Das jüdische Blatt
- Journal
- Das jüdische Blatt
- Volume
- IV (1913)
- Issue
- 5 (31.1.1913)
- Date
- 1913-01-31
- Page
- Seite 11 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 5. Da» jüdische Klatt. 11 diesen Zweck halten wir eine provisorische, nur für die Beseitigung der A u g e n b l i ck s n o t berechnete Leihkasse für notwendig, für die 20 000 Frs. von uns bereitgestellt werden sollen, aber nur in dem Falle, wenn die wohlhabenden Glaubensgenossen in Adrianopel ihrerseits hinreichende Garantie für die Rückzahlung dieser Summe geben. Sollte eine solche Aenderung der Kriegslage eintreten, daß man die angehäuften Lebensmittel überhaupt nicht nach Adrianopel hineinbringen kann, so sind diese doch zu benutzen, um statt Geld an die Opfer in Thracien und Mazedonien verteilt zu werden. Außerdem wird nur der Bedarf für 2—3 Tage sofort gekauft, also etwa ein Drittel der ganzen Summe, der andere Teil wird auf Abruf bereit gehalten. Arzt, Krankenschwestern und Medikamente sind auch außerhalb Adrianopels für eine Zeit lang notwendig und verwendbar. Einstweilen sollen allerdings Arzt und Schwestern für Adrianopel zur Verfügung bleiben. Sollte es noch einige Zeit dauern, bis Adrianopel wieder offen wird, so haben wir uns entschlossen, diese drei Personen der Königin für Zwecke der Krankenpflege ohne Beschränkung auf die Juden einstweilen zur Verfügung zu stellen. Wir glauben auf diese Weise dazu beizutragen, das gute Verhältnis zwischen Juden und Nichtjuden und zwischen den Juden und den Behörden zu kräftigen. Spende Amerikas. Bei Gelegenheit der jüngsten Versammlung des Amerikanisch-Jüdischen Hilfskomitees in Philadelphia wurde mitgeteilt, daß der Aufruf für die notleidenden Juden auf dem Balkan 18 000 Dollars eingebracht hat. Dazu kommen noch 5000 Dollars aus dem Fonds für die Opfer der russischen Verfolgungen. Die ganze Summe ging an den H i l f s - verein der Deutschen Juden. In der gleichen Versammlung hat der Vorsitzende Mr. Louis M a r f ch a l l mitgeteilt, daß der Höchste Gerichtshof des Staates New Pork entschieden hat, daß das Saldo aus dem von dem Hilfskomitee zugunsten der Opfer der russischen Judenverfolgung aufgebrachten Fonds in Höhe von 190 000 Dollars dem Amerikanisch-Jüdischen Hilfskomitee zu zuerkennen sei. Dieser Fonds sowie die später ihm zufließenden Einkünfte soll der Linderung der Not der verfolgten Juden dienen, wo in der Welt es auch sei, sowie dem Zwecke, den Verfolgten rechtlichen Beistand zu leisten überall, wo eine Beeinträchtigung ihrer Rechte erfolge oder zu befürchten sei. Das Schicksal Saloniks. Die kommerzielle Tätigkeit der Bevölkerung Saloniks fand in seinem großen Hinterlande bisher ein reiches Feld, denn Altserbien, Albanien, der Epirus, Mazedonien und Thrazien kauften die nötigen Waren in Salonik und verkauften ihre Produkte zum großen Teile an die Saloniker Kaufleute, die mit allen Weltgegenden Beziehungen unterhielten. Eine Bevölkerung von mehr als vier Millionen Menschen deckte ihren Bedarf in dieser alten Handelsstadt, und dieser Bedarf hat von Jahr zu Jahr zugenommen. Daher kommt es auch, daß die Bevölkerung Saloniks, wobei ungefähr 70 000 Israeliten in Betracht kommen, ihre gesamten Existenzmittel aus dem Handel zieht. Bankiers, Kaufleute, Wiederverkäufer, Kleinhändler, Kommissionäre, Makler, Geldwechsler, Kommis, Fuhrleute, Bootsführer, Arbeiter und Lastträger, das sind die Kasten der Saloniker jüdischen Bevölkerung, wozu sich noch eine große Menge von Handwerkern gesellt. In ruhigen Zeiten leben diese Menschen alle ziemlich gut, indessen gestattet der Verdienst keinen Luxus, sogar die Anlage von Ersparnissen macht er sehr fraglich. Die 13 000 jüdischen Familien Saloniks führen mithin im Durchschnitt ein recht einfaches Leben. In