Das jüdische Blatt
- Journal
- Das jüdische Blatt
- Volume
- IV (1913)
- Issue
- 24 (13.6.1913)
- Date
- 1913-06-13
- Page
- Seite 12 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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12 Das jüdische Klatt. Nr. 24. natürlich fördert der Alkohol die Roheits- und Leidenschaftsvergehen, steigert er doch die Reizbarkeit und lähmt die „Hemmungen". So macht der Rausch den im Affekte handelnden Gelegenheitsverbrecher, während die Trunksucht durch Abstumpfung des Gewissens und wirtschaftliche Versumpfung, Vermögensverfall, Krankheit usw. den Gewohnheitsverbrecher hervorbringt. Daher die große Zahl der Trinker unter den Dieben und Betrügern, den Fälschern und Schwindlern, die sich durch allerlei Eigentumsvergehen aus ihrer wirtschaftlichen Misere retten wollten und dafür in den Strafanstalten büßen. * * * Neben die Aufklärung hat der Kampf gegen die Trinksitten zu treten. Der Alkohol ist der schlimme Kuppler der Unzucht und wird dadurch zum Schrittmacher der Geschlechtskrankheiten. Gerade der sogenannte angeheiterte Zustand, der das Aufmerken vermindert, im Stimmungsleben jenes wohlige Gefühl der Selbsttäuschung hervorbringt und etwa 20 Minuten nach verhältnismäßig geringem Alkoholgenuß eintritt, ist so gefährlich. Prof. Heilbronner hat die Tischgespräche einerleicht angeheiterten Gesellschaft stenographieren lassen. Es zeigte sich, daß hernach bei den Teilnehmern nur ungenaue Erinnerungen an ihre eigenen Worte vorhanden waren. Gerade „die harmlosen Trinksitten" bringen jene fröhliche Animiertheit hervor, die den Mutterboden geschlechtlicher Exzesse bildet und nach Forel 75% aller Geschlechtskrankheiten durch leichtsinnige Außerachtlassung jeder Vorsicht verschuldet. Nach einer Statistik von Dr. Blaschko wiesen die höchste Prozentzahl der Geschlechtskranken in Berlin Studenten und Kellnerinnen auf, also Angehörige von Kreisen, in deren Leben der Alkohol eine große Rolle spielt. Kraep e l i n erzählt: Ich behandle zurzeit eine vielbeschäftigte Prostituierte, die von Jugend auf schwachsinnig, mit Lupus der Nase behaftet, dennoch eine Reihe von Studenten angesteckt hat. Solche Erfahrungen erscheinen doch schlechterdings unerklärlich, wenn man nicht eine Mitwirkung des Alkohols annimmt. Freilich wird neben der Erziehung zur Mäßigkeit eine gewisse allgemeine Hygiene der Keuschheit wirksam werden, Abhärtung, Sport, Turnen, Tier- und Blumenpflege empfohlen werden müssen, wenn der Kampf gegen Trunksucht und Unzucht erfolgreich geführt werden soll. * * Forel hat nun bereits 1899 betont, wie wichtig für die Alkoholsrage die religiöse Einwirkung ist. Unzweifelhaft führt die religiöse Beeinflussung bei gewissen Naturen zu gutem Erfolge und ist berufen, nicht nur bei der Trinkerrettung, sondern auch bei der Arbeit der Bewahrung vor Verfall in Trinkgewohnheiten eine segensreiche Rolle zu spielen. Von der Selbstbeherrschung, welche durch die rechte Befolgung der Religionsgesetze vermittelt wird, darf man mit Walter von der Vogelweide sagen: Wer schlägt den Löwen, wer schlägt den Riesen, Wer überwindet jenen und diesen? Das tut einer, der sich selber zwinget. Esehu gibbor hakkobesch et jizro, — wer ist ein Held? der seine Triebe zügelt! Hine Welle. Novelle von Caroline Deutsch. (Fortsetzung.) IV. Es war schon spät, als sich Leser vom kleinen Häuschen entfernte, um sein Nachtquartier aufzusuchen. Von den mannigfachsten Gefühlen bestürmt, schritt er