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Das jüdische Blatt · 1913-09-26 · 39 (26.9.1913) · p. Seite 12

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Journal
Das jüdische Blatt
Volume
IV (1913)
Issue
39 (26.9.1913)
Date
1913-09-26
Page
Seite 12 (sequence 12)
Language
German
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12 Das jüdische glatt Nr. 39. und ging zu ihm hin, denkend, es könnte mir doch gelingen, das Antlitz des Geliebten zu sehen, und als ich hier, in Gedanken verloren, vorüberging, fiel er mir in den Rücken und verwundete mich. Zum Glück war es nur ein Ritzen der Haut: denn ich hatte mich wie der Blitz gewendet und rang mit ihm." Unterdes wand sich Jsmael unter den Händen Jochauans. „Ruchloser Mann!" rief Jochanan mit empörtem Herzen. Er hatte ihm endlich das Messer entrissen und setzte es ihm aus die Brust: „Ich werde Deinem frevelhaften Treiben ein Ziel setzen. Bete zu Gott, dem Ewigen, Du hast keine Minute zu leben." Das Antlitz Jsmaels wurde erdfahl. Er sah in das Gesicht des Siegers und er sah, daß es eisig kalt war, und daß die Augen düster blickten. „Du, Du . . . einen Fürsten!?" . . . rang es sich von seinen Lippen. „Einen Mörder . . . bete zu Gott,-sag ich Dir, oder Deine schwarze Seele fliegt so in den Scheol!" „Du wirst ihn nicht töten," rief jetzt Gedaljah und hielt die Hand auf, die den Todesstreich führen wollte. „Jochanan komm zu Dir, was willst Du tun?" „Eine Natter zertreten, die ihre Giftspuren hinterläßt, wohin sie tritt." „Mit Bruderblut willst Du Deine Hand beflecken?" „Er ist'nicht mein Bruder," rief Jochanan außer sich. „Frevler gehören nicht zu der Gemeinschaft Israels. Laß meinen Arm los, Gedaljah, und hemme nicht den Lauf der Gerechtigkeit." „Du wirst ihn nicht töten," entgegnete Gedaljah mit gerötetem Gesicht, so lange ich hier bin." Wie sagt Jirmejah? „„Seht zu, daß sich das Recht in Euren Händen nicht zu Unrecht wandelt."" Kein Mann in Jehuda darf sich selber zu Recht verhelfen, übergib ihn dem Rate, der soll über seine Tat richten, Du aber besudle Deine reine Hand nicht mit Mord." „Ter Rat" . . . rief Jochanan bitter lachend, „der Rat ist er selber." „So überlasse ihn der Gerechtigkeit Gottes, der wird er nichl entfliehen, Du aber laß von ihm, sag ich, Du hast kein Recht, ihn zu richten; mir käme es zu, denn mich traf seine Hand. Ich aber sage: Das Bewußtsein seines Frevels sei eine Strafe." Bei diesen Worten senkte sich der Arm Jochanans. Gedaljah entwand ihm die Waffe, zerbrach sie und warf sie weit von sich. „Mögest Du diese Tat nie bereuen," sagte der Krieger mit düster prophetischem Tone. Er erhob sich und gab den Gegner frei. Doch Jsmael konnte nicht so bald ausstehen. Ter heftige Fall hatte seinen Riesenkörper erschüttert und das Gewicht des Feindes, der einige Minuten auf seiner Brust gelegen, ihn ohnmächtig gemacht. Er rührte sich und konnte doch nicht aufstehen. Da trat im reinsten Gefühle der Menschlichkeit der junge Fürst zu ihm und wollte ihm hilfreich die Hand bieten. „Wag es," schrie Jochanan mit empörter Seele, und trat dazwischen. „Auch das noch?!" „Ts ist doch das wenigste," fuhr er mit gerechter Entrüstung fort, „daß er sich in seiner ganzen Schwäche und Erbärmlichkeit zeigt, uns zeigt, was von ihm bleibt, wenn ihn die rohe, wilde Kraft verläßt." Unterdessen hatte sich Jsmael erhoben und dis drei Männer standen sich gegenüber. Es sprach keiner ein Wort, es war auch nicht nötig, der Ausdruck ihrer Gesichter zeugte genugsam von ihrer Stimmung. Jsmaels Gesicht war vom grimmigsten Haß und tiefster Leidenschaft durchwühlt, Jochanan trug auch