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Das jüdische Blatt · 1913-06-20 · 25 (20.6.1913) · p. Seite 13

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Journal
Das jüdische Blatt
Volume
IV (1913)
Issue
25 (20.6.1913)
Date
1913-06-20
Page
Seite 13 (sequence 13)
Language
German
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Nr. 25 Das jüdische Matt 13 „Es ist keine; denn nur Wahnsinn hat mich zu der Tat I getrieben; eine elende Wette blasierter leichtfertiger Menschen.! Es gibt hier nur einen Ausweg, und diesen werde ich auch einschlagen; ich werde einem Dasein ein Ende machen, das mir und andern zur Qual und Marter ist", setzte er mit einem Ton tiefster Entschlossenheit hinzu. „Ich kann nicht so leben, kann nicht ohne Goldchen leben; das ist meine Strafe. Sie kann nicht verzeihen und ich will lieber tot sein, als so elend zugrunde gehen." Ohne ein Wort mehr zu sagen, ging er zur Tür, öffnete sie und trat heraus. Lautlos starrte ihm Leser nach; dann von seinem guten, geängstigten Herzen fortgerissen, eilte er ihm nach und hielt ihn zurück, und was sie nach ferner miteinander sprachen, wissen wir nicht; nur daß es schon fast heller Tag war, als sich Max entfernte. Vielleicht wird es sich in dem Gespräche enthüllen, welches am nächsten Tage der Onkel mit seiner Nichte führte; aber ernst und tief ergreifend mußte es sein, denn der Offizier irrte ruhelos den ganzen Morgen in den Straßen umher, während Leser noch lange auf derselben Stelle saß, so lange, daß er die Schul versäumte. Es war am andern Nachmittage, die Alte saß mit dem Kinde auf der Hausschwelle und Leser bei Goldchen in der Stube. Er erzählte ihr alles, Goldchen war wie im Traum; sie konnte es gar nicht fassen, daß es Max war, Max, dem sie selbst bis ins Jenseits hinüber ihren Zorn und Groll nachgetragen, und der für sie seit ihrer frühesten Kindheit ein Gegenstand des Aergers, ja Widerwillens gewesen war. Endlich begann der Onkel nach langem Hin- und Herreden mit stotternder Stimme für Max einzutreten und ihm das Wort zu führen. Goldchen sah ihn mit großen Augen an. „Du sprichst ihm das Wort, Du, Onkel?!" „Ich, er ist in Verzweiflung und dauert mich. Er will sich bessern, will alles gut machen. Man darf einen Ertrinkenden nicht in den Abgrund zurückstoßen, nicht untersinken lassen, wenn er uns hilfeflehend seine Arme entgegenstreckt. Goldchen! man muß vieles bedenken. Dein Kind hat ohne ihn keine Zukunft." Goldchen saß starr, wie ein Bildsäule; dann aber schüttelte sie mit einer heftigen Bewegung den Kopf. „Ich kann nicht. Onkel, lieber sterben." „Ich versteh' Dich nicht, Goldchen. Du hast ihn einst mit Leidenschaft geliebt, kann sich so was in Haß verwandeln?" Sie schwieg eine Weile, dann sagte sie mit tiefer Stimme: „Wie ich ihn geliebt, kann ich Dir gar nicht sagen; ich war in den Gedanken an ihn aufgegangen; außer ihm gab's nichts mehr für mich auf der Welt; darum kam es, wie es gekommen ist....- Als ich erfuhr, daß ich der Preis einer elenden Wette war, daß .es ein durchdachter Plan war, mich elend zu machen, was da in mir vorgegangen, wie ich gelitten und gerungen, das weiß nur Gott. Du hast keinen Begriff, Onkel, wie die Dämonen in der Menschenbrust ihr Spiel treiben, wenn das Herz umnachtet ist, und wie leicht man von Verbrechen zu Verbrechen sinken kann, um nur das erbitterte und gequälte Herz zum Schweigen zu bringen und die Erinnerung an die Vergangenheit zu verlöschen. Auch mich haben sie gejagt und gehetzt, die guten und die bösen Geister; ich dachte aber an meine tote Mutter, die Du mir so oft und vergebens