Mannheim
Compact Memory

Das jüdische Blatt · 1913-05-02 · 18 (2.5.1913) · p. Seite 11

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Das jüdische Blatt
Volume
IV (1913)
Issue
18 (2.5.1913)
Date
1913-05-02
Page
Seite 11 (sequence 11)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
98% known words query
IRI
…/9052070-9096771-9052378--0322-9052389
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Nr. 18. Das jüdische Klatt. 1! Väter von den Markosf, Purschkewitsch usw. haben dieses Blut schon lange in den Chambres separees ausgesaugt. Jetzt beschuldigen die uns in der Verwendung von Blut . . . . aber der Gott Israels ist gnädig. Gott liebt sein Volk und wird nie eine Beleidigung desselben von den Feinden dulden. Glaubt ihr nicht? Dann erzähle ich euch einen Fall: Hört!. Es war vor 30 Jahren, es war Pesach. Die Sonne schien so einladend; irgendwo sproßte schon das Gras. Es war angenehm, am Fenster zu sitzen und daran zu denken, daß mir einst Diener der Pharaonen waren, und daß jeder Schurke uns drückte und sich über uns lustig machte; aber da kam Moses und befreite uns und wir werden jetzt nicht mehr gedrückt. Ich sitze und bringe unserm Hergott sein Lob. Plötzlich kommt der Schames gesprungen. Sein Gesicht ist blaß, die Haare hängen unter dem Hut hervor und sind verwirrt über seine Stirn. „Was ist passiert?" fragte ich. „Zum Rabbiner, schnell zum Rabiner! Ein Unglück ist geschehen." „Was ist los? sprechet"; aber der Schames ist fort; er ist blitzschnell gesprungen und sprach nur „großes Unglück, eilet". Schnell ziehe ich mich an und springe zum Rabbiner. Entgegen kommt mir schon der Rabbiner selbst. Sein Gesicht ist weißer als sein langer Bart; geknickt durch die Last der Jahre ist er jetzt noch viel buckliger. Seine Lippen sprechen etwas Unverständliches, wahrscheinlich betet er. Mit Angst frage ich: ist bei Euch jemand gestorben? Der Rabbiner hebt die Hände gen Himmel und spricht mit zitternder Stimme oh! wenn das nur wäre; ein Unglück in meinem Hause wäre ein Glück, im Vergleich zum Geschehenen. Was ist denn geschehen, Rabbi? Es ist ein großes Unglück für Israel, — ein sehr großes Unglück. Außerhalb der Stadt im Walde hat man ein christliches Mädchen mit durchschnittenem Halse gefunden ... In der ersten Minute war ich starr. Am Pesach ein christliches Mädchen mit durchschnittenem Halse finden! ihr versteht, welcher Kummer für die Juden. Was jetzt tun? frug ich leise. Zudem sende ich nach Euch, um mit Euch zu beratschlagen. Gleich kommen noch einige und wir werden dies besprechen. Nach einigen Minuten kamen die Gerufenen, alle Ehrenmänner und alle reichen Hausbesitzer des Dorfes. Ich sprach zuerst: Juden! Ueber uns ist ein großes Unglück gekommen, über das Volk Israels. Natürlich die Wahrheit wird siegen, denn unser Gott ist groß und allmächtig. Aber bevor die Wahrheit siegen wird, kann eine Metzelei entstehen. Wir müssen jetzt unverzüglich Maßregeln treffen, wir müssen zu den Dorfältesten gehen, sagte einer von den Anwesenden. Wie wollen Sie denn ohne Geld gehen? fragte der Rabbiner. Feiertags darf man doch kein Geld tragen und ohne Geld zu ihnen gehen kann man nicht. Das macht nichts, sagten wir alle überzeugend. Die Behörde kennt uns und wird uns aufs Wort glauben. Es ist nicht das erstemal . . . . Dann gehen wir. Als wir herauskamen, waren schon die schmalen Straßen mit Leuten überfüllt. Juden waren nirgends zu sehen. Man hörte schon das Klirren der zerbrochenen Glasscheiben; es war nur eins zu hören . . . . Juden haben ein Mädchen getötet, das Blut ausgesaugt. Haut! . . . Kaum machten wir einige Schritte, als wir schon