Das jüdische Blatt
- Journal
- Das jüdische Blatt
- Volume
- IV (1913)
- Issue
- 24 (13.6.1913)
- Date
- 1913-06-13
- Page
- Seite 8 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/9052070-9096771-9052484--0425-9052492- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Das jüdische Klatt. Nr. 24. 8 Bayern. Ansbach. Wir lesen in der bayrischen Staatszeitung: Der 10. Juni ein Gedenktag für unsere jüdischen Mitbürger. Aus dem Kreise der jüdischen Glaubensgemeinschaft wird uns geschrieben: „Am 10. Juni 1913 sind hundert Jahre verstrichen seit der Publikation des Edikts, dessen Bestimmungen noch heute maßgebend sind für die Beziehungen der israelitischen Kultusgemeinden zum Staate. Durch verschiedene Ministerialentschließungen interpretatorisch ergänzt, bildet das Edikt noch heute den Ausdruck dessen, was in bezug auf den Gedankenkomplex Staat und Kirche für die bayrische Judenheit rechtens ist. Wenn einem Gesetz, noch dazu in unserer gesetzgeberisch so fruchtbaren Zeit, ein so ehrwürdiges Alter beschieden ist, wenn es so viele Umwälzungen, wie sie das 19. Jahrhundert in sich barg, überdauert, dann kann es ein schlechtes Gesetz nicht sein. Und in der Tat fühlten sich unsere jüdischen Mitbürger bis vor ganz kurzer Zeit sehr wohl unter dem Regime dieses Ediktes. Aber seit etwa sechs Jahren tobt innerhalb der bayrischen Judenheit ein heftiger Kampf. Ein großer Teil wünscht ein neues Gesetz, ein anderer möchte dem Judenedikt eine noch sehr lange Lebensdauer gönnen. Wiederum ein Teil erhofft von einem neuen Gesetz eine staatskirchenrechtliche Unmöglichkeit, die Regelung innerkirchlicher Verhältnisse durch die gesetzgebenden Faktoren. Auch die Erwartung wurde laut, daß eine Art Landeskirchenumlage auch für die Anhänger des jüdischen Glaubens eingeführt werde, daß ferner die finanzkräftigen Kultusgemeinden den leistungsschwachen beistehen müssen durch gesetzlichen Zwang. Im gärenden Parteienkampf fehlte es auch nicht an Hoffnungen religiös-revolutionärer Art, welche den bisher maßgebenden Einfluß der Rabbiner gebrochen zu sehen wünschen. Schließlich möge nicht unerwähnt bleiben, daß ernste Männer besorgten Herzens von einer Aenderung der bestehenden Bestimmungen den Zerfall der Judenheit in zwei bekenntnismäßig streng geschiedene Konfessionen befürchten. So wogt es hin und her und der Gegensatz hat schon manchen Widerhall auch in den Parlamentn gefunden. Unser Kultusministerium hat auch diese Frage mit vollem sittlichen Ernst erfaßt. Wenn das Judenedikt zu Grabe getragen werden sollte, andere Grundgedanken wird auch ein neues Gesetz, nicht bringen können. Und so wird es auf alle Fälle dem Geiste nach weiterleben!" Wir geben diese Ausführungen so zur Kenntnis, wie sie uns zugegangen sind, ohne nach der einen oder anderen Richtung dazu Stellung zu nehmen. Preußen. Berlin. Am Sonntag, 22. Juni 1913, vormittags 10 X> Uhr, wird in Berlin, Gemeindehaus Rosenstraße 2/4, der YT. Deutsch-Israelitische Verbandstag stattfinden. Tagesordnung: 1. Normalvertrag für die Gemeindebeamten. 2. Schiedsgericht für Streitigkeiten zwischen Gemeinden und ihren Angestellten. 3. Die öffentlichen jüdischen Volksschulen. 