Das jüdische Blatt
- Journal
- Das jüdische Blatt
- Volume
- IV (1913)
- Issue
- 18 (2.5.1913)
- Date
- 1913-05-02
- Page
- Seite 12 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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12 Das jüdische Statt Nr. 18. leitest, so schreibst Du Dir auch noch die Schuld an den Umständen zu, um ihn nur ganz frei zu sprechen. Ich sage Dir aber, er war ein elender, undankbarer Junge, der nicht einen Liebesblick von Dir wert war. Es ist gut, daß er schon tot ist, wer weiß, was für einen Kummer er Dir noch bereitet hätte. Wie alt wäre er jetzt, Onkel?" „Fünf- oder sechsunddreihig Jahre." In diesem Augenblicke trat Moscheh Breitkopf in die Stube; er holte die Tochter, nach der jeder verlangte. Voll triumphierenden Glückes erzählte er, der Stuhlrichter habe ihn und Goldchen zu dem nahe bevorstehenden Feste geladen, das er zu Ehren des Obergespans geben werde; auch habe er ihm versichert, kein anderer als er werde Deputierter; er hoffe also, sein sehnlichster Wunsch werde bald in Erfüllung gehen. Leser blieb allein bei seinen Büchern. Eine Weile blickte er stumm, in schmerzlichem Nachdenken vor sich hin, dann aber schüttelte er sich, als wollte er alle unangenehmen Gedanken von sich entfernen, und mit einem verklärten Aufleuchten seiner Blicke, sich wieder seinein Studium zuwendend, sagte er: „Wie kleinlich ist das Hascheil der Menschen liach Ehre; wer sie nicht innen trägt, wird sie ilirgends findeii; sie ruht, wie das Erz in den Bergen, in der eigenen Brust." Leser nnb Moscheh Breitkopf bewohuten ein Haus. Leser, der ältere Bruder, war unverheiratet, Moscheh hatte die zweite Frau und ein einziges Kind, Goldcheii. Leser hatte wenig Bedürfnisse; er hatte ein kleiiies Hinterstübchen iiiiie, das ganz mit Büchern ausgefüllt war und worin er die ganze Zeit verbrachte, wenn ihn nicht das Gebet nach der Schul und ein Krankheitsfall aus dem Hause rief. Die beiden Brüder hatten außer dem Familiennamen noch jeder einen Namen in der Khille. Moscheh hieß der „mesch igeneh Geiwenik", und nie trug jemand seinen Spitznameii mit vollerem Rechte, als er. Allen seinen Handlungen lag irgend ein Fehler oder eine Unart zugrunde. Er war wohltätig aus Ruhmsucht, gefällig aus Laune und fromm aus beiden Gründen. Es war nichts Ursprüngliches in ihm, als sein Egoismus. Bald hielt er mit den Orthodoxen, bald mit den Neologen des Städtchens, ja er wäre Beides zugleich oder keines von Beiden gewesen, wenn man ihn nur zum Deputierten gewählt hätte. Moscheh war seit sechs Jahren Roschhakohol, seitdein er im Orte wohnte, früher war er Rendar in einem siebenbürgischen Dorfe gewesen; doch was war dieses Amt gegen die verlockende Würde einer Deputiertenstelle im jüdischen Kongresse zu Pest? Leser war der ältere Bruder; man hieß ihn den Schlemiel. — Obwohl sein Ruf als Gelehrter weit über die Marken seiner Gegend hinausging, war er doch so schüchtern wie ein Kind. Er stolperte, wenn er ging, er stotterte, wenn er sprach; wenn ihn aber ein Gedanke beseelte, wenn es ein wissenschaftlicher Wettstreit war, wenn es galt, leibenbe Herzen aufzurichten, so gewann das Auge Feuer, der Blick wurde frei und begeistert, das bleiche gerunzelte Gesicht belebt und die stotternde Sprache klang eindringlich und beredt, wie Gottesworte. Man liebte ihn und achtete ihn, diesen Leser, trotz "seines Spitznamens; denn