Das jüdische Blatt
- Journal
- Das jüdische Blatt
- Volume
- IV (1913)
- Issue
- 40 (2.10.1913)
- Date
- 1913-10-02
- Page
- Seite 13 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 40. Das jüdische Klatt. 13 zwei -Wächter preis, den Frauenwächter und den des Gefängnisses; denn eine strenge Untersuchung, die Jsmael verlangt hatte, hatte die Schuld der Beiden erwiesen. Zippora nahm zwar die Unglücklichen in Schutz, indem sie sich die ganze Schuld beimaß, sie hätte sie zu der Tat gezwungen; doch alle ihre Bitten und Tränen blieben erfolglos. Um sie zum Schweigen zu bringen, ließ sie der König auf einige Tage in ihre Gemächer sperren und drohte ihr mit der Wegnahme und Bestrafung Dinah's. Auch Jonachanan wäre Jsmael zum Opfer gefallen, denn der Elende klagte i h n des meuchlerischen Ueberfalles an und der König, obwohl vom Gegenteil überzeugt, hätte dennoch feine Hand zur Bestrafung geboten, um nur den Wütenden zu besänftigen und dessen Zorn von seiner Person und seinem Hause abzuwenden. Jochanan wäre gewiß verurteilt worden trotz seiner Unschuld, trotz der Zeugenaussage Gedaljahs, trotz seines Anhanges unter dem Volke und den Soldaten, wenn ihn der Fürst vor dem Rate öffentlich verklagt und seine Behauptung aufrecht erhalten hätte. Jsmael wurde daran verhindert; es trat ein Ereignis ein, das alle Gefühle und Empfindungen auf einen gemeinsamen Punkt hinwies und allen Verhältnissen einen plötzlichen Umschwung gab. Die Flucht. In dem alten Turme, der die Mauer zwischen Neustadt und Zion verband und auf das Tal Gison hinabsah, stand ein Mann und sah spähend ins Land hinaus. Die Sonne sank hinter die Berge und goß auf Sekunden ein Lichtmeer auf Erde und Himmel, auch auf die ferne Stadt, die auf den letzten Bergeshöhen stand, daß sie in Purpur gebadet, leuchtend und flammend aus dem Aether zu steigen schien, bald aber in blaue Nebel sich hüllend am blaßgrauen Horizonte verschwamm; es war Mizpa, die Felsenstadt. Stiegen in der Seele des Mannes, der einsam im Turme stand, Zukunftsbilder auf, daß er so unverwandt mit bleicher Stirne und düstern Blicken auf dies Schauspiel sah? ahnte er, daß auch bald die Sonne aus Jerusalem schwinden sollte, die Stadt in Todesschatten hüllend, um noch einmal auf kurze Zeit über Mizpa auszuflammen, bevor sie auf lange Zeit untertauchte? . . . Schritte ertönten auf der Mauer und zwei Männer traten in den Turm. „Gideon und Gedaljah", rief der Mann freudig, der kein anderer als Jochanan war und reichte den Ankömmlingen seine Hände hin. „Gott zum Gruß, meine Brüder. Ein jetziges Wiedersehen ist wie ein Neugeboren werden, man trennt sich selbst für Stunden mit der Empfindung, als sollte es für immer sein. .Du bist unversehrt Gedaljah?" „Ja, und Du auch, wie ich sehe. Als der Kampf ruhte, war mein erster Gedanke, Dich aufzusuchen." „Habe Dank. Und Du mein Bruder Gideon? warum hast Du Dich aufgemacht und bist den weiten Weg hierhergekommen. Du, der Du noch so schwach von Deinen Wunden bist." „Wir hörten, daß wieder den ganzen Tag der Kampf gewütet hätte. Der Vater verging in Todesängsten, da machte ich mich auf, um ihm Kunde zu bringen, wie es um seine Söhne steht?" „Nun?" fragte Jochanan hastig. „Die Zahl seiner Kinder schmilzt immer mehr zusammen und sein Haus wird immer öder und leerer," sprach Gideon mit dumpfer Stimme. Jochanan sagte nichts, er wandte sich um, um die Blässe seiner Wangen und das leise Beben seiner Gestalt zu verbergen; er riß sein Oberkleid entzwei, dann fragte er nach einer langen Pause: „Wer sind die Toten, Gideon?" „Jecheskel und Menascheh. Laß Dir's nicht so zum Herzen gehn, mein Bruder"; fuhr er fort; „der Tod ist nicht das Schlimmste, es wird noch eine Zeit kommen, wo die Lebenden die Toten