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Das jüdische Blatt · 1913-06-06 · 23 (6.6.1913) · p. Seite 12

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Journal
Das jüdische Blatt
Volume
IV (1913)
Issue
23 (6.6.1913)
Date
1913-06-06
Page
Seite 12 (sequence 12)
Language
German
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v> Das jüdische Matt Nr. 23. Ralsellosrmgen ans Ur. LI. 1. Porsaeuqcr. 2. Hanna, Eeder, lttm, 0?lle, Talmud, Adullam, Traube, Ratan, Endor, Pol („Pentateuch"). Richtige RatseUäsmrgen: Ein Rätsel: Denise Blum; Rein e u. Georges Weill, 5turzel — Alfred Levy, Realschüler, Gebweiler. — Alice u. Myria Weil, Ingweiler. — Georg u Jüliette Wahl, Dörnach. — Gabrielle und Robert Weill, Iltersweiler. — Louis, Susanne u. Georg fienmann, Brumath. Zwei Rätsel: Fernande Levy, Zabcrn. — Fr. R. Mo se, Eisen- Handlung, Biesheim chei Reubreisach). — Robert u. Suzanne Geismar, Romansweiler. — Albert Fohle», Püttlingen (Lothr.). -- Leon Landauer, Realtertianer, Hatten. — Henry Guggenheim, Liestal. --- Cäcilie u. Leopold Lehmann, Dauendorf. — Elsa u. Leopold Lehmann, Lausanne (Schwei;). Drei Rätsel: Blanche Geißmann, Dörnach. Ten Prciö sür richtige Lösungen im Monat Mai erhielt: Leon Landauer, Realtertianer, Hatten (ll.-E.). -^—-- Sprechsaat. (Für die in dieser Rubrik erscheinenden Artikel übernimmt die Redaktion keine Verantwortung.) Sehr geehrter Herr Rosch Hakohol! Als einfacher Bal habajis habe ich einen großen Respekt vor den Parnossim — und vor ihren Verlautbarungen, namentlich, wenn sie so treffend und witzig sind, wie die Ihrigen. Vieles gefällt Ihnen nicht — mir auch nicht. Aber die Baale habajis sind nicht immer schuld, oft liegt es nur — mit Verlaub — bei den Paruossim. Da sind in manchen Kehilos heute Parnossim, die man früher nicht zum Schammes genommen hätte. Und die wollen dann das Szepter schwingen, als ob sie wunder was verstünden. War da irgendwo ein Parnes, der ging jedes Jahr zur Kur in ein Bad. Und er vergaß „seine" Kehillo nicht, er brachte ihr stets etwas mit. Ein Jahr schenkte er ihr den Esehu mekomon, das andere den Bame madlikin, das dritte den jekum purkon. Wo er „etwas Neues" sah, wollte er es „seiner" Kehillo nicht vorenthalten. Und weil das Amt im Laufe der Jahre so große Kenntnisse zu erwerben gestattet, ist es nicht Wunder zu nehmen, wenn mancher Ihrer Kollegen dann so sehr von sich „durchdrungen" ist. Alles Würde, unnahbare Würde! Wer nicht respektiert, der fliegt. Und wenn dann dieses Würdegefühl noch gepaart ist mit dem als Alterskrankheit oft zu beobachtenden Eigensinn, daun gibt es in der „Kehillo". nur Machlaukes und der Zweck des ganzen wird ins Gegenteil verkehrt. Ich will für heute schließen — man soll nicht alles auf einmal sagen — und nichts für ungut. Sie brauchen sich ja nicht getroffen zu fühlen, ein andermal weiter Ihr Sie schätzender Bal habajis. Briefkasten. I. S. in $. Wie Sie sehen, waren wir bereits versorgt. -^- Eine Welte. Novelle von Caroline Deutsch. (Fortsetzung.) „Sieh mich an Goldchen," sagte Leser. Sie schlug die Augen auf, aber es lag ein solch stummer, herzergreifender Ausdruck in ihnen, daß Lesers Herz still zu stehen drohte. „Deine Seele ist geläutert, sie sieht Dir aus den Augen", versetzte er nach einer tiefen Pause, „Du darfst wieder in das Auge der Menschen sehen, denn Dein Fehl ist durch die Leiden dieser zwei Jahre gesühnt, Gott verlangt nur die Reue als Zeichen der Besserung, dann verzeiht er." „Gott, aber nicht die