Mannheim
Compact Memory

Das jüdische Blatt · 1913-08-01 · 31 (1.8.1913) · p. Seite 12

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Das jüdische Blatt
Volume
IV (1913)
Issue
31 (1.8.1913)
Date
1913-08-01
Page
Seite 12 (sequence 12)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/9052070-9096771-9052603--0548-9052615
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

12 Das jüdische Statt. Nr. 31 eignet in neuester Zeit einem gesteigerten Interesse. Die Prozentnorm in Rußland, die die jüdische Jugend fast gänzlich vom Universitätssludium in Rußland ausschließt und die neuerdings an den deutschen und schweizerischen Universitäten einsetzende Praxis, durch neue akademische Verordnungen nur solche russische Studenten zum Studium an den Universitäten zuzulassen, die bereits in Rußland ihre Studien an Universitäten begonnen haben, verlegen den jüdischen Studenten ans Rußland den Weg zum akademischen Studium. Nach der Meinung vieler Kreise gibt es aus dieser Sackgasse nur einen Ausweg, nämlich die Gründung einer jüdischen Universität in Jerusalem. Nun hat am Sonntag abend, den 19. Juli, in Bad Kissingen eine Versammlung stattgefunden, die sich mit dieser Frage beschäftigte und an der hervorragende jüdische Persönlichkeiten Europas und Amerikas teilgenommen haben. Nach eingehender Erörterung wurde beschlossen, die Frage weiter zu verfolgen und eine Kommission wurde gebildet, um die Aufbringung der nötigen Geldmittel vorzubereiten. Die christliche Synagoge. Welche große Summen der Missionsfonds in Kanada verschlingt, geht aus einem Berichte hervor, den englische Blätter über die Einweihung der „Christian Synagogue" in Torronto veröffentlichen. Mit ganz besonderem Pomp wurde dort eine Institution geschaffen, in welcher sich alles befindet, was geeignet erscheinen könnte, arme Juden in die Versuchung zu führen. Die „Christliche Synagoge" hat nicht nur einen überaus großen ganz nach jüdischem Ritus eingerichteten Betraum, sondern auch einen Kranken-Pavillon, ein Gymnasium für arme jüdische Schüler, ein Tagesheim für Arbeiterkinder, Turnsäle, Volksküchen, eine Bibliothek, Lesehalle usw. Trotz des ausführlichen Einweihungsberichtes wird auch nicht mit einer Zeile erwähnt, wieviele Juden der Zeremonie beigewohnt haben. Es scheint eben, daß auch in Kanada die Juden solchen Mätzchen nicht aussitzen wollen. --- Hedatjal). Bilder aus der jüdischen Vergangenheit von Caroline Deutsch. (Fortsetzung.) Wirklich wendete der greise Prophet nochmals der Versammlung sein Antlitz zu, ein Ausdruck trostlosen Schmerzes lag darauf und seine hohe Gestalt schien gebeugt und wie innerlich gebrochen. „Ich gehe von Euch und wende mich und schüttle den Staub von meinen Füßen," sprach er, und nach kurzem Schweigen setzte er hinzu: „Weh' Dir, König Jehudas, der Du mehr hörest auf Menschenworte, als auf die Worte Deines Gottes, der Du Dir das Schwert aus den Händen winden liehest und wie ein zitternder Knabe aufschaust zu den Großen Deines Landes, ob sie Böses, ob sie Gutes künden. Weh Euch, Ihr Fürsten des Landes, deren Uebermut und deren Frevel bis zum Himmel steigen. Weh Dir, Volk, das in Stumpfheit und Niedrigkeit gesunken, nicht mehr unterscheiden kann zwischen Recht und Unrecht. Ich gehe von Euch und vergrabe mich in der Einsamkeit, um zu dem Ewigen, Eurem Gott zu beten, daß er Euch nicht nach Euren Sünden