Ehe und Liebe zu meistern, denen die Moderne huldigt? Genügt die Moral, um in den verwickelten Lagen des modernen Lebens die sittlichen Entschlüsse einzugeben, genügt sie, um durch das Bewußtsein der Schuld unser Gewissen zu zerwühlen und durch das Leid, die Reue, die Buße, zur Selbstreinigung emporzuführen? Genügt die Moral, um die Kinder vor der Auflehnung gegen die Eltern zu schützen?. Man wird entgegnen: Genügt die Religion? Die gräßlichsten Verbrechen sind ja die, die im Namen der Religion unternommen wurden. Ströme Blutes sind im Namen der Religion geflossen. Noch in unseren Tagen sollte während der Affäre Dreyfus im Namen der Religion ein Volk, das die Idee der Freiheit und Gerechtigkeit siegreich durch die Welt getragen hat, in die Finsternis des Religionshasses zurückgeschleudert werden. Im Namen der Religion wird am Hellen heutigen Tage im russischen Gerichtssaale das wahnsinnige Gespenst der Blutlüge entfaltet, wird das Recht zur Farce, wird Lüge, Heuchelei, Ungerechtigkeit auf den Thron des Rechts erhoben, um im Namen der Religion ein nach Freiheit lechzendes Volk unter den Schrecken der Autokratie zu unterjochen. Alles im Namen der Religion. Genügt die Religion? Ihre Kraft, ihre Dauer, ihren Segen hat die Moral wie die Religion allein von Gott, vom heiligen Gott der Bibel, den wir in den jüngst vergangenen Tagen tausendmal angerusen haben als den langmütigen, den liebreichen, den hilfreichen, den Hort der Liebe und der Wahrheit und der Gerechtigkeit. Nicht einmal das Judentum ist unentbehrlich für dir.'Moral der Gesamtmenschheit, nur Gott ist für die Moral unentbehrlich. Die sieben Grundgesetze der Moral, die die Bibel voraussetzt, gelten für die ganze Menschheit, nicht nur für die Juden. Bestand und Wert erlangen sie nach jüdischer Ansicht allerdings nur durch ihre Begründung in Gott. Das Zeitalter der Sintflut war keiner Offenbarung teilhaftig, dennoch wurde es nach biblischem Bericht für die Niedertretung der Grundbegriffe der Moral, für die Vergewaltigung des Rechts, für den Mißbrauch der geschlechtlichen Liebe mit Vernichtung gestraft. Ein sittlicher Mensch braucht nach jüdischem Recht kein Jude zu werden, um der ewigen Glückseligkeit teilhaftig zu werden. Der Jude, der Treue und Glauben im Verkehr mißachtet, hat seine Menschenwürde verletzt, wieviel mehr sein Judentum entwürdigt. Wer die gesetzliche Freiheit mißbrauchend von einem durch das Wort bekräftigten Geschäfie zurücktrat, mußte wegen seines unmoralischen Betragens vor den Schranken des Gerichts einen Fluch entgegeunehmen. Konnte ihn auch der Arm des menschlichen Gerichts nicht ergreifen, so sollte doch sein Gewissen der göttlichen Verfolgung überantwortet werden. Und wie lautete die öffentliche Brandmarkung des Wortbrüchigen? Etwa so: Der sich Israel am Sinai offenbarte wird dich strafen? Nein! Dazu bedarf es keiner Offenbarung. Er hat die einfachste sittliche Menschenpflicht in den Wind geschlagen, als Mensch soll er getroffen werden und sich schämen und reinigen. Wer das Geschlecht der Sintflut und die Leute von Sodoni und Amora gestraft hat, der wird auch ihn finden, rief ihm der Richter entgegen. Gott allein ist das allen Menschen gemeinsame Ideal für die Moral. Das Judentum will durch seine Lehren und Uebungen bloß dafür sorgen, daß dieses Ideal uns stets vor Augen schwebe, uns auf allen unseren Wegen begleite, uns gegen das Böse