Das jüdische Blatt
- Journal
- Das jüdische Blatt
- Volume
- IV (1913)
- Issue
- 26 (27.6.1913)
- Date
- 1913-06-27
- Page
- Seite 13 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 26 13 Das jüdische Klatl. aber die sichtbaren Wunder blieben aus, und die Gottesmänner, die Propheten, haben aufgehört, unter ihrem Volke zu wandeln. Da mir dann aber wieder diese Epoche wie ein aus der Mitte der Geschichte herausgerissener Zeitpunkt erschien, der sich nicht zum Anfang eignete, beginne ich mit dem babylonischen Exil. Die R a t s v e r s a m m l u n 9. Bon dem Moriah aus, der auf der Ostseite Jerusalems liegt, hat man eine großartige, wenn auch begrenzte Aussicht. Die ganze Stadt mit ihren Kuppeln und Dächern, Türmen und Minarets, mit ihren Straßen und Gärten, entrollt sich, wie ein wundersames, lichtdurchflossenes Bild vor den entzückten und erstaunten Blicken des Wanderers. Eine Talschlucht, die sich bald weitet, bald engt, umzieht in wechselndem Farbenspiel wie ein Gürtel die Stadt, während in der Ferne bläulich schimmernde Höhenzüge nebelartig mit dem hellen Aether verschwimmen. In der Zeit, von der wir erzählen, war Jerusalem auf Zion und die Neustadt, jetzt Akra, beschränkt. Der Moriah, aus dem der Tempel stand, und die Berge Besetha und Golgatha umzogen in wilden, malerischen Formen mit ihren palmenbekränzten Häuptern im Halbkreise die Stadt, ihre schroffen, felsigen Abhänge in das Tal Tyropoüon hinabsenkend, das zwischen Akra und Zion lag. Im Osten durch das Tal Kidron geschieden, erhob sich der Oelberg mit seinen kühl geschwungenen Linien und mächtigen Umrissen, mit seinen Palmen und Oelbaumwäldern, deren dunkles Grün wunderbar verschmolz mit der blauen Färbung des Himmels. Das Tal Gion lief im Westen und Süden am Fuße waldgeschmückter Berge dahin und vereinigte sich im Südosten mit dem Tale Josaphat zu einer engen Schlucht. Es war an einem sonnigen Nachmittage des Monats Juni. Die Flügel des Wassertores an der östlichen Seite der Tempelmauer standen weit offen, und zahlreiches Volk strömte aus der Stadt auf die Hochebene. Die Leute waren nicht festlich gekleidet. Vielen sah man sogar an, daß sie eben ihr Handwerkszeug oder ihre sonstige Tagesarbeit verlassen haben mochten; denn sie hatten noch das Zeichen ihrer Hantierung an sich, sonst aber unterschieden sich die Männer nicht wesentlich in ihrer Kleidung. Sie trugen lange, bunte Gewänder, den weißen Talith darüber mit Schaufäden an den vier Enden, das Haupt bedeckt der Sudar, ein weißer oder bunter Turban. Wenn man einen Blick auf den Versammlungsort warf, so sah man auch, daß er zu keiner Festlichkeit bestimmt war. Denn Sitze für die Räte und königlichen Beamten und Kriegsführer waren zu beiden Seiten im Halbkreise aufgeschlagen und in der Mitte zwischen beiden am obersten Ende zwischen zwei mächtigen Feigenbäumen, deren ineinandergeschlagene Zweige einen natürlichen Baldachin bildeten, der königliche Thron aus Sittimholz geziminert, zu dem fünf Stufen nach allen vier Seiten hinaufführten. Keiner von den Räten und Kriegsführern war noch erschienen; und so belustigte sich unterdes das Volk auf seine eigene Weise, indem es sich stieß und drängte, untereinanderwogte, Witze machte und sich neckte, so daß Helles Gelächter und laute Rufe an allen Punkten erschallte. „Wozu dieser Jubel und diese Freude", sprach ein ernster Greis, „dieser Tag ist eher zur Buße geeignet, als zum Uebermut. Vor 10 Jahren war es auch so, als König Jojachin die Versammlung zusammenberief, die über Krieg oder Frieden entscheiden sollte, das Volk war sorglos und belustigte sich, wie die Kinder, die sich über die Blitze freuen, die am Himmel dahinzucken und ihre verderbende Kraft nicht ahnen — und ein Jahr später, da hatte Nebukadnezer unsere Stadt bezwungen; öde und wüste sah es in Jerusalem aus und in Trümmer und Asche lag ein großer Teil derselben. Nach Babel zog König Jojachin, in die Gefangenschaft mit seinen Weibern und Kindern, mit der edlen Kraft des Landes, wehe mir — auch meine Söhne waren unter den Gefangenen." „Was soll dein Jammern und Aechzen", versetzte eine Stimme ans dem Volke. Deine Söhne und viele der Verbannten befinden sich besser in dem fremden Lande als wie auf dem heimatlichen Boden." „Sie werden nicht so geplagt und gedrückt," sagte einer. „Sie zahlen nicht so viel Abgaben und erfreuen sich mehr ihres Daseins," sprach ein anderer. „Glaubt ihr," unterbrach ein Mann diese allgemeinen Betrachtungen, „glaubt Ihr, daß das Begehren der ägyptischen Boten angenommen und ein Bündnis mit ihrem Reiche geschlossen wird?" „Wenn es die Großen und Räte wollen, gewiß, Ihr wißt doch, daß der König ganz nach ihrem Begehren handelt." „Ein Unglück wäre es für uns," sagte ein stämmiger Mann, „König Zidikjah verdankt dem Babylonier seine Macht und seinen Thron. Nebukadnezer würde diesen Treubruch furchtbar rächen." „Ein Segen wärs", antwortete eine Stimme aus der Menge. „Nebukadnezers Macht ist gebrochen, der König von Aegypten entreißt ihm ein Reich nach dem andern und wird ihn bald aus seinem eigenen Erblande jagen." „Wer ist der Mann, der diese Kunde brachte?" sagten viele Stimmen zu gleicher Zeit. „Die Aegypter, die seit einigen Tagen in Jerusalem sind." „Die können noch mehr sagen, aber kein Mann in Juda glaubts ihnen," versetzte der Stämmige. „Wenn es wirklich so wäre, König Apries so mächtig und Nebukadnezer so geschlagen, so würde er sich keine Bundesgenossen suchen, denen er die halbe Beute lassen muß." „So ist's, so ist's, stimmten viele bei." „Und derjenige, der gesagt, daß ein Bündnis mit Aegypten ein Segen für das Land trüge, ist ein gekaufter Mann Menaschehs, der diese Meinung verbreiten will, um es zu ködern." (Fortsetzung folgt.) MILKA VELAAÄ NOISETTINE DIE i? \ BELIEBTEN ESS*' CHOCOLADEN.