Menschen", unterbrach sie ihn traurig. „Es gibt Taten, die nicht ausgelöscht werden im Gedächtnisse der Menschen, weil sie nicht gut gemacht werden können. Ich habe gelitten während dieser zwei Jahre, wie es keine Sprache auszudrücken vermag, soviel, daß es ein langes Verbrecherleben hätte sühnen können und ich bin noch keine 20 Jahre alt; aber ich weiß, die Menschen vergessen nicht, werden nicht vergessen und des Volkes Stimme ist Gottes Stimme, streng und unerbittlich, aber gerecht; wen sie richtet, der ist für immer gerichtet. Du bist was Anderes, Onkel. Du, . . . Du hast mich einst sehr lieb gehabt und dann . . . Du hast das edelste, das größte Herz, das für mich gesprochen hat und Du suchtest inich auf. Ich weiß, nicht einmal der Vater denkt so wie Du," setzte sie stockend hinzu. „Dein Vater vergeht vor Sehnsucht nach Dir, obwohl er es nie ausspricht. Er leidet viel, ich weiß es, darum will ich Dich nach Haus mitnehmen, Goldchen, Dich und Dein Kind. Wir wohnen in einer , ganz fremden Gegend, wo wir niemanden kennen und sich niemand um uns bekümmert, Du hast nichts zu fürchten, Goldchen! Jetzt zeig mir aber Deine Tochter", setzte er rasch hinzu, als wollte er selbst nicht diese Worte hören. Eine tiefe Purpurglut übergoß Goldchens Gesicht vom Nacken bis zur Stirne. Als sie aber die Decke wegzog und ihr ein rosiges Kindergesichtchen entgegen lächelte, da leuchtete in ihren Augen ein Ausdruck tiefer mütterlicher Liebe. „Goldchens Gesicht und Veigelchens Augen", murmelte Leser vor sich hin, nachdem er das Kind lange, lange betrachtet hatte. Er legte die Hand auf die Stirne des Kindes und segnete es stumm, mit feuchten Augen, denn er dachte, daß dies Geschöpf keine Zukunft habe, daß ihm schon bei der Geburt alle Fäden des Glückes und der Freude abgeschnitten seien, daß es einsam dastehe, wie ein junges, früh losgelöstes Blatt eines Baumes, allem Ungemache, schutzlos allen Stürmen preisgegeben: denn ihm fehlte die Achtung und die Teilnahme der Menschen, die Schande der Eltern hatten sein junges Haupt gebrandmarkt. Goldchen küßte aber die Stelle, wo des Onkels Hand geruht, sie kam ihr geheiligt vor. Die Kleine fing zu weinen an, Szurel nahm sie aus dem Bettchen und ging mit ihr hinaus, da sie ahnte, daß ihre Gegenwart hier zuviel sei. Als sie allein waren, frug Leser seine Nichte, ob sie von jenem Elenden seit den zwei Jahren nichts gehört habe. Statt aller Antwort brachte ihm Goldchen einen Stoß Briefe, die sie vor ihm ausbreitete. „Eine Menge habe ich verbrannt", sagte sie, „und zwar die ersten; dann dachte ich, wer weiß, wozu sie einst dem Kinde nützen können und bewahrte die späteren auf. Damit Du aber nicht überrascht wirst, Onkel, er ist ein Jude", setze sie hinzu . „Ein Jude?!" rief Leser aus. Man wußte nicht recht, war's Freude, war's Entsetzen, was in diesem Ausruf lag. Hastig entfaltete er die Briefe und las. Eine glühende, von Leidenschaft verzehrte Männerseele, ein von Reue gequältes Herz, sprach ihm aus jeder Zeile entgegen. Die Blätter einer dunkeln Menschengeschichte entrollten sich vor seinen Blicken. Reue hatte den Mann von Amerika nach Europa zurückgegetrieben. Er wollte sein Verbrechen gut machen, er wollte Goldchen heiraten, denn er liebte sie. Er bat, er flehte um Vergebung. „Hast Du ihm nie geantwortet, ihn nie gesehen?" frug der Onkel. „Geantwortet nicht, aber oft gesehen, da er seit mehr als einem Jahr in Preßburg wohnt und Tag und Nachf um das

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