er war ein Vater der Armen und Hilfsbedürftigen; nur eines tadelte man an ihm, daß er ledig war und nicht heiraten wollte. Gehen wir viele, viele Jahre zurück, da werden wir den Grund hierfür finden, den die Leute in N. nicht kennen, und wenn sie ihn auch kennen, würden sie ihn nicht begreifen. Als Leser noch jung war — das war schon lange her, er zählte jetzt fast schon 58 Jahre, obwohl er noch kein graues Haar hatte —, da hatte sein Herz auch einmal gesprochen, aber so laut und heftig, daß es seit dieser Zeit verstummt war. Er war ein junger Mann und lernte auf der Jeschiwah zu Werbau, war der Lieblingsschüler des Rabbi und beliebt bei Allen. Er hatte einen Freund, dem er sich mit seiner vollen reichen Seele ganz angeschlossen, und jemanden, den er noch lieber hatte, Veigelchen, des Rabbi's einzige Tochter. Es war mehr als Liebe, was er für sie fühlte: es war Anbetung, eine reine, keusche Anbetung, die etwas Himmlisches an sich hatte. Er hatte noch wenig mit ihr gesprochen, fast gar nichts, wenn er sie aber sah, so verklärte sich sein Gesicht und er konnte stundenlang bewußtlos, selbstvergessen in das liebliche Gesicht blicken, in dem ein paar Augen von seltsam bestrickendem Zauber leuchteten. „Diese Augen haben sich so tief in mein Herz gebrannt, daß sie stets aus der Tiefe schimmern und ich sie überall sehe, wo auch nicht Veigelchen ist," sagte er einst zu seinem Freunde; sie hatten sich eingebrannt, diese Augen. Veigelchen liebte ihn auch, so sagte der Freund; er schien es auch zu bemerken. Leser war eben mit seinen Studien fertig geworden, als ihn ein Brief eilends an das Krankenbett des Vaters rief. Er reiste ab und gab dem Freunde den Auftrag, für ihn beim Rabbi zu werben; er versprach's mit den heiligsten Eiden. Zwei Monate hielt den Sohn die Krankheit des Vaters all die Heimat gefesselt; während dieser Zeit war keine Nachricht vom Freunde gekommen. Als der Vater genas, eilte Leser, von bösen Ahnungen erfüllt, nach Werbau und fand ... den Freund mit Veigelcheil verlobt. Der Falsche hatte geworben, aber — für sich. Zu schildern, was in Leser's Brust vorging, wäre unmöglich. Alle Blüten der Liebe und Freundschaft, die so lange und so tief gewurzelt, rissen sich mit ihren innersten Fasern blutend los, daß das arme Herz einem aufgewühlten Erdreich glich, von Stürmen durchzogen, die entweder den Samen des Giftes oder den des Heiles in die frisch aufgeworfenen Schollen tragen sollten . . .; sie brachten den des Heiles. Leser wurde das, was er jetzt war. Vier Jahre mochten vergangen sein, da machte er eine Reise zu seiner Großmutter, die nach ihm verlangte. Die Cholera raste im Lande. Ermüdet hielt er eines Tages vor einer Dorffchenke, ging hinein, sich zu stärken, und faild ein sterbendes Weib und einen Knaben von etwa drei Jahren. Der Mann war ein Tag vorher gestorben, das andere Bett zeigte noch die von ihm eingedriickten Spureil . . . Das Weib war sehr eiltstellt; Leser erkannte es trotzdem: er sah in jene wunderbaren Augen, die selbst der Tod nicht eiltstellen fonnte; es war Veigelchen. (Fortsetzung folgt.) 1117Prn — Hotel Wagner liUilljl 11 :: Deutsches Haus :: Ruhigste, sonnige Lage beim Bahnhof, Schiff u. Engl. Garten. Mociernstes, behagl. Hotel, jeglicher Komfort. Fließ. Wasser, warm u. kalt, in allen Zimmern. Appartements mit Bad. — Mrißige Preise. C. Wagner, deutscher Eigentümer.