Das jüdische Blatt
- Journal
- Das jüdische Blatt
- Volume
- IV (1913)
- Issue
- 10 (7.3.1913)
- Date
- 1913-03-07
- Page
- Seite 7 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 10. Das jüdische Dlatt. 7 weiter behandelt werden. Unter den 36 Spitalkranken befanden sich 13 Typhuskranke, 38 Kranke wnrden in ihren Quartieren verpflegt, darunter gab es etwa 15 Cholera-Erkrankungen mit 5 Todesfällen. Wenn man die erschreckende Zahl der Erkrankungen und Todesfälle unter den mohainmedanifchen Flüchtlingen damit vergleicht, so muh man diesen sanitären Zustand der jüdischen Flüchtlinge für ganz außerordentlich günstig halten. Das ist der aufopfernden Fürsorge, die nlan den jüdischen Flüchtlingen angedeihen läßt, und wiederum insbesondere der unermüdlichen Tätigkeit des Apothekers Herrn Aron Barsilai zu verdanken. Nachdem wir am Donnerstag abend über all diese Verhältnisse uns die nötigen Informationen verschafft hatten, beschlossen wir, an den folgenden Tagen die Emigranten selbst aufzusuchen, mit ihnen über das Schicksal ihrer Familien, ihrer Angehörigen, über ihre spätere Zukunft usw. usw. selbst Rücksprache zu nehmen. Leider verschlechterte sich der an und für sich nicht feste Gesundheitszustand des Herrn Dr. Nathan am Freitag so sehr, daß er auf ärztlichen Rat, nachdem alles wesentliche der Hilfstätigkeit für die Opfer des Balkankrieges erledigt war, nach Berlin zurückreisen mußte. Die Herren Adler und Dr. Kahn blieben dort, um noch die weiteren Details der Hilfstätigkeit in Konstcmtinopel zu regeln. Am Montag den 3. Februar fand eine nochmalige Sitzung im Hause des Großrabbinsrs statt, nachdem die Delegierten persönlich durch Augenschein sich über die Verhältnisse in Konstantinopel informiert hatten, und es wurde gemäß den Festsetzungen der ersten Sitzung endgültig die bereits angegebene Unterstützung zugesagt. Ferner wurde dem bestehenden Komitee Herr Judelsohn von der amerikanischen Botschaft hinzugefügt. Wir berieten in der Sitzung eingehend über das Schicksal Adrianopels und ventilierten alle Möglichkeiten der eingeschlossenen jüdischen Bevölkerung in Adrianopel, die nach Abzug derjenigen Flüchtlinge, die Adrianopel verlassen haben und unter Hinzurechnung derjenigen Personen, die dorthin geflüchtet sind, etwa 19 000 Seelen beträgt, Hilfe zu bringen. Man war darin einig, daß man auch in dem Falle, daß Adrianopel türkisch bleibt, sehr schwer von Konstantinopel aus für die Ausgehungerten in den ersten Tagen wird sorgen können. Für die ersten Tage muß jedenfalls damit gerechnet werden, daß die nötigen Lebensmittel und die erste Hilfe von der bulgarischen Seite her beschafft werden. Es wurde ferner in der Sitzung beschlossen, schon jetzt alles Nötige vorzubereiten, um sofort nach Friedensschluß die Flüchtlinge in Konstantinopel zu repatriieren, damit alle unnötigen Verpflegungs- ausgaben vermieden werden und die Bevölkerung, die an und für sich durch die erzwungene Untätigkeit Gefahr läuft, demoralisiert zu werden, so schnell wie möglich wieder arbeits- und erwerbsfähig gemacht wird. Zu diesem Zwecke soll jetzt schon das Notwendigste geschehen, ein ganz detaillierter Plan ausgearbeitet werden, der sofort ausgeführt werden kann, wenn die Möglichkeit einer Rückkehr gegeben ist. Die nötigen Vorarbeiten, statistischen Erhebungen usw. werden auf Veranlassung der Delegation jetzt bereits vorgenommen. Wir benutzten die Zeit weiter, um mit den in Konstantinopel anwesenden angesehenen Persönlichkeiten aus Adrianopel noch eingehend über die Art und Weise der Hilfe für Adrianopel uns zu beraten. Alle, die wir sprachen, waren darin einig, daß das, was wir bereits angeordnet hatten, durchaus notwendig und zweckmäßig sei. An: Dienstag reiste Herr Adler, nachdem unsere Aufgaben vollendet waren, nach London zurück. Herr Dr. Kahn blieb noch einige Tage, um über die geschädigten thrazischen Gemeinden die nötigen Erhebungen anzustellen und weitere Einzelheiten mit den Mitgliedern der Koinmission