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Das jüdische Blatt · 1913-05-23 · 21 (23.5.1913) · p. Seite 12

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Das jüdische Blatt
Volume
IV (1913)
Issue
21 (23.5.1913)
Date
1913-05-23
Page
Seite 12 (sequence 12)
Language
German
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12 Das jüdische Hlatl Nl. 2 l. weinte heiße, verzehrende Tränen; bald lief sie in verzweifelter Erregung durch das Zimmer, bald wiederum faß sie stundenlang in dumpfer Verzweiflung wortlos da und starrte auf das unglückselige Schreiben, das sie schon unzähligemal gelesen und das lautete: „Stolze Jungfrau aus dem Stannne Juda! Der amerikanische Offizier, der heute Morgen abgereist, hat die Wette gewonnen und* sein Ehrenwort eingelöst; Sie waren der Preis. Er vermaß sich, die spröde Schönheit in einigen Wochen zu erobern, was uns in Jahren nicht gelingen wollte. Wir sehen die Wette als für uns verloren an und wünschen ihm Glück zu der schnellen Eroberung." Der Brief trug keine Unterschrift. Wie der Sturin, wenn er über eine Ebene fährt, sich in der Erde Tiefen bohrt, die festverschlungenen Wurzeln löst und niederreißt, was Leben und Dasein hat, so hatten diese paar Stunden die geheimsten Tiefen dieses Menschenherzens aufgewühlt und entwurzelt, was jahrelang festgesessen. Es war Nachmittag geworden; sie erhob sich, warf den Morgenrock über, hüllte sich in ein Tuch und stieg die Treppe zur Hinterstube empor, seit Wochen das erstemal wieder. Sie kniete zu den Füßen des Onkels und verbarg ihr totenbleiches Gesicht an seinen Knien. Schrecklich mußte das Bekenntnis sein, das sich stockend, halbgebrochen den bleichen, zitternden Lippen entrang; das bewies der schwere, keuchende Atem des Onkels, das entsetzte Blicken seiner Augen. Eine Totenstille war nach dem Geflüster eingetreten. Leser erhob sich und wankte durchs Zimmer, dann sank er wie gebrochen auf einen Stuhl, bedeckte sein Gesicht und weinte wie ein Kind. Armes, großes Herz! Alle, die er geliebt, hatten grausam daran gerüttelt und gar Goldchen! Goldchen! . . . sein Herzblättchen, wie er es stets genannt, die Herbstsonne seines Lebens, an deren Strahlen sein armes, einsames Herz noch einmal warm aufging, sie hatte den grausamsten Stoß dagegen geführt, einen, der mitten durch den Lebensnerv ging. Ein Tischobeaw war dieser Tag fiir die Familie Breitkops. Man muß Moscheh ganz kennen, um diesen Schlag zu ermessen, der auch für jeden andern das Schrecklichste in sich trüge, was überhaupt einen Menschen treffen kann. Er wütete gegen alle, nur gegen sich nicht. Alles trug Schuld an dem Unglücke, nur er nicht. „Was werden die Leut' sagen? Die Leut', die Leut'?" war der verzweifelte Schrei seines Herzens. „Ist deine Eitelkeit noch nicht geschwunden?" frug hier die ernste Stimme des Bruders, „noch nicht? Du hast ja den edelsten Teil deines Verinögens an die Leut' abgegeben, die Ehre und das Glück deines Hauses, ist das nicht genug? So viel Maaster gibt nicht der reichste Mann." Auf Moscheh hatte aber nur dieser eine Gedanke Gewalt, und wie ihm auszuweichen, sein ganzes Sinnen und Denken. Endlich bot sich ihm ein Rettungsweg dar. Er hatte einen armen Vetter, der in dem Banat in einer Juzta wohnte; es war ein ungebildeter und beschränkter Mensch, den konnte inan täuschen, und er sollte mit seinem Namen das Unglück decken, ehe es ruchbar würde. Als er der Tochter diesen Antrag nmchte, übergoß eine Röte innerster Empörung ihr ganzes Gesicht; doch sie bezmang sich; sie hatte kein Recht mehr, vor Beleidigungen geschützt zu sein. Sanft, aber mit festem Tone erwiderte sie dein Vater, sie könne dies nicht tun. „Warum nicht?" „Weil man einen Frevel durch einen anderen nicht gut macht." .„Du bist noch peinlich? Du?! . . ." schrie der wütende Mann und wollte sie fast erwürgen. „Verflucht sei die Stunde, in der du geboren, verflucht die Mutter . . ." „Schweig!" rief Leser mit einer solch donnernden Stimme, daß sich Moscheh erschrocken umsah. Er erkannte nicht die Stimme des Bruders, so hatte sie Zorn und Schmerz entstellt. „Nenne nicht ihren Namen mit deinen Lippen! Wenn D i r noch etwas beistehen kann, so ist es ihr Sechuß. Sie hat Recht", fuhr er fort, es war ihm unmöglich, Goldchens Namen auszusprechen, „sie hat Recht, was Du ihr vorschlägst, ist sündhaft." „Was willst Du?" kreischte Moscheh. „Was red'st Du noch? willst auch, daß man mit Fingern auf mich weist? Ich Hab' sie geliebt, sie war mein einziges Kind", hier zitterte die Stirnine des Mannes gewaltig, „aber ehe ich das erlebe, lieber erwürge ich sie mit meinen eigenen Händen, lieber verleugne und verfluche ich sie für immer;" wie ein Wahnsinniger stürzte er aus der Stube. „In Preßburg wohnt eine arme Frau; sie heißt die alte Szurel. Ich Hab ihr einst derr einzigen Sohn vom Militär erlöst und sie ginge durchs Feuer für mich. Zu der geh! Sie wird sich Dir wie eine Mutter beweisen, wenn Du sagst, ich schickte dich. Bei der bist Du gut geborgen, bis sich Gott erbarmt und seine Rettung sendet." Onkel Leser sprach dies langsam, stockend, mit abgewandtem Gesichte. Eine tiefe Stille folgte; dann fühlte er plötzlich seine Hand ergriffen und an ein paar eisig kalte Lippen gedrückt. „Onkel! Onkel, leb' wohl!" rang es sich fast erstickend aus Goldchens Brust hervor. Seiner nicht mächtig, ergriff der gequälte Mann diesen bleichen Kopf und drückte ihn wild an sich; dann stieß er einen Schrei aus, so tief und entsetzlich, als ob sich sein innerstes Leben losgerungen und stürzte bewußtlos zusammen. Wochenlang hielt ihn eine Krankheit ans Bett gefesselt und als er genas, war sein Haar so weiß, wie das eines Greises. Moscheh war zum Kongresse nach Pest gereist, um sich zu betäuben; es half nichts, bald kehrte er zurück und legte die Stelle nieder: sein Mut war gebrochen. (Fortsetzung folgt.) l i 1117PM — Hotel Wagner lilliful 11 :: Deutsches Haus :: Ruhigste, sonnige Lage beim Bahnhof, Schiff u. Engl. Garten. Modernstes, behagl. Hotel, jeglicher Komfort. Fließ. Wasser, warm u. kalt, in allen Zimmern. ■ Appartements mit Bad. — Mäßige Preise. I _C. 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