Das jüdische Blatt
- Journal
- Das jüdische Blatt
- Volume
- IV (1913)
- Issue
- 32 (8.8.1913)
- Date
- 1913-08-08
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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Ksyern: Lettungsnummer 546. IRefcb und Ausland: Leltungspretslitte. Geschäftsstelle: - M. DuMont Schauberg. Stratzburg i. Elf. - Vertretung für Bayern und Württemberg: Max Eichinger. König!. Hofbuchhändler, Ansbach (Bayern). Zu beziehen: Durch die Geschäftsstelle; außerdem in Stratzburg durch die Elsässische Aktiengesellschaft vorm. A. Rmmel. In Basel durch I. Nordmaun, Schüyenstraße 36. In Zürich durch A. Schneider. Badenerstraße 123. — Bezugsbedingungen: =57 Pro Quartal per Post 75 Pfg. (exkl. Zustellungsgebühren), per Streifband M. 1.25. In Frankreich unter Streifband 2.50 Fr. das Vierteljahr, 10 Fr. das Jahr. In der Schweiz per Post 4 Fr. das Jahr ohne Bestellgeld, unter Streifband 10 Fr. das Jahr. In Oesterreich per Post 4 Kr., per Streifhand 9 Kr. das Jahr. Zn England 2 Schilling, Amerika 50 Cents per Vierteljahr. -Inserate nach Tarif.- Abonnements nimmt jede pottanttalt entgegen. iv. Jahrgang. Ansbacb-Stralzburg, 8. Augutt 1913» 5. A>v 5673. I6r. 32. Inhalt. Leitartikel: Mein Volk trauert. — Die Abrechnung Nordaus mit dem Zion. Aktionskomitee. — Die neue bayrische Kirchengemeinde- Ordnung. — Aus aller Welt. — Korrespondenzen. — Wochenkalender. — Gebetszeiten. — Familiennachrickten. — Rätsel-Ecke. — Das verlorene Jerusalem. — Vermischtes. — Bücherbejprechung. — Gedaljah. — Druckfehlerberichtigung, — Inserate. Zu nan nywn. Wein Kokk trauert. Mein Volk trauert. Heute hat mein Volk Jahrzeit für seine unvergeßliche Mutter, die Tochter Zions, und sehnt sich nach ihr zurück. In unsagbarem Judenschmerz zaubert ihm Jehuda Halevi an diesem Tage in seinen Zionsliedern den uralten Glanz seiner unverlierbaren Heimat vor, die wie eine Fata Morgana in der Völkerwüste es immer noch lockt und immer noch täuscht. Ein ganzes Volk trauert um dies sein ungestilltes Hoffen und ruft an seinem Trauertage seine Trauerredner aus der Vergangenheit hervor, damit sie mit ihm immer auf's neue über den Verlust ihrer Mutter klagen: Den Propheten Jeremias mit seinen herzzerreißenden Reden aus der Megillas Eicho, die Kinausdichter mit ihren erschütternden Schilderungen unserer unaufhörlichen Leiden. Alle unsere Wunden werden an diesem Tage wieder aufgerissen, der furchtbare Tod R. Akibas und seiner Genossen, der 10 Märtyrer, und der unzähligen Reihe von Märtyrern, die ihnen folgten, der Väter und Mütter, der Einzelnen und der Gemeinden, die den unseligen Streichen der Kreuzzügler und anderer zum Opfer fielen, — Ströme jüdischen Blutes, die wie ein Brandmal der Weltgeschichte durch alle Länder und Völker ziehen. Alle diese Klagen vermählen sich mit der Trauer um Jerusalem, auch die die heute noch aus den Ländern der Unterdrückung, aus Rußland und Rumänien, aus Persien und Marokko, grell an unser Ohr dringem Kein Volk hat einen so herrlichen Kranz schöner Feste, wie das jüdische; kein einziges Volk besitzt einen Tischo be Aw, wie wir ihn leider haben! Tischo beaf ist aber auch eine Art Ruhm für das jüdische Volk. Andere Völker blühen und verwelken, steigen zum Gipfel und stürzen in den Abgrund der Vergessenheit. Da und dort verkünden einige aus der Erde gegrabenen Scherben, einige aus dem Staube der Bibliotheken gerettete Blätter ihre einstige Größe, Macht und Kultur. Im Leben ist jede Spur von ihnen verweht. Wir aber leben und erleben heute noch das Brechen der Sklavenketten am Pesach, am Schownaus das Glück über die Erwählung am Sinai, die heldenmütige Befreiungstat der Makkabäer am Chanukka, am Purim die fast ausgelassene Freude über die Abwendung der ersten Judenverfolgung, wir leben und erleben heute noch die herrlichsten Perioden unserer Geschichte. Auch wir hatten Zeiten des Niedergangs. Zweimal ist der Stolz Israels in den Staub gebeugt worden, aber wir leben und trauern darüber am Tischo be Aw. Und, sagt ein Erklärer mit Recht, man muß vom Freiheitsrausch des Pesach trunken sein können, um von der Wehmut des Tischo be Aw, wie sich's gehört, bis ins Innerste ergriffen zu werden. Wir leben als Urenkel jener heldenmütigen Kauhanim, die sich lieber in die Flammen des brennenden Tempels warfen als sich den Römern zu ergeben. Wir besitzen Zeugnisse, die nicht aus der Erde ausgegraben zu werden brauchen; wir selbst sind lebendige Zeugen für die Wahrheit unserer Thora, für die lebendige Kraft unseres Volkes. Wie konnte es kommen, daß ein Volk von solchem Glaubensmut, solch unverwüstlicher Ausdauer so schreckliche Zeiten überstehen mußte? Die Antwort gibt der Prophet: Jerusalem hat gesündigt, Israel hat Gott verlassen und verloren, seine Thora verschmäht und vergessen. Was nützt alle Macht und Größe, wenn das Volk nicht bis in sein Mark durchdrungen ist vom lebendigen Geist Gottes? Am Maßstabe irdischer Macht und Größe gemessen, sind wir ja das kleinste und schwächste unter den Völkern. Die verwegendste Tapferkeit des Judenvolkes mußte versagen gegen den römischen Koloß. Unsere tollkühnsten Heerführer und ihre Truppen mußten im Verzweiflungskampf mit Rom verbluten. Der Geist der Thora allein hat Rom überwunden. Die Römer sind dahin, wir leben, wir wirken, wir hoffen. Die Tafeln konnte Moses zerbrechen, uns selber konnten die Verblendeten unter den Völkern in unsere Thorarollen einwickeln und lebendig verbrennen, aber von den zerbrochenen Tafeln und aus den lohenden Scheiterhaufen entwanden sich die gött-