Das jüdische Blatt
- Journal
- Das jüdische Blatt
- Volume
- IV (1913)
- Issue
- 38 (19.9.1913)
- Date
- 1913-09-19
- Page
- Seite 12 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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12 Das jüdische Mail. Nr. 38. Tages einen hohen Felsen erkletterten, eine tiefe Höhle fanden und drin spielten? Ein plötzliches Erdbeben erschütterte sie, nur schnelle Flucht konnte retten. Ich wollte Dich in meine Arme nehmen und hinauseilen, Du weigertest Dich. Dinah war meine Schwester und schwächer als Du, diese mußte ich tragen. Du gingst hinter mir und wurdest von einem nachstürzenden Stein heftig getroffen." „Du hattest das Abenteuer schwer genug bezahlt," meinte die Fürstin. „Jsmael bekam Kunde davon und da meine Mutter damals gerade krank war, so" . . . Sie wurde unterbrochen, wieder ließ sich das Geräusch hinter ihnen hören. „Es ist der Schall unserer eigenen Tritte," sagte Jochanan, „denn sobald wir stehen bleiben, hört es auf." Wenn sie gewußt, daß es nicht der Schall ihrer Tritte, daß jemand wirklich hinter ihnen ging, wenn auch in ziemlicher Entfernung und daß dieser jemand der Gefürchtete und Gehaßte war, dessen Name Zippora zuletzt ausgesprochen, sie hätten ihre Schritte mehr beschleunigt und wären in ihren Reden zurückhaltender gewesen. „Jsmael bekam Kunde davon," fuhr die Fürstin in ihren Erinnerungen fort, „und da die gute Mutter Dich nicht schützen konnte, so wurde dies benutzt, Dich körperlich zu züchtigen, und auf eine elende, listige Weise. Er lockte Dich in einen Hinterhalt, wo zehn seiner Genossen verborgen waren: sie überfielen den Wehrlosen und mißhandelten ihn bis fast auf den Tod. Und als Dein Vater es dem Fürsten klagte, hieß es: Knabenstreit kümmere reift Männer nicht; das müßten diese selber ausfechten. Du hättest für Deine Fahrlässigkeit noch größere Strafe verdient." Eine Stille trat nach diesen Worten ein; dann begann Zippora wieder: „Wie ich gehört, hat der König jetzt wieder Einflüsterungen des Fürsten Gehör geschenkt und Dir große Unbill widerfahren lassen." „Es ist schon ziemlich lange, seit es geschehen." „Ich Hab' es aber erst vor kurzem erfahren. Dinah wußte darum, ließ aber nie ein Wort davon verlauten." „Jochanan bat mich, Dich nicht damit zu behelligen, und ich gab ihm das Versprechen," sagte Dinah. „Der König nahm Dir die Stelle wieder, die der Lohn für seine Lebensrettung war?" „Denke nicht daran, hohe Herrin; er tat, was er gewiß tun mußte, glaube mir, so schwer es ihm ankam, so leicht trage ich's." „Je leichter Du es trägst . . . desto . . . Doch genug, wir sind am Schlosse." Sie waren wirklich an der Davidsburg angelangt und betraten einen schmalen Laubweg, der zu einer geheimen Pforte führte. „Wie kommt Ihr herein?" fragte der junge Mann. „Der Frauenwächter ist mit im Geheimnisse, er erwartet uns hinter der Pforte." Auf dem ganzen Wege hatte Jochanan eine Frage auf der Zunge geschwebt, aber so oft er es auch versucht, er hatte nicht den Mut gehabt, sie auszusprechen, auch jetzt beim Abschiede zögerte er noch eine Weile, aber dann, sich zusammennehmend, sagte er plötzlich, aber trotzdem mit unsicherem Tone: „Erlaubst Du mir eine Frage, hohe Herrin?" „Sprich." „Es heißt, dem Fürsten Jsmael sei es endlich gelungen, die Hand der Königstochter zu erlangen und daß sich bald in beu rauhen Klang der Königshörner Zinken und Trompeten mengen werden." „Wer wagt das zu behaupten?" rief sie fast heftig. „Meine Genossen haben es mir gesagt." „Warum hast Du nicht Dinah gefragt, wenn Du zweifeltest und besseren Bescheid haben wolltest," sagte sie nach einer Pause. „Ich habe es erst heute erfahren und dann . . . Dinah . . . sagt nie etwas." „Und Jochanan fragt nie etwas," wollte Dinah sagen; sie zog es aber vor, zu schweigen. „So höre Du meine Antwort," sprach die Prinzessin, „und sage es auch Deinen Genossen, wenn es nicht Fürst Jsmael, sondern der Mann ihrer Wahl, ihres Herzens wäre, die Königstochter Zippora würde auch nicht in einer Zeit wie der unsrigen, an Liebesglück und Hochzeitsfreuden denken." In diesem Augenblick ertönte ein dumpfer Ton wie der Schlag einer Wachtel im Innern des Hofes. „Ja, wir kommen. Lebe wohl, Jochanan, und nimm den Dank für Dein Geleite." Sie klopfte dreimal leise an die Pforte, und diese öffnete sich. Jochanan hatte kaum Zeit, Dinah zu umarmen, denn diese wie die Fürstin wurde hastig hineingezogen und wie der Blitz schloß sich wieder die geheime Türe. Lange blieb der junge Krieger wie gebannt und gefesselt an die Stelle, wo die Frauen verschwanden. Sein Herz wogte und das Blut jagte fieberisch durch seine Pulse; er drückte die Hände auf die heftig arbeitende Stirn, denn die Gedanken jagten und wirbelten darin. Welcher glückliche Zufall hatte ihn diesen Weg geführt? Er überdachte wieder und wieder diese Stunde und rief sich jedes ihrer Worte ins Gedächtnis zurück. Wie viel Jahre waren vergangen, seitdem er so viel und so vertraulich mit ihr gesprochen, seitdem sie ihm ein freundliches Wort gegönnt. Und er dachte einer andern Zeit, von der sie selber gesprochen, wo er täglich mit ihr zusammen war, ... wo man ihn holen ließ, wenn er einen Tag nicht erschien, da das Fürstenkind ohne ihn nicht sein konnte ... Sie war stolz und auffahrend, wie sie es selber gestanden, und verletzte oft, aber sie sah bald ihr Unrecht ein und suchte es durch Demut gut zu machen, und er erinnerte sich wieder eines Ereignisses aus jener Zeit. Einmal wollte sie übermütig, wie sie war, eine hohe Zeder hinaufklettern?, er hielt sie davon zurück und da sie seine Worte nicht hören wollte, umschlang er sie mit seinen Armen, um sie festzuhalten; sie sah ihn mit zornfunkelnden Augen an und sprach die harten Worte: Wie darfst Du es wagen, Gärtnerssohn, eine Fürstentochter so zu berühren? Er ließ sie los und ging fort und erschien wochenlang nicht bei den Kinderspielen, bis sie selber kam, so reuig und demütig, daß er die bösen Worte verzieh. Sie war eine Königstochter geworden und zog mit ihren Eltern nach Jerusalem, sein Vater blieb Gärtner, die Königin war ihnen wohlgesinnt: trotzdem war eine große Kluft entstanden; dann kam es noch schlimmer, eine Zeit, wo fast der letzte Faden der Verbindung zerrissen wurde. Debora starb, bald darauf wurde sein Vater des Dienstes enthoben und sie waren auf immer getrennt. Er verschloß fest und männlich sein Herz; er wußte, daß seine Neigung hoffnungslos war, und daß das leiseste Verraten derselben ihn in Entehrung und Tod, seine ganze Familie in unausbleibliches Elend gestürzt hätte. Nun war noch Dinah da, und sie blieb noch das einzige, vermittelnde Band zwischen der Gärtnersfamile und dem Königshause; das Mädchen war zu verständig, um in dieser gefährlichen Stellung die Vermittlerin zu spielen. Sie hatte zu hohe Meinung von einem Königsnamen, dann wußte sie, daß ihr Bleiben im Schloß nur an einem schwachen Faden hing. Wie oft hatte schon Jsmael den König vermocht, Dinah zu entfernen, aber immer noch hatte sich sein Befehl an dem festen Willen der Tochter gebrochen. Und dann hätte Dinah auch nichts zu vermitteln gehabt. Ihre Herrin sprach nie davon, fragte nie nach Jochanan, nannte höchst selten seinen Namen und wenn sie es tat, nicht mit mehr Interesse als die der andern der Gärtnerfamilie, der sie zugeneigt war. Ebenso war es bei dem Bruder. (Fortsetzung folgt.)