Krankheitsfällen, bei Mangel an Beschäftigung und anderen Störungen stellt sich sehr leicht Not und Elend ein, denn reiche Leute gibt es hier nur wenig. Die politischen Ereignisse der letzten Jahre sind durchaus nicht ohne ungünstigen Einfluß auf die finanzielle Lage der Saloniker Juden gewesen, doch hielt man sich immer noch leidlich gut über dem Wasser. Die neuen Verhältnisse, welche über die Stadt gekommen sind, bringen aber diese Bevölkerung aus dem Gleichgewicht. Die griechische Herrschaft wird trotz aller Bemühungen der amtlichen Stellen, welche sich den Anschein geben wollen, als wenn sie die Israeliten gleichberechtigt und ebenbürtig behandelten, recht niederdrückend empfunden. Vergleiche mit den früheren Zuständen fallen entschieden zugunsten der Türken aus. Um so mehr interessiert die Israeliten Saloniks die Frage, ob die Möglichkeit vorhanden ist, den Umfang des Handels in der Weise aufrecht zu halten, daß die Masse der Bevölkerung nach wie vor ihr bescheidenes Auskommen finden kann. Man hätte es gern gesehen, wenn sich die Großmächte ins Mittel legen würden, um Salonik zu internationalisieren. Darunter versteht man hier die Ausschließung Saloniks von jeder politischen Zugehörigkeit zu einem Balkanstaate. Man müßte der Stadt zu diesem Zwecke eine gewisse Umgebung zuweisen: ungefähr 500 bis 700 Quadratkilometer würden genügen. Diese neutrale Zone käme unter das Protektorat der Großmächte, die durch ihre Konsuln eine stete Ueberwachung ausüben könnten. Der Hafen wäre als Freihafen zu betratchen; von hier aus könnten alle Produkte der europäischen Industriestaaten ihren Weg nach dem Hinterlande nehmen. Die Eisenbahnen wären auch zu neutralisieren, damit von den Balkanstaaten keine Hindernisse in den Weg gelegt werden könnten. Auf diese Weise hofft man hier, die Bedeutung Saloniks für den Handel auch für die Zukunft sichern zu können. Jede andere Lösung wird nur als Notbehelf betrachtet. Es läßt sich nicht leugnen, daß sich die Griechen hier schon als die Herren betrachten und nicht mehr daran zu denken scheinen, von irgend einer Macht von hier verscheucht werden zu können. Der Umstand, daß König Ferdinand von Bulgarien anläßlich seines kurzen Besuches hier den bulgarischen Militärbehörden so strenge Verhaltungsmaßregeln gab, laut deren sie sich den Verfügungen der griechischen Behörden nicht mehr widersetzen sollen und sich zu beherrschen hätten, hat die Griechen außerordentlich ermutigt und ihre Zuversicht gestärkt. Es liegt ihnen auch sehr viel daran, die öffentliche Meinung des Auslandes für sich 31t gewinnen, zu welchem Zweck sich die amtlichen griechischen Stellen in Wien, Berlin, Athen, sowie in den übrigen europäischen Hauptstädten alle Mühe geben, die größten Tagesblätter mit schön gefärbten Berichten, Richtigstellungen aller Art reichlich zu versehen, wenn diese mit der Wahrheit auch nicht viel gemein haben. Mit Briefen, wie sie z. B. der Großrabbiner von Salonik an den Prinzen Nikolaus und der französische Oberstleutnant Foulon von der ehemaligen türkischen Gendarmerie an den Präfekten von Salonik schrieben, lassen sich Vorgänge nicht wegwischen, die für die Griechen beschämend waren. Wenn die Beamten und sonstigen Organe ihre Pflicht erfüllen, wird man über die griechischen Behörden auch eine günstigere Kritik fällen. Bisher hat man jede Besserung in den Verhältnissen gern anerkannt, und sicher wird nian für die Tatsachen mehr Verständnis haben als für die schönen Worte der „Agence d'Athends" oder die des Herrn Gryparis in Wien. Hilfe fne die infolge des Keieges in den Kollronliinderm notleidenden Anden. Weitere Spenden sind eingelaufen: Durch Herrn Rabbiner Dr. Mannes, Schmabach, Sammlung in der Kultusgemeinde Schnaittach, durch Kultusvorstand Herrn Freimann 26,50 M.