das Gepräge des Hasses; es war aber geadelt durch den Zug strengen Ernstes, kalter gerechter Verachtung, der auf seiner hohen Stirn thronte. Gedaljah sah bleich vor sich nieder, ihn berührte schmerzlich das häßlich verzerrte Gesicht des Feindes; er konnte es nicht sehen. Jsmael ballte im grimmigsten Zorne die Fäuste gegen die zwei jungen Leute; dann verschwand er, aber sein höllisches Gelächter tönte noch lange im Dunkel der Nacht. „Warum Hab' ich ihn nicht getötet?" fragte Jochanan und der Zorn stieg wieder heiß in seinem Herzen auf. „Wieviel Unglück und Unheil wird er noch verbreiten, wieviel Jammer und Elend in den Häusern Jerusalems; das Los lag in meinen Händen, in meinen Händen die Macht, uns zu befreien von diesem tötenden Gift; ich tat es nicht, die Folgen werden über mich kommen." „Und Du durftest es nicht, trotz allem nicht", entgegnete die tiefe Stimme Gedaljahs. „Blick in Dein Herz, mein Jochanan, und forsche, ob nur die Gerechtigkeit Deinen Stahl geschwungen hat, ob nicht auch der heiße Drang, die eigene Kränkung zu vergelten, ob nicht noch etwas anderes . . . heißeres . . . das unausgesprochen in der Tiefe der Seele liegt und das ich auch nicht nennen will. Und Mord . . . Mord ... das ist ein Wort, dessen Klang nie im Ohre verhallt." Ließ das Mondlicht das Gesicht Jochanans so bleich erscheinen oder machten es die Worte des Freundes? Er drückte ihm einige Augenblicke stumm die Hand, dann sagte er mit tiefer Ergriffenheit: „Die Welt der Empfindungen ist uns ein Rätsel, selbst im Momente der Erregtheit kleiden wir oft unbewußt unsere persönlichen Gefühle in die Farben der Allgemeinheit. Wie glaubte ich mich in jenem Augenblicke nur von reiner, Gerechtigkeit erfüllt und jetzt, nachdem Du das Wort gesprochen, ward es plötzlich Licht in mir und ich erkannte mich. Habe Dank, mein Freund." Es war kein Zufall, der Jsmael diesen Weg geführt. Er stand vor dem südlichen Tore des großen Vorhofes. Als die zwei Frauen von dem engen, gewundenen Pfad auf die Straße traten, erkannte, trotz der Entfernung und der hereinbrechenden Dunkelheit sein scharfes Auge in der hohen Gestalt die Königstochter. Er folgte den beiden in einer Entfernung von fünfzig bis hundert Schritten. Als sie in der Gegend des Gefängnisses verschwanden, wußte er wohin sie gingen. Er ging zurück und erwartete sie an einer Stelle, wo er glaubte, daß sie an ihm vorüber kommen mußten. Zippora aber ging einen andern Weg und trat mit ihrer Begleiterin aus einem Seitengäßchen in die große Straße, gerade gegenüber wo Jsmael stand, und als Jsmael jenseits die Frauen erblickte und den Damm überschreiten wollte, sah er eine Männergestalt neben ihnen austauchen und erkannte die Stimme Jochanans. Er hörte fast das ganze Gespräch; da er sich ihnen nicht zeigen wollte, so konnte er es in seinem bösen Herzen nicht unterlassen, sie wenigstens zu ängstigen und zu erschrecken. Er ging mit schweren, dröhnenden Schritten einige Häuser die Straße herunter; Das war das Geräusch, das die drei jungen Leute erschreckt hatte. Als sie dann weiter gingen, folgte er ihnen in gehöriger Entfernung, sich hie und da die gemeine Genugtuung bereitend, sie auszustören. (Fortsetzung folgt.) Beim bevorstehenden CUiarta!$ivecl)$el ersuchen wir unsere geehrten Postabonnenten, die ihr Abonnement noch nicht erneuert haben, sich schleunigst wieder ans Das Jüdische Blatt zu abonnieren, damit in der Zustellung des Blattes keine Verzögerung eintrete. Der Bezugspreis für eilt Vierteljahr beträgt nach wie vor nuv 0,75 Mk. ausschließlich Bestellgeld.

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