Das jüdische Blatt
- Journal
- Das jüdische Blatt
- Volume
- IV (1913)
- Issue
- 20 (16.5.1913)
- Date
- 1913-05-16
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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Leitartikel: Bilder aus dem Brachjahr. — Die neue bayerische Kirchengemeinde-Ordnung. — Brief vom Lande. — Aus aller Welt. — Korrespondenzen. — Wochenkalender. — Gebetszeiten. — Familiennachricbten. — Rätsel-Ecke. — Vermischtes. —' Bücherbesprechung. — Die jüdischen Kolonien in Brasilien. — Eine jüdische Höhlenstadt. — Die Alkoholfrage der Juden. — Eine Wette. — Inserate. Zu nnu 'o. Bilder aus dem Brachjahr. i. Vor uns liegt ein schönes, fruchtbares Land, vom herrlichen Glanze einer mittäglichen Sonne bestrahlt; darüber wölbt sich ein klarer, blauer Himmel. Aber der Boden unten ist unbebaut: wo wir in goldenen Halmen wogende Getreidefelder erspähen, da schießt nur ärmlicher Nachwuchs vorjähriger Ernte hervor, von häßlichem Unkraut umwuchert. Lange, wirre Schößlinge wirft der Weinstock aus, und Saft und Kraft find zu fruchtlosen Ranken geworden; und doch hätte der heiße Boden herrliche Trauben gereift, hätte man mit Hacke und Rebmesser darauf gearbeitet. Wir schütteln bedenklich das Haupt ob der Nachlässigkeit und Arbeitsscheu solcher Bewohner, und sind schon dabei, einen Fluch über sie auszusprechen. Da tritt einer der Weisen an uns heran, der unseres Staunens und unserer Entrüstung stummer Zeuge gewesen, und spricht zu uns: „Auf ihres Gottes Befehl haben sie solches getan, auf daß ihr ganzes Land, Aecker und Felder, Gärten und Wiesen, jede Frucht und jeder Grashalm mit ihnen spreche: Nicht unser ist der Boden, den wir bebauen und bewohnen, sondern unserem Gotte, dem wir ihn jetzt huldigend zu Füßen legen. Wir sind nur geduldete Fremdlinge, Beisassen auf unbestimmte Frist darauf." 11. Wir treten ein in einen herrlichen Park, wo schwer belastet von der Früchte reicher Fülle ein Hain von Bäumen uns grüßt. Ob auch ungepflegt ihr Aussehen, sie haben doch ergiebige Ernte gebracht, so daß wir nach Wunsch uns erquicken und laben können. Aber wir verdanken diesen köstlichen Genuß nicht einer besonderen Gunst des Besitzers, die er uns nur gewährt; sondern wir sind einer großen Schar anderer, hier offenbar ebenfalls Fremder, gefolgt, die durchs offene Tor des Gartens einzogen und uns den Weg zeigten zum unbeschränkten Genießen. Erstaunt fragen wir, warum hier das Besitzrecht des Einzelnen aufgehört hat und die Gesamtheit Eigentümer geworden ist. „Ich bin zwar Besitzer des Gartens", entgegnet uns einer unter den vielen, „aber eine Bestimmung unserer Thora lehrt mich, in jedem siebten Jahre mich dieses Besitzes zu entäußern. Immer und immer wieder führt sie mir vor Augen, daß ich nicht pochen darf auf mein Eigentum und mich nicht überheben; daß ich nur deshalb gesegnet, um dem Bruder, dem Armen, dem Fremden bei mir zu spenden von meiner Fülle. Damit übe ich nicht „Liebe" und nicht „Gnade", sondern unsere heilige Sprache nennt das „Gerechtigkeit" (Zedokoh). Nicht ohne Absicht hat unser Gesetz fast unmittelbar auf die Bestimmungen des Brachjahres die Vorschrift folgen lassen: „Wenn verarmt dein Bruder und sinkt seine Hand, so halte ihn fest, den Fremden und Beisassen, damit er lebe gleich dir. Es ist ein Anrecht, das der Not aus dem Segen des Reichen erwächst." III. In Jerusalem, der heiligen Stadt, auf weitem freien Platze. Es ist am Llusgang des ersten Tages des Hüttenfestes in einem Erlaßjahr. Da staut sich eine gewaltige Menge; die Wallfahrer, die Groß und Klein zahlreicher als sonst zum Fest erschienen sind, drängen zur Versammlung: Man sieht Männer aller Klassen und Berufsarten, Bauern mit gebräunten Gesichtern und Handwerker mit schwieliger Faust, Krieger mit trotziger Miene und Gelehrte mit sinnendem Auge; auch fremdartige Typen sind unter den Erschienenen. Für die Frauen ist ein besonderer Raum Vorbehalten, und selbst die muntere Kiirderwelt — bis zu den Kleinsten — ist würdig vertreten. Eine Rednerbühne ist aufgerichtet, prächtig wie ein Königsthron. In atemloser j Spannung steht die muntere Menge. Da schreitet vom Tempel-! berg her eine hohe Gestalt herab in purpurnem Königs- 1 meintet, auf dem Haupte die goldene Krone. Der König ist begleitet von Priestern in weißem Linnengewand, die ihm ' eine uralte, herrlich geschriebene Thorarolle überreichen. Er