4. Einführung einer amtlichen Inspektion für Religionsschulen. Berlin. Dem soeben erschienenen V. Rechenschaftsberichte des „Vereins Israelitische Erziehungsanstalt für geistig zurückgebliebc,:: Kinder Wilhelm-Auguste-Viktoria-Stiftung" in Beelitz entnchmen wir, daß die Frequenz der Anstalt nach wie vor eine ^hr starke ist, so daß den zahlreichen Neuaufnahmegesuchen nur bei eintretenden Vakanzen entsprochen werden kann. Zurzeit ist das Institut mit 32 Knaben und 13 Mädchen, zusammen also 45 Kindern bis auf den letzten Platz besetzt. Seit seinem Bestehen wurde es von 52 Knaben und 33 Mädchen, zusammen also von 85 Zöglingen aus allen Teilen Deutschlands frequentiert. Der Unterricht wird in aufsteigenden Klassen mit je 14 bis 15 Kindern erteilt. Die unterste Klasse oder Vorschule, die in pädagogischer Beziehung die größte Schwierigkeit bietet, wird von dem Erziehungsinspektor, Herrn Bein selbst geleitet, in den beiden andern Klassen unterrichten zwei aus dem Berliner Seminar hervorgegangene jüngere Lehrer. Mit den pädagogischen Leistungen ist der zuständige Ortsschulinspektor außerordentlich zufrieden. Die religiöse Unterweisung und die ärztliche Aufsicht unterstehen den Kuratoriumsmitgliedern Herrn Rabbiner Dr. Schreiber-Potsdam und Dr. med. Nawratzki- Nikolasee. Der Gesundheitszustand war nach dem Bericht des Ortsarztes, Herrn Dr. Wetzel in Berlin, ein zufriedenstellender, die körperliche Entwicklung eine günstige und'im Verein mit der harmonischen Fürsorge für Körper und Geist sind auch die geistigen Fortschritte innerhalb der der Natur gezogenen engen Grenzen als erfreuliche zu bezeichnen. Der Ausbildung im Handfertigkeitsunterricht für Knaben und der handwerklichen Unterweisung wird die gebührende Sorgfalt gewidmet; in der Tischlerei unterrichtet der Wärter, in der Korbmacherei ein Korbmacher aus Treuenbriezen, in der Schneiderei ein Meister aus Beelitz. Die Leistungen, die gelegentlich der Schulferien ausgestellt werden, überraschen die Besucher ebenso angenehm, wie das frische Aussehen und die frohe Stimmung der Zöglinge. Jede Gelegenheit wird benutzt, um die Herzen der Kinder zu erfreuen: dazu tragen nicht bloß die liebevolle Behandlung bei, sondern auch die Geschenke seitens der Freunde der Anstalt. Von größeren Zuwendungen sind zu erwähnen: die Oskar und BettyTietz- Stiftung in Höhe von 5000 dl, die von Herrn Geheimrat Boas begründete Stiftung von 500 dl für Bekleidungszwecke und die Zuwendung des Herrn Jakob Mandelbaum (Manoli) in Höhe von 5000 dl zur Verwendung für einen Erweiterungsbau. Die Errichtung eines solchen ist eine Notwendigkeit geworden, selbst für den Fall, daß die Frequenz nicht erhöht werden soll, um für die älteren Zöglinge Werkstätten zu schaffen, denn wenn auch bei den meisten Schützlingen eine Selbständigkeit im wirtschaftlichen Erwerb nicht erreichbar ist, so können sie doch zu einer nützlichen und einigermaßen einbringlichen Beschäftigung herangezogen werden. Dankbar anzuerkennen sind die Zuwendungen aus verschiedenen Stiftungen der jüdischen Gemeinde zu Berlin und Dresden, der Emil- und Getrud-Moste-Stiftung in Berlin, der Baronin von Cohn-Oppenheim-Stiftung in Dessau und namentlich der zahlreichen Bne Briß Logen, die zu den schätzenswertesten Gönnern der Anstalt zählen. Kaden. Mannheim. Der Israelitische Studienverein Mannheim hat im vergangenen Jahre für Stipendien 3565 dl ausgegeben; der Betrag hätte der Nachfrage nach größer sein können, aber leider nimmt trotz den guten Zwecken der Vereinigung die Mitgliederzahl nicht zu. Erfreulicherweise liefen 1700 dl an Geschenken ein, darunter ein solches mit dem Wunsche, es ungeteilt einem besonders würdigen Bewerber zu verleihen. Der Vorstand bemerkt hierzu in seinem Bericht, daß er den Gedanken gerne ausgegrissen — es sei 3u wünschen, daß er bei anderen Gönnern Nachahmung finde. Das Gesamtvermögen des Vereins beträgt zurzeit ca. 37 500 dl, die Mitgliederzahl 229, die 1832 dl Mitgliederbeiträge aufbringen.