beneiden werden." Gideon sah elend und verfallen aus, seine kräftige Gestalt war gebeugt, sein Haar teilweise ergraut, auf seinem Gesicht lag eine Art dumpfer Resignation und während er diese Worte sprach, sah er wie ein Greis aus. Er hatte aber auch viel verloren, der arme Mann, fast sein ganzes Lebensglück, die Seuche hatte ihm Weib und Kind dahingerafft. Er stand allein und was er damals zu Jochanan gesagt, als der Mann aus Naphthalie an dem Tische seines Schwähers saß: „Wer für Weib und Kind kämpft, kämpft mit doppeltem Mute", hatte sich bei ihm bewährt. So lange sic um ihn waren, war er voll Mut und Zuversicht, voll Kraft und Tapferkeit, seit sie dahin waren, war seine Seele müde und gebrochen. „Glaubt Ihr an das Gerücht, das seit einigen Tagen in Jerusalem von Munde zu Munde geht, und alle mit Entsetzen erfüllt?" fragte Gedaljah nach langem Stillschweigen. „Nebudkadnezer lasse durch babylonische Arbeiter einen Gang bis unter die Mauern graben, um sie zu unterwühlen; an einem bestimmten Tage werden sie Zusammenstürzen und der Feind darüber hinweg in die Stadt dringen. Der Tag soll nicht mehr fern sein." „Die Feinde des Volkes haben dieses Gerücht ausgedacht, um die Verwirrung zu vergrößern", unterbrach ihn der Freund. „Wer weiß, welches Bubenstück sie wieder Vorhaben. Vielleicht wollen sie sich und den König aus der bedrängten Stadt retten. „Wie kannst Du nur einen solchen Gedanken ausdenken?" fragte Gedaljah, fast zürnend. „Sie, die das Unglück über uns heraufgeschworen haben, könnten uns jetzt verlassen und preisgeben?" ... „Du bist, wie ein Kind mit Deinem reinen Herzen", verwies ihn Jochanan ernst. „Wie kannst Du an das Böse glauben, das ein Menschenherz bergen kann, wenn Du an die sichtbare geschehene Tat nicht glaubst." „Und in meinen Augen würde das gar kein Unglück sein, im Gegenteil", nahm Gideon das Wort. „Wenn das Volk sich selbst überlassen sein wird, wird es das Rechte ergreifen. Es wird die Tore öffnen, und dem Feinde sich freiwillig unterwerfen." „Das wird es nie tun, da bist Du im Irrtum, Gideon," sagte sein Schwager. „Wie zerklüftet und zerrissen es durch Parteien ist, in einem Gedanken ist es einig, keine Unterwerfung. Die Furcht vor dem Sirier ist größer als alles, die Mannschaften hoffen auf Sieg, hoffen, daß die Belagerer endlich die Geduld verlieren und abziehen werden, denn seit fünfzehn Monden mühen sie sich vergebens ab, oder, daß die Aegypter endlich hilfebringend erscheinen werden und sie verjagen. Wir würden auch im Vorteil sein", fuhr Jochanan fort, „wenn die Kriegsführung eine andere wäre, wenn die Feinde entweder heftige Anstürme hintereinander nehmen, daß sich ihre Macht auf einmal bräche, oder wenn wir häufige nächtliche Ausfälle machten und sie so ermüdeten und zur Verzweiflung brächten, wie sie uns, so aber bleiben die Tore stets geschlossen und wir werden langsam, schrittweise aufgerieben, wie Gefangene, denen man täglich den Bissen Nahrung verweigert." Der Sirier kann ruhig unser Hinsiechen abwarten. Er hat das offene Land mit seinem ganzen Segen." „Wie kannst Du von Sieg sprechen, Jochanan", fragte Gedaljah erstaunt. „Du weißt doch, daß es keinen für uns geben kann, daß Gott den Untergang beschlossen hat." „Ja, für das verderbte und auf Abwege geratene Volk, aber nicht für das renige, das sich zu ihm wendet und hilfeflehend den Vater sucht", versetzte Jochanan. „Wie oft schickte er die ergrimmten Feinde über sein Volk, um es ob seines frevelvollen Wandelns zu strafen; dann heißt es wieder, und als er ihre Not sah und ihre Reue und ihr Hilfeschreien hörte, da erbarmte er sich ihrer und wendete das Elend." Den Verdacht, den Jochanan ausgesprochen, sollte sich nur zu bald bestätigen. (Fortsetzung folgt.)