richten möge." Jirmejah wendete sich und verließ die Versammlung am Moriah, ohne sich nur einmal umzuwenden; er stieg den schmalen Pfad herunter, der nach dem Tale Kidron führte. Gedaljah folgte ihm schweigend. I m H a u s e d e s G ä r t n e r s. Der Jerusalemer, den wir Gideon nennen wollen, führte den Gastfreund nach seinem Hause. Es lag in der Neustadt, in der Bäckerstraße, und so hatten sie die halbe Stadt zu durchschreiten, bis sie hingelangten; außerdem mußten sie noch oft stehen bleiben und Red' und Antwort geben, denn die Handwerker, die mit ihren Geräten vor den Haustüren unter den leinenen Dächern saßen und arbeiteten, riefen dem Manne in der fremden Tracht den hebräischen Gruß: „Friede sei mit Dir", zu, während Gideon mit Fragen bestürmt wurde, was am Moriah geschehen sei. Das Haus, nach welchem Gideon den Naphthaliten brachte, gehörte nicht ihm, sondern seinem Schwiegervater Abner, bei dem er mit seinem Weibe und seinen Kindern wohnte, wie alle Söhne und Töchter des Greises, deren es nicht weniger als sechzehn waren. Es war ein langes, niedriges Gebäude, das aus einer mächtigen steingepflasterten Halle bestand, die nach dem Garten führte und unzähligen kleinen Räumlichkeiten nach dem Hofe hinaus. Abner war schon zurückgekehrt, als Gideon die Halle betrat und befand sich im Kreise seiner Kinder und Enkel. Der Greis saß am obersten Ende der langen Tafel auf einem erhöhten Sitze, und wie es schien befand er sich in großer Aufregung: denn man hörte ein leises, krankhaftes Stöhnen, während ihn die Söhne besorgt umstanden und ihn zu beruhigen suchten. Gideon mochte den Grund dieser Erregtheit ahnen; denn er tat keine Frage, sondern trat mit dem Naphthaliten bis vor den Greis hin und sagte: „Vater, ich bringe euch einen Gast, einen Mann aus dem Stamme Naphthalie." Diese wenigen Worte bewirkten mehr, als alle bisher gesprochenen, denn der Greis richtete sich plötzlich aus feiner schmerzlichen Erstarrung auf und den Fremdling vor sich erblickend, wischte er die Tränen ab, die über seine welken Wangen geflossen waren und sagte, indem er seiner zitternden Stimme Festigkeit zu geben suchte: „Gesegnet seist Du, mein Sohn, der Du die Gebote Deines Ewigen erfüllst und dem Fremden die Pforten Deines Hauses öffnest. Und Du, o Fremdling, sei mir willkommen!" wandte er sich an den Gast, „und gesegnet sei Dein Ein- und Ausgang, nimm vorlieb mit Dem, was mein Haus fasset und verzeih die Tränen, die mein Antlitz bedeckten, als Du als Gast die Schwelle meines Hauses betratst." „Ich verstehe Deinen Schmerz, o Greis!" versetzte der Fremde, „denn auch mein Inneres ist tief ergriffen von all den Dingen, die ich heute gesehen und erfahren." „Warst Du auch auf dem Moriah?" „Das Glück ließ mich Deinen Schwiegersohn finden, an dessen Seite ich stand." „So nimm Platz, Mann aus Naphthalie; tretet zurück meine Söhne und jgebet Raum, wascht seine Füße, daß sich der Gast heimisch fühle in unserm Hause, und Du, Gideon, sag' Deinem Weibe, daß sie ein Zieglein schlachte dem Gaste zu Ehren und es zur Mahlzeit bereite." Die Füße des Fremden waren gewaschen und zwar wurde Jochanan diese hohe Ehre zuteil, weil der Vater ihn dadurch auszeichnen wollte; auch das Zieglein mar geschlachtet und gebacken und alle Hausgenossen saßen um die Tafel herum, ein kleines Volk bildend.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.