von einer dichten Menge umringt waren. Aha! ihr seid die! schrie die Menge, flüchten wollet ihr! Haltet sie! Führet sie zur Leiche des erquälten Mädchens. Die Schurken sollen geköpft werden. Man schleppte uns in den Wald. Einer warf schon einen Stein auf den Rabbiner, und das Blut strömte über sein weißes Gesicht und seinen grauen Bart. Sie zerrissen unsere Kleider und stachen uns fortwährend. Brüder! der Tod ist über uns gekommen, sagte der Rabbiner, . . . Betet! Wir beteten leise und erinnerten uns unserer Sünden und baten den Allerhöchsten um Vergebung. Wir näherten uns dem Walde. Zwischen den Bäumen sahen wir einige Dorfältesten mit Abzeichen an der Brust. Auf der Waldwiese erblickten wir die Leiche eines achtjährigen Mädchens. Das Kleidchen war zerrissen. Man merkte, daß der Schurke vor der Ermordung das Kind vergewaltigt hatte. . . . Hier nahm der alte Chassid sein rotes, nicht sehr frisches Taschentuch und rieb lange seine alten verweinten Augen. Nun, was war weiter? frug man den Alten. Er faltete sein Taschentuch zusammen, steckte es in die Tasche und erzählte mit Unterbrechungen: Weiter war eine Freude, eine große Freude . . . wir näherten uns der Leiche und standen mit gesenkten Augen und erwarteten den Tod. Ringsum schrie die Menge: Schämt Euch, es ist eine Schande auf das Opfer zu sehen, warum habt ihr es ermordet? In diesem Moment war es mir, als hörte ich eine Stimme vom Himmel: Betrachte die Leiche! . . . Betrachte die Leiche. Ich hob die Augen, schaute, und eine Freude erfüllte mein Herz. In der Leiche erkannte ich meine Sarah . . . Mein einzig kleines Töchterchen Sarah . . . Wollt ihr wissen, was weiter war? Wie ich schon erzählt habe, es war eine Freude. Die Menge ging auseinander und wir gingen zwischen zwei lebenden Mauern, mit stolz erhobenen Häuptern. Gott Israels zeigte wieder seine Macht und unsere Feinde waren beschämt. Die ganze Woche jubelte das' jüdische Volk mit Gesang und Tanz. Ihr versteht ja selbst, welches Glück es für die Juden ist, wenn man am Pesach ein Mädchen im Walde mit durchschnittenem -Halse findet, und der Name dieses Mädchens Sarah ist . . . Der alte Chassid blieb still. Ich fragte ihn: Habt ihr keine Kinder mehr gehabt? Nein, sagte er. Wie konnte ich denn noch Kinder haben, wenn meine Frau zwei Tage nach dem Tode der Sarah gestorben ist. Dumme Frau! Sie konnte nicht verstehen, daß durch unsere Sarah Gott den Flecken von Israel vernichtete. Zwei Tage hat sie nichts gegessen, noch getrunken, sie weinte nur. Der Rabbiner sagte ihr, daß es eine Sünde sei, die allgemeine Freude zu stören und sie . . . Der Alte senkte sein Haupt, aber im Augenblick richtete er sich wieder auf, hob die Augen zum Himmel und sprach: Groß und allmächtig ist Gott Israels! Sein grauer Bart war feucht von Tränen. Kine Weite. Novelle von Caroline Deutsch. (Fortsetzung.) „Er war uoch ein Kind; mit Kindern darf inan nicht rechten; wenn er älter geworden wäre, wäre er sicherlich umgekehrt und hätte alles gutgemacht, und dann, Goldchen, bin ich ja auch Schuld daran. Warum gab ich ihn so früh in die Fremde! Er war fünfzehn Jahre alt, sich selbst überlassen mit seinem wilden, glühenden Herzen. Die allgemeine Bewegung ergriff auch ihn, den feurigen Jungen; er wurde Soldat, und fiel für Ungarns Freiheit; ja, ja, gewiß: ich Hab' die meiste Schuld an dem Unglücke." „Onkel, wenn ich Dich nicht schon lange kennen würde, ich würde Dich aus diesen Worten herausstnden. Nicht genug, daß Du mit Deinem großen, guten Herzen all' sein Unrecht als naturgemäße Wirkungen von äußeren Umständen ab-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.