Das jüdische Blatt
- Journal
- Das jüdische Blatt
- Volume
- IV (1913)
- Issue
- 34 (22.8.1913)
- Date
- 1913-08-22
- Page
- Seite 12 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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12 Das jüdische Klatt Nr. 34 Zippora ließ nicht, wie bis jetzt, mit niedergeschlagenen Augen den Schleier fallen, bevor sie es tat, schoß ein Blitz des innersten Hasses aus ihren großen, dunkeln Augen und vereinigte sich mit dem wilden, verzehrenden Feuer, das aus des Prinzen Blicken strömte. „Ich komme im Aufträge Deines königlichen Vaters", sprach Jsmael. „Und ich weise Dich zurück in meinem Namen", versetzte die Jungfrau fest und stolz. „Zippora, ich will Dir nicht drohen, aber nimm Dich in acht. Du kennst die Bestimmungen Deines Vaters. Ich lasse nicht mit mir spielen, Du kennst mich." „Ich kenne Dich", versetzte die Fürstin, „darum wiederhole ich Dir, was ich Dir schon oft gesagt: Weiche von mir! denn der Atem Deines Mundes erstickt mich, wie der giftige Wind, der über die Ebene fährt." Jsmael trat zurück; er muhte, da es die Sitte befahl, nicht lange hier mit einer Jungfrau zu verhandeln, aber in seinen Augen lag tödlicher Grimm und die tiefste, verzehrende Leidenschaft zugleich. Jochanan lehnte noch immer an dem Stamm des Baumes; Sonnenstrahlen, die auf den Blumen und Blättern zitterten, spielten jetzt auch auf den offenen, kräftigen Zügen seines Gesichtes. In diesem Augenblicke ging Jsmael vorüber, als er das Lächeln auf dem Gesichte des Kriegers bemerkte, glaubte er, es sei aus Schadenfreude über seine Niederlage, von der das ganze Volk Zeuge gewesen. Er blieb stehen; denn der innere, heiße Grimm drohte ihn zu ersticken. „Wem gilt Dein Lächeln?" fragte er mit einem Blicke, der, wenn Blicke hätten töten können, es sicherlich getan hätte. Jochanan sah im ruhig ins Gesicht, ohne ihm zu antworten. „Warum gibst Du keine Antwort, Sohn Abners?" „Weil Dir das Recht nicht zusteht, zu fragen," versetzte Jochanan. „Du bist nicht mein Vorgesetzter und ich kann denken und tun was mir beliebt. Wenn Du aber durchaus Streit mit mir anfangen willst, wie Deine Blicke künden, so komm mit mir, ich will Dir Red' und Antwort stehen, zu jeder Stunde und an jedem Orte Jerusalems, nur nicht hier inmitten der Freude des Volkes." „Ich werde schon Ort und Stunde finden, Dich zu züchtigen, frecher, niedriger Knecht," sprach Jsmael, ihm den Rücken wendend. Er war nicht von heute, der Streit zwischen diesen zwei Männern, schon als Knabe haßten sie sich und gingen in starrer Erbitterung nebeneinander. Fürst Jsmael lebte als Kind einige Jahre im Hause seines Onkels, da er eine Waise und der Sohn einer Lieblingsschwester Zidikajahs war. Schon früh entwickelte sich sein wildes, böses Naturell. Er sah mit Stolz und Uebermut auf den niedrigen Gärtnerjungen, der zu den Kinderspielen zugelassen wurde. Später gesellte sich Haß und Neid dazu, als die kleine Prinzessin, den bildschönen, löwenmutigen Knaben bevorzugte und ihn allen Gespielen vorzog. Jahre traten zwischen diese Ereignisse und der Jünglingszeit. Zidikajah wurde König und Jsmael, als nächster Anverwandter, stieg von Stufe zu Stufe, während der Gärtnersohn als gemeiner Kriegsknecht diente und durch den Einfluß Jsmaels ganz aus der Nähe des Königshauses verdrängt wurde, bis das Ereignis eintrat, das