in sich versunken die dunkle Straße hinauf und hätte fast aufgeschrieen, als ihn jemand berührte; er sah erschrocken auf, denn eine riesige Männergestalt stand neben ihm und zwei schwarze Augen funkelten ihm entgegen. „Sie sind der Onkel, und kommen aus jenem Hause", sagte der Mann ohne jedwede Einleitung. „Ich Hab' mit Ihnen zu sprechen, wollen Sie mir eine Stunde Gehör schenken?" Leser hatte sich von seinem Schreck erholt; er wußte, wen er vor sich hatte, und nach kurzer Ueberlegung hieß er ihn, ihm in seine Wohnung zu folgen, die er beim Preßburger Dajon (Rabbinats-Assessor) hatte. Dort angekommen, schloß Leser die Türe ab, dann lehnte er sich zitternd vor Erregung an den Tisch, während er dem Fremden stumm bedeutete, Platz zu nehmen, der es aber ebenso stumm ablehnte, indem er es vorzog, mit großen Schritten das Zimmer zu durchmessen. Wie oft hatte sich Leser in diesen zwei Jahren gewünscht, diesen Mann vor sich zu haben, um ihm das alles sagen zu können, was sein empörtes Herz, seine tief gekränkte Seele in einsamen stillen Stunden gedacht und gelitten hatten. Jetzt stand er vor ihm, aber seine Lippen konnten kein Wort hervorbringen: er war wie gelähmt und fast keines Gedankens fähig. Das Schweigen wollte gar kein Ende nehmen. Es schien, als ob keiner den Mut hätte, das Wort zuerst zu ergreifen, das so schwer und inhaltsvoll auf der Zunge lag. Endlich blieb der Offizier vor Leser stehen, der in gebeugter Haltung vor sich niederblickte, und sagte: „Sie wissen gewiß, daß ich Jude bin." Die ersten Worte des Fremden brachten Leser zu sich, lösten den Bann, der ihn gefangen hielt, und wie ein Feuerstrom innerster Empörung ergoß es sich durch seine Seele. „Ich weiß es, ich weiß es; doch wenn Sie glauben, daß dies Ihr Verbrechen mildert, so irren Sie. Wenn's möglich wäre, würde es Sie noch mehr erniedrigen. Jüdischem Blute entsprossen, von einer jüdischen Mutter geboren, und zu einem solchen Frevel fähig? Unerhört, unerhört!" „Rechten Sie nicht mit mir", bat der junge Mann. „Alles, was nur ein Mensch sagen kann, Hab' ich mir schon gesagt; wiederhole ich mir täglich, stündlich: doch was nützen Worte? Ich will ja gut machen, mit meinem Herzblute gut machen; kann ich es? Man stößt mich zurück. Sie haben ein Gesicht, das Vertrauen einflößt, an Sie wende ich mich mit meiner Qual, helfen Sie mir, sonst gehe ich zugrunde." Leser ward es wunderlich zu Mute bei den weichen, innigen Tönen; sie erinnerten ihn an etwas längst vergangenes, längst verschwundenes...; er saß wieder am Krankenbette eines sterbenden Weibes, und dieses flehte ihn an, ein Vater seinem verwaisten Kinde zu sein; so, so war der Ton ihrer Stimme gewesen; so der Blick der großen, wunderbaren Augen.... Trieben böse Geister ihr Spiel mit ihm, daß immer Veigelchens Augen aus der Tiefe seines Herzens auftauchten, so oft er in die des Fremden blickte? Er mußte diesem Spuke ein Ende machen. „Wie heißen Sie? frug er hastig. „Ich will Ihnen in kurzen Worten meine Geschichte erzählen. Meine Eltern starben, als ich noch ein ganz kleines Kind war; ich kann mich ihrer gar nicht erinnern. Ein guter, frommer Mann nahm mich zu sich und erzog mich. Er war gewiß ein guter Mann, zu gut für mich wilden, leichtsinnigen Jungen, dessen Erziehung Strenge und nicht Nachsicht erforderte; er hatte nur einen Fehler, er wollte mich durchaus zu einem Talmudgelehrten machen, und lernen war für mich eine Qual. Für mich gab's nichts als Müfsiggehen oder