für die Hilfeleistung in Konstantinopel festzusetzen. Am 8. Februar fuhr auch Herr Dr. Kahn von Konstantinopel ab, üa es sich herausgestellt hatte, daß es notwendig war, noch einmal mit den serbischen und bulgarischen Behörden in Verbindung zu treten, so fuhr Herr Dr. Kahn über Konstanza, Bukarest nach Belgrad, wo er am Dienstag den 11., abends, eintraf. Am Mittwoch - wurden eingehend noch eimnal alle Ergebnisse der Reise, soweit die Mithilfe der bulgarischen und serbischen Behörden in Betracht kam, mit Herrn Großrabbiner Dr. Ehrenpreis, der aus Sofia herübergekommen war, und Herrn Großrabbiner Alcalai aus Belgrad durchgesprochen. Wir hielten es für nötig, an die serbischen und bulgarischen Behörden heranzutreten, um die Flüchtlinge, soweit es angeht, schnellstens zurllckzubefördern. Erfreulicherweise fanden wir wie früher bei den bulgarischen ^Behörden so auch jetzt bei den serbischen das größte Entgegenkommen. Das serbische Generalkommando in Uesküb hat für die Repatriierung der Flüchtlinge nach Jstip bereitwillig 20 Ochsenwagen zur Verfügung gestellt und hierdurch wiederum bewiesen, wie wohlwollend insbesondere auch die serbischen Behörden der jüdischen Bevölkerung gegenüberstehen. Durch dieses menschenfreundliche Verhalten der serbischen Behörden wird es nunmehr möglich sein, in kurzer Zeit die Flüchtlinge aus Saloniki wieder nach ihrer Heimat zu bringen. Die Zukunft Salonikis. Der griechische Premier, Venizelos, kam vor einigen Tagen in Saloniki an und empfing kurz darauf, auf fein eigenes Verlangen, den. Grand Rabbin Meir in Audienz. Venizelos bezeugte großes Interesse für das Wohlergehen und die Zukunft der jüdischen Gemeinde Salonikis. Er erkannte offen an, daß die Juden allen Grund hatten, den Türken Treue zu bewahren, die ihnen bedeutende Privilegien gewährt hatten, und er versicherte den Oberrabbiner, daß eine der ersten Aufgaben der hellenischen Regierung die sein werde, diese Privilegien zu bestätigen und auszudehnen, sowohl was die Gemeindesteuern wie die Gabella, als auch wasj die Frage des Oberrabbinats angeht, so daß ein ferneres Emporblühen der Gemeinde erwartet werden dürfe. Auch bezüglich der wirtschaftlichen Lage beruhigte Venizelos den Oberrabiner. Die Mitglieder der königlichen Familie, er selbst und alle griechischen Behörden werden ihr Bestes daran setzen, den Handel Salonikis zu heben. Saloniki werde auch in Zukunft der Hafen Serbiens fein, und eine Anzahl griechischer Bezirke werde sich ihm zuwenden. Dank der zu erwartenden Mithilfe der griechischen Handelsmarine werde Salonikis Handel sich immer mehr ausdehnen und die Juden würden daraus Nutzen ziehen. Es ist höchste Zeit, daß sich diese Versprechungen Venizelos erfüllen. Denn vorläufig leiden die jüdischen Handelsleute schwer von dem Verfall der Schulden. Einstweilen ist auch das Hinterland von Saloniki verschlossen. Denn Serben und Bulgaren haben hohe Zollschranken darum gezogen. Und Saloniki ist in Gefahr, zu einer unbedeutenden Stadt herabzusinken. Der kapfere jüdische Soldak von Adrianopel. Der „Tanin", das offizielle Organ der türkischen Regierung, berichtet den Heldentod eines jüdischen Soldaten aus der Garnison Adrianopel. Bei einem Ausfall der Belagerten versuchten die Bulgaren im Verlaufe des sich entspinnenden blutigen Kampfes die Türken über die Maritza hinüberzulocken, während die Türken ihrerseits den Feind in den Bereich der Festungskanonen hineinzuziehen sich bemühten. Schon begann der türkische Kommandeur für sein Bataillon zu fürchten, da die Bulgaren bedeutende Verstärkung erhalten hatten, als ein in der Nähe des Kommandierenden befindlicher jüdischer Soldat, die Besorgnis seines Chefs erratend, den tollkühnen Entschluß faßte, sich an die Spitze einiger Kameraden zu stellen und unter dem Schutze der Nacht bis jenseits der feindlichen Stellung vorzurücken. Am Ziele angelangt, stellte er seine Kameraden in großer Entfernung voneinander auf und gab den Befehl: Feuer! Die Bulgaren, die