ihn so plötzlich aus der Niedrigkeit erhob, ihn aber mehr als je zum Ziele des Hasses und der Erbitterung seines alten Feindes machte. Jochanan schienen alle Drohungen und möglichen Befürchtungen ganz ruhig zu lassen; denn mit einem fröhlichen, fast glücklichen Gesichte mischte er sich jetzt in das Gewimmel und nahm an dem Feste teil. Nach einiger Zeit stieß er auf Gedaljah. „Gott sei mit Dir, Held Jochanan!" sprach der junge Fürst, ihm freudig beide Hände hinreichend. „Wie glücklich bin ich, daß ich Dir hier begegne! Seit Wochen suche ich vergebens Dein Antlitz, um Dir zu danken für Dein mutiges Eingreifen am Moriah. Ich war schon einigemal in Deines Vaters Hause, traf Dich aber nie. Nimm hier . . . ." „Wenn es Dankesworte sein sollen, so unterlass' sie," unterbrach ihn der Reiterhauptman hastig. Es ziemt sich unter Männern nicht, viel Worte über eine Sache zu machen. Ich Hab' für Dich getan, was Du unter allen Umständen für mich und jeden andern getan hättest. Und dann war ja mein Eingreifen keine Notwendigkeit," setzte er lächelnd hinzu, „Du wärst auch allein mit dem Wütenden fertig geworden; denn Du hast ein Arm wie Eisen, Fürst Gedaljah, ich hätte Dir diese Kraft nicht zugetraut." „Du sprichst nur so, um Deine Tat zu verkleinern," sprach der Jüngling errötend. „Doch sei es, wie es sei, wir wollen Freunde sein. Seit der Stunde, da ich Dein edles, mutiges Angesicht sah, fühle ich mich zu Dir hingezogen wie zu einem Bruder. Ich stehe ganz allein, ohne Eltern und Geschwister, willst Du mein Bruder sein?" „Ich will's und will Dein Vertrauen zu mir rechtfertigen. Gedaljah, den man den Stern und die Hilfe Israels nennt," versetzte Jochanan tief bewegt. Arm in Arm gingen die neuen Freunde durch die Weingärten und tauschten vertrauliche Reden miteinander aus. „Haft Du Dir eine Gefährtin gesucht unter den Töchtern Jerusalems" fragte der Fürst. „Nein, und Du?" „Ich auch nicht. Von all den Augen, die so schön und heißbegehrend blicken, lockten mich am gewaltigsten die dunklen der Königstochter, doch ich Hab' nicht den Mut vor sie hinzutreten, da keiner Gunst in ihren Augen finden kann." Jochanan war es nicht, der ihm diesen Mut zusprach: dann ganz von diesem Gegenstände abspringend fragte er plötzlich: „Wo weilt jetzt Jirmejah?" „In seiner Grotte, westlich von der Straße nach Sichem. Ich sehe ihn täglich, da ich ihn mit Speise und Trank versorge." „Kommt er nie wieder nach Jerusalem?" „Wenn sich seine Weissagungen werden erfüllt haben, dann wird er wieder erscheinen um zu trösten und zu retten," sprach Gedaljah. „O Jochanan," fuhr er fort und ein begeisterter, fast schwärmerischer Ausdruck belebte fein blasses Gesicht, „wenn ich in sein heiliges Antlitz schaue, so vergehe ich vor innern Schauern und meine Seele kann's nicht fassen, wie sein Wort bei der Menge so ungehört verhallen kann. Nein, die Hoffnung, die oft zur festen Zuversicht wird, will nicht von mir lassen, daß noch alles gut werden wird, daß sie zu sich kommen, auf seine Offenbarung hören und das Bündnis wieder lösen werden, wie sie es geschlossen haben." „Das glaubst Du?!" rief Jochanan im höchsten Erstaunen. „Ich weiß nicht, Gedaljah, soll ich Dich bewundern oder bemitleiden, ob dies Vertrauens zum Guten, das Stand hält, inmitten der schrecklichen Wirklichkeit, die uns umgibt." (Fortsetzung folgt.)