Mannheim
Compact Memory

Das jüdische Blatt · 1913-08-01 · 31 (1.8.1913) · p. Seite 10

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Das jüdische Blatt
Volume
IV (1913)
Issue
31 (1.8.1913)
Date
1913-08-01
Page
Seite 10 (sequence 10)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
98% known words query
IRI
…/9052070-9096771-9052603--0546-9052613
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

10 Das jüdische Dlalt Nr. 31, bei flanke Aufwand für die Schule allein durch die Mittel bestritten werden müsse, die wohltätige Glaubensgenossen zur Verfiignng stellen. Mit besonderem Danke betone er aber, daß die Schule sich stets des Wohlwollens der hohen und höchsten königlichen Behörden zu erfreuen gehabt habe. Daß dies auch unter Sr. Exzellenz Präsidium stets der Fall sein werde, dafür bürge das Interesse, das der Schule durch den heutigen Besuch bezeugt worden sei. Se. Exzellenz erwiderte mit einem Danke für das so schön vorgetragene Lied und für die herzlichen Begrüßungsworte des Vorstandes; versprach wiederholt das Interesse der Schule, soweit es die Umstände ermöglichen, jederzeit zu wahren, ließ sich die Lehrer vorstellen und besichtigte sodann die Räume der Anstalt. Er sprach sich über alles Gesehene sehr anerkennend aus und verabschiedete sich alsdann mit nochmaligem Danke von dem Vorstande. Würzburg. In der Familie unseres hochverehrten Herrn Rabbiners ist tiefe Trauer eiugekehrt, da dessen Tochter, die Gattin des Herrn Rabbiners Dr. Schweizer in Weikersheim im blühenden Lebensalter einem tückischen Leiden erlegen ist. Das Angedenken der Verklärten gereiche zum Segen, der Allmächtige tröste die Hinterbliebenen. Preußen. Saarbrücken. Tiefe Trauer ist in eines der noch echt jüdischen Häuser hier eingezogen. Frau Amalia Hanau, Gattin des Pferdehändlers Max Hanau, ist nach langem schwerem Leiden, im Alter von 56 Jahren, in ein besseres Jenseits abgerufen worden. Von Rah und Fern kamen Freunde und Verwandte, unr der Ver¬ Im Irauertjaule. Skizze von M. M. Drei Treppen hoch waren sie gestiegen.... Und dort hatte nian sie in eine Erkerstube geführt. Aus dem Boden in der Ecke aber saß, den Kopf auf die Arme stützend, ein Mann; hinter ihm spielten zwei Kinder, drei und vier Jahre alt. Es waren viele Leute anwesend, obwohl eigentlich nur deren 10 notwendig waren. Alle Männer aus der Gemeinde waren da, auch die, die gewöhnlich nur an den hohen Festtagen die Synagoge besuchten. In andachtsvollem Schweigen sahen sie da und sahen vor sich hin. -- Am Tische, inmitten des Zimmers, saß der Rabbiner unter der nur schwachen Schein spendenden Lampe. Die letzten Strahlen der scheidenden Sonne brachen durch die Fenster ins Zimmer. Vergeblich aber suchten sie die glänzende Spiegelscheibe, um sich darin zu brechen; denn der Spiegel war verhängt, ein weißes Tuch hatten sie darüber gebreitet. Diesen Morgen hatte man sie hinausgetragen, die des Hauses Mutter war. Zum Staube war sie zurückgekehrt, von wannen sie gekommen. Ein leeres, ein verwaistes Haus hatte sie zurückgelassen. Sie hatte mit Mut und Kraft ihre Schmerzen getragen bis zum letzten Augenblick, wie eine echte jüdische Frau. Sie hatte sich von ihrem Mann verabschiedet und ihre Kinder noch gesegnet und mar heimgegangen; mit einem seligen Lächeln auf den Lippen hatte sie ihre reine Seele ausgehaucht. Dort oben in der Erkerstube streckten die Kinderchen ihre Körperchen auf dem Boden aus und lächelten in kindlichem Spiele einander zu: Sie wissen nicht, die