vorgeführt, ich dachte an Dich, an Dich mit den treuen Augen und dem reinen, frommen Herzen, ich dachte an den einsamen Vater, an die lichte und unschuldsvolle Kindheit im Elternhause und war gerettet. Mein Herz ist ganz anders geworden, Onkel, nur eines ist noch geblieben, die Erinnerung an inein Fehl und das Andenken an die Schmach, die mir geworden, und das wird nie verlöschen." Leser kam es vor, als dringe ein leiser, unterdrückter Seufzer durch die Türe; doch das war wohl nur der Wind, der durch die Ritze pfiff; draußen saß Szurel auf der Hausschwelle und da konnte kein unberufener Lauscher horchen. „Goldchen, Du darfst nicht so weit gehen, besonders wo so viel auf dem Spiel steht. Er ist ein unbändiger Charakter, zu dem äußersten fähig, ich fürchte für ihn." Ein leises Zittern ging durch Goldchens Körper. „Es sind nur Drohungen, Onkel," sagte sie dann, „wer so was vorhat, spricht nicht davon." „Und wenn doch, wenn doch; man muß einen Menschen tötlich hassen, wenn einen ein solcher Gedanke nicht zittern macht." Goldchen wandte ihr Gesicht ab; dann sagte sie, wie nach schwerem Kampf entschlossen, „Onkel, Du irrst, wenn Du glaubst, daß es nur Haß ist. Ja, es ist wahr, ich verachte ihn aus der tiefsten Seele und müßte mich selbst verachten, wenn ich sein Weib.... nein, diesen Gedanken darf ich gar nicht denken! Und höre, Onkel, ich liebe ihn noch manchmal. Wenn man das gefühlt hat, was ich, kann man nicht ganz vergessen." „Und doch, Goldchen." „Und doch w-erde ich nie sein Weib," versetzte sie fest. „Er leidet, ich nicht minder; so groß, wie unser Fehl, soll auch unsere Sühne sein. Ich schwöre Dir bei Gott," setzte sie mit dem Tone tiefster Entschlossenheit hinzu, „ich werde nie sein..." „Schwöre nicht, Du hast's nicht nötig," sagte hier eine Stimme, die nichts Menschliches an sich hatte. In der offenen Tür stand der Major, bleich wie ein Toter, mit verstörten Zügen und unheimlich funkelnden Augen. „Hier, ich entbinde Dich für iinmer davon!" Ein Schuß schallte durchs Haus, und mit zerschmettertem Kopfe fiel er vorwärts in die Stube. Ungeheures Aufsehen erregte dieser Vorfall in Preßburg, und eine lange Zeit hindurch sprach man von nichts, als von dem amerikanischen Offizier, der ein Jude gewesen, und der das schöne, blasse Mädchen im einsamen Hause geliebt hatte. Goldchen machte sich keine Vorwürfe wegen ihrer Handlungsweise; sie hatte gehandelt, wie es ihr ihre innerste, heiligste Überzeugung geheißen; darum lag ein tiefer Frieden in ihrem Herzen, so tief und rein, wie ihn nur eine geadelte, eine geläuterte Seele haben kann. Sie machte keinen Anspruch mehr auf äußeres Glück, denn es lag tief und ruhig in ihrem innersten Wesen, hatte aber mehr Aehnlichkeit mit einem himmlischen als einem irdischen. Goldchen gab sich keiner kränkelnden Sentimentalität hin; sie wollte durch Arbeit und Nützlichmachen das begangene Unrecht gegen die geheiligten Gesetze der Gesellschaft sühnen; sie wollte die Jahre, die ihr noch gehörten, würdig und zum Wohle Anderer ausfüllen, da sie selbst keinen Wunsch mehr hatte; sie tat es und tut es noch, und wer das blasse Mädchen mit dem engelgleichen Gesichte und dem engelgleichen Herzen sieht und kennt, hat ihre Schuld vergessen. Moscheh Breitkopf verzieh der Tochter und nahm sie mit dem Kinde in sein Haus; und Leser? .... In Goldchens Kinde leuchtete ihm ihr Gesicht und Veigelchens Augen entgegen, und so trug das Angesicht der Kleinen alle Schätze seiner Vergangenheit und die lieblichen Züge des eigenen jungen Lebens. (Schluß.)

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