Mannheim
Compact Memory

Das jüdische Blatt · 1913-02-21 · 8 (21.2.1913) · p. Seite 12

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Das jüdische Blatt
Volume
IV (1913)
Issue
8 (21.2.1913)
Date
1913-02-21
Page
Seite 12 (sequence 12)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/9052070-9096771-9052213--0158-9052225
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

12 Das jüdische Matt Nr. 8. dem Schlafe. Nach einer kurzen Unterredung entfernten sich beide Männer vom richterlichen Hause und weckten auf diese Weise noch fün> bis sechs Bauern; das heißt, die ganze dörfliche Obrigkeit. Nach einer halben Srnnde etwa sah man sie den Weg nach dem Schlosse emschlagen. Achtzehntes Kapitel Ein Tag war vergangen; es war wieder Abend. Was zählt ein Tag in einem Menschenleben? Was ein Sandkörnchen in einem Sandhügel, was ein Wassertröpfchen in einem Bache? Doch wie oft faßt ein solcher einzelne Tag Ereignisse in sich, die für Jahre zu viel mären. Eine einzige Stunde kann vernichten, was Forschen und Denken, was Fleiß und Tatkraft in Jahrzehnten geschaffen haben. Welche kurze Spanne Zeit von heut bis morgen, und was hat alles Raum in ihr! Zertretenes Menschenglück, das Jahre brauchte, um sich emporzuarbeiten, vernichtete Wohlfahrt, die Jahre und mannigfaltige Kräfte in Bewegung gesetzt hatte, um Wurzel zu fassen. Ja, Zeit, du bist eine gewaltige Rächerin; wenn du einem zu träge dahinschleichst, so enteilst du dafür einem andern mit Sturmeseile und oft nicht leer, nein, beladen mit seinem schönsten Glücke. Wer Jgmant einen Tag vorher gesehen, würde es jetzt nicht erkannt haben. Das reizende, malerische Dörfchen mit den freundlichen Häusern und der reinlichen breiten Straße hatte eine völlig veränderte Physiognomie. Viele Häuser waren eingeäschert und der Rauch stieg in kurzen abgerissenen Säulen aus den Trümmern empor und löste sich in der scharfen Abendluft auf. Auf der Straße lagen Trümmer von Geräten, halbverkohlte Balken, stellenweise kleine Blutlachen, hie und da ein Verwundeter. Dazwischen gingen Soldaten in kaiserlicher Uniform hin und her, Befehle gebend oder ausiührenc. Die größte Verheerung hatte am Markte stattgefunden. Das große Wirtshaus mar ebenfalls eingeäschert, und die gerußten Mauern starrten znm Nachthimmel empor, sonst war alles Schutt und Trümmer. Es überragte nicht mehr stolz die beiden Häuserreihen, die auch meistenteils niedergebrannt waren. Soldaten und einige Bauern waren beschäftigt, die aus den Trümmerwerken noch immer hervorbrechende Glut gänzlich zu löschen. Weiber und Kinder lind auch die meisten Bauern hatten die Flucht ergriffen und irrten in den Feldern umher. Wo waren die beiden jüdischen Familien geblieben? Wir werden es bald erfahren; doch müssen wir erst den Ereignissen der vergangenen Stunden folgen. Lazarus war mit seiner Begleitung in das Schloß gekommen und verlangte, vor den Grafen geführt zu werden. Derselbe war eben im Begriffe, sich zur Ruhe zu begeben; doch als er von der sonderbaren Gesandtschaft hörte, kleidete er sich wieder an und ließ Lazarus vor sich kommen; die Bauern warteten im Vorziinmer nebenan. „Herr Graf", sagte der Jude, „ich konnne in dieser späten Stunde zu Ihnen, um einen Irrtum gut zu machen. In dein Gefangenen haben Sie einen Falschen ergriffen; er hat nicht die Waren geliefert, sondern ich, darum bin ich hier, daß Sie ihn frei geben." Graf Friedrich sah im höchsten Grade verblüfft darein. Was war das? Waren die Juden toll geworden, daß sie so mit dern Leben spielten. Dort opferte sich einer, indem er den Gefährdeten warnte und sich selbst an die gefährliche Stelle begab; hier kam im Gefühle der Gerechtigkeit der Schuldige und verlangte die Freilassung des Unschuldigen. Das waren doch Handlungen, die nur beim Adel als möglich gedacht werden konnten nnd nirgends anders, besonders bei dieser verachteten, gehaßten Rasse nicht. „Da Sie sich stellen, wird der Doktor natürlich freigegeben", sagte der Gutsherr mit unsicherer Stimme. „Sie kennen wohl das Geschick, dem Sie entgegen gehen?" lieber Lazarus Gesicht zog auf einen Moinent eine fahle Blässe. Ein leises Zittern ging durch seinen Körper; doch er sannnelte sich bald und erwiderte, dem Gutsherr voll ins Gesicht sehend: „Werden Sie nicht zurückscheuen, einem Gatten lind Vater ein solches Geschick zn bereiten?" „Das ist nicht ineine Sache", sagte der Oberst nnwillkürlich betroffen von dem tiefen Ton, womit diese Worte gesprochen wurden. „Ich tue, was das Gesetz befiehlt, indem ich Sie dem Kriegsgerichte überliefere. (Fortsetzung folgt.) I lwpni — Hotel Wagner | blllfUl 11 :: Deutsches Haus :: i Ruhigste, sonnige Lage beim Bahnhof, Schiff u. Engl. Garten. Modernstes, behagl. Hotel, jeglicher Komfort. Fließ. Wasser, warm u. kalt, in allen Zimmern. Appartements mit Bad. — Mäßige Preise. C. Wagner, deutscher Eigentümer. i"’NBs’sELQUBLLB",S | SULZMATT (Ob.-Els.)! Bestes Tafel- und Gesiindlieitsgctriink! rein natürlich. I Jüdischer Jugendbund Straßburg i. E., Schlossergasse 21 Eigene Vercinsräumlichkeiten mit zwanglosem Restaurationsbetrieb, jeden Abend von 6 Uhr ab, Samstag und Sonnlag den ganzen Tag geöffnet. Schreibzimmer, Bibliothek und Lesesaal zur freien Benutzung. Die wichtigsten jüdischen und allgemeinen Zeitungen liegen auf. .Jeden Freitag Abend zwanglose Unterhaltung über aktuelle Fragen unter sachkundiger Leitung. •-» 1366

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.