Armen, welch' Unglück sie betroffen, sie können noch lachen; deren ihre Freude ist auf Jahre hinaus nicht getrübt, wenn sie auch in den ersten Tagen manchmal nach der liebenden Mutter rufen, welche sie so oft geherzt und geküßt hat. „Höre, Israel, der Ewige, unser Gott, ist einzig!" blichenen die letzte Ehre zu erweisen, unter strömendem Regen trug man sie hinaus auf den Friedhof, wo Lehrer Lißner das Wort zu einer tief empfundenen und zu Herzen gehenden Ansprache ergriff, er schilderte die Gottergebenheit der Dahingegangenen, die in ihrem Martyrium nicht murrte, sondern immer ihr Vertrauen auf den Höchsten setzt. Sie ruhe sanft! I. B. Baden. Karlsruhe. Der Reichstagsabgeordnete Dr. Ludwig Haas, der den Wahlkreis Karlsruhe-Bruchsal im Reichstag vertritt, übernimmt demnächst eine leitende Stelle in der Redaktion der „Franks. Ztg.". Direktor Theodor Curti, der bisherige Direktor der „Franks. Ztg.", geht als deren Vertreter nach Straßburg. Herr Dr. Ludwig Haas ist auch in letzter Zeit durch seine Stellungnahme zum zionistischen Problem auch in der jüdischen Oeffentlichkeit bekannt geworden. Den Zionisten hat er den Krieg erklärt. Sein Vortrag in Berlin über „Deutschtum und Judentum" rief die Entrüstung der Zionisten hervor. Die Folge davon war eine Versammlung in Karlsruhe, in der Herr Julius Simon aus Mannheim Herrn Dr. Haas zu widerlegen suchte, allerdings mit wenig Erfolg, da die Haässchwärmerei hier eine ruhige Auseinandersetzung nicht duldet. Roch in verschiedenen anderen Vorträgen hat er seine Gegnerschaft zum Zionismus hervorgehoben. Holland. Haag. Staatsminister A s s e r, Mitglied der Friedenskonferenz und Organisator der Konferenzen für internationales Privatrecht ist Dienstag Morgen g e st o r b e n. Der Rabbiner sprach es und erklärte in herzlicher Weise diese einzigartigen Worte' Die Strahlen der sinkenden Abendsonne aber woben um das Honipt des Ehrwürdigen einen Schein. Oder war es die verhängte Lampe, deren trübe Strahlen diesen Schein zauberten, oder log gar die Phantasie ein solches Bild hervor?. Sie alle lauschten den Worten, die wie aus weiter Ferne zum Tröste der Trauernden ins Zimmer drangen: „Er ist der Gott der Liebe, er liebt seine Menschen, wie ein Vater seine Kinder. Keinen Unterschied kennt er zwischen seinen Kindern. Überall hält er gleiches Recht; denn er ist auch der Gott des Rechtes. Er belohnt und erzieht. Doch die Grundsätze, nach denen er sein Tun und Lassen richtet, die, o Mensch, kannst du nie ergründen. Drum auch strebe nicht danach; diese Wahrheit ist dir auf immer verschlossen. Doch glaube, glaube mit deiner ganzen Seele, daß er wahr und gerecht handelt, glaube daran, wenn es dir auch manchmal schwer ankommt. Klammere dich an Ihn, der auch hier wieder einen Menschen dem Kreise seiner Lieben, eine Mutter dem Haus, denl sie so treulich vorgestauden hatte, entrissen hat, glaube au Ihn und sprich mit Hiob: „Der Ewige hat gegeben, der Ew'ge hat genommen, der Name des Ew'gen sei gelobt!". Sie waren von ihren Stühlen aufgestanden, und „Amen" tönte es aus allen Kehlen. Die Sonne war untergegangen, es war fast dunkel im Zimmer, das nur von den schwachen Strahlen der verhängten Lampe beleuchtet war. Und wie Musik aus einer andern Welt erklang das Ausfallen der Geldstücke in der Zedokoh-Büchsr. Der Mann in der Ecke weinte. Auf dem Boden aber kollerten in lustigem Spiel zwei Kinder, und noch auf der Treppe vernahm man deren jauchzendes Lachen.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.