Das jüdische Blatt
- Journal
- Das jüdische Blatt
- Volume
- IV (1913)
- Issue
- 18 (2.5.1913)
- Date
- 1913-05-02
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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JBayern: Leltungsnummer 546. IRefcb und Ausland: Teltungspretslilte. Geschäftsstelle: M. DuMont Tchauberg, Stratzburg i. Elf. Vertretung für Bayern und Württemberg: Max Eichinger, König,. Hofbuchhündler, Ansbach (Bayern). Zu beziehen: Durch die Geschäftsstelle; außerdem in Stratzburg durch die Elsäsflsche Aktiengesellschaft vorm. A. Ammei. In Basel durch I. Nordmann, Schützenstrabe 36. In Zürich durch A. Schneider, Badenerstraße 123. --——— Bezugsbedingungen: Pro Quartal per Post 75 Pfg. (exkl. Zustellungsgebühren), per Streifband M. 1.25. In Frankreich unter Streifband 2.50 Fr. das Vierteljahr, 10 Fr. das Jahr. In der Schwei; per Post 4 Fr. das Jahr ohne Bestellgeld, unter Streifband 10 Fr. das Jahr. In Oesterreich per Post 4 Kr., per Streifband 9 Kr. das Jahr. In England 2 Schilling, Amerika 50 Cents per Vierteljahr. -Inserate nach Tarif.- Abonnements nimmt jede Dottanttalt entgegen. iv. Jahrgang. Ansbacb-Stralzburg, 2. /Dai 1913, 25. Milan 5673. ikr. IS. Inhalt. Leitartikel: Kedauschim tiju — heilig sollt ihr sein. — Die neue ayrische Kirchengemeindeordnung. — Brief vom Lande. — Aus aller Welt. — Korrespondenzen. — Ist. Knabenwaisenhaus Hagenau »Purimspende). — Wochenkalender. — Gebetszeiten. — Familiennachricbten. — Rätsel-Ecke. — Briefkasten. — Tragische Freude. — Eine Wette. — Letzte Nachrichten. — Inserate. Zu n^-p. Kedauseliim tiju — heilig sollt ihr sein. Also lautet die landläufige Uebersetzung. Würde nur den Kindern diese Textübertragung vorliegen, keiner könnte etwas dagegen haben. Für sie ist heilig der Begriff des Hohen, Erhabenen. Für die „Großen" aber möchten wir diesen Ausdruck für „Kodausch" aus unfern Bibeln ausgemerzt wissen. Denn für die Erwachsenen schmeckt das Wörtchen „heilig" ein bißchen sehr nach Kloster und Mönchtum, man denkt dabei unwillkürlich an Augenaufschlag und Händefalten, lind doch müßte ein jeder wissen, daß das Judentum nichts weniger als Weltabgekehrtheit predigt, daß das Judentum nie solche Typen kannte, wie sie das christliche Mittelalter geschaffen hat. Aber eben aus dieser Mißdeutung des Kodausch und dem aus dem Sprachgebrauch des täglichen Lebens tief ins Volksbewußtsein eingedrungenen Begriff des „heiligen Mannes" hat sich die verkehrte Anschauung herausgebildet, daß nur weltabgewandte, das wirkliche Leben verkennende, in höheren Regionen schwebende Naturen die Religion in ihrer Ganzheit halten müßten. Die große Masse, die mitten im Leben steht, müsse für sich die Bezeichnung „heilig" ablehnen und daher auch die Religion, die solch Heilige schaffen will. Man hat damit die jüdische Religion einem gewissen Stande überlassen und diejenigen, die außerhalb dieses Standes ihrer alten Religion noch treu geblieben sind, gelten als rückständig, als Phantasten, von anderen Ausdrücken ganz zu schweigen. Das könnte eigentlich für das Judentum an und für sich gleichgültig sein. Seine Stärke hängt nicht allein von der Zahl seiner Anhänger ab, sondern ganz besonders von der Kraft und dem Willen zu großen Taten, die es erzeugt. Proselyten will es keine machen und den Glauben will es nicht erzwingen. Seine Anerkennung muß durch den Geist aus dem Hirn und aus dem Herzen durch die Erfahrung herauswachsen. Jedoch für die in Irrtum Befangenen müßte die Gleichgültigkeit mit dem Augenblick aufhören, wo die Wirkung ihres nach der Zeitlaune gemodelten Handelns in die Gestaltungen ihres Lebens eingreift. Denn die Nichtbeachtung der jüd. Gesetze hat ihre Folge in sich selbst, sie macht sich tief im Leben fühlbar, in der Bildung des Charakters, der Abtönung des Gemüts, in der Herrschaft, die Familie und Volk auf den Einzelnen ausüben. Beispiele sind einem jeden, der über die Entwickelung des Judentums der letzten Zeit ein wenig nachgedacht hat, geläufig. Eine neue Erscheinung aber hebt sich in jüngster Zeit von den anderen ab, die viel ernster ist als alle sonstigen Merkmale der neuen Zeit. Es ist die Frage der Elternverehrung, die den Kernpunkt des modernen Erziehungsproblems bildet. In lapidarem Stile stellt hier das allgemeine Gebot des Kedauschim tiju die Forderung: „Ein jeder achte Mutter und Vater und meine Sabbate sollt ihr beobachten." Das ist einer der vielen Inhalte der sogenannten Heiligung. Der Sabbat: die Anerkennung des weltordnenden Prinzipes, des ruhenden Pols in der Erscheinungen Flucht, des Inbegriffs der Autorität, vor der sich beugt in seiner Kleinheit der große, alles bezwingende Mensch, und damit zusammenhängend und parallel der Respekt vor den Eltern: die Zusammengehörigkeit der auf- und niedersteigenden Geschlechter, die Stetigkeit der Ueberlieferungen, die Fortdauer der Liebe und Ehrfurcht über den Tod hinaus, das Vertrauen der Kinder auf die fürsorgliche Leitung der Eltern, kurz ein heiliger Bund zwischen Sabbat und kindlicher Liebe. Wer dem Sabbat seine Autorität verkürzt, dem wird auch seine eigene geschmälert. Denn das Prinzip läßt sich nicht biegen, nur brechen läßt es sich. So weit ist es heute gekommen. Der Vater verliert die Macht über sein Kind, weil er selbst, ein schwankendes Rohr, den festen Boden unterhöhlt, auf den die Religion ihn stellt: Er selbst hat die gerade Linie verloren, die von seinem Vater zu ihm führt, wie sollte er sie für das Kind finden. Was ihn erzogen, das war die nie in Frage gestellte Tradition. Sein Vater war auch kein Studierter. Aber sein Herz erglühte noch für die jüdische Aufgabe, er hatte Freude am Neben und Lernen, er bezog seinen