Mannheim
Compact Memory

Das jüdische Blatt · 1913-01-10 · 2 (10.1.1913) · p. Seite 10

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Das jüdische Blatt
Volume
IV (1913)
Issue
2 (10.1.1913)
Date
1913-01-10
Page
Seite 10 (sequence 10)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/9052070-9096771-9052111--0054-9052121
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

10 Das Mische Klatt Nr. 2. Bräutigam, Herr Sassoon, entstammt der allbekannten Familie Sassoon (Schuschan) aus Bombay, Indien, die auch mit der Familie Rothschild verwandt ist. Der verstorbene Sir Edward Sassoon war mir der Tochter des Barons Gustav von Rothschild, Paris, verheiratet. Ein anderer Onkel, Sir Edward Sassoon, Schwager von Leopold de Rothschild, London, genoß die hohe Ehre, den verstorbenen König Edward häufig seinen Gast nennen zu dürfen. König Edward pflegte häufig wochenlang bei ihm zu wohnen und an allen Mahlzeiten teilzunehmen. Der Bräutigam führt ein streng orthodoxes Leben, besitzt eine reichhaltige hebräische Bibliothek, und unter den Hochzeitsgeschenken ist zu erwähnen ein Faksimile des Manuskriptes der Münchener Staatsbibliothek „Der gesamte babylonische Talmud" sowie das „Machsor Romani". Die Trauung wurde vom Chacham Doktor Gaster, Oberrabbiner der hiesigen portugiesischen Gemeinde, und deren Oberkantor, Rev. S. I. Roco, vollzogen. Der Knabenchor der Bevis Marks und Sanderdall Synagogue sang unter Leitung des Herrn E. R. Jessurun. Der Saal, ganz in Weiß gehalten, mit einem Podium versehen, war vollauf besetzt mit der Elite der höchsten Kreise. Die Chuppah, deren Baldachin von vier vergoldeten Säulen getragen, bestand aus weißer Seide, mit weißen Blumenkränzen und goldgestickten hebräischen Inschriften verziert. Die Anwesenheit vieler indischer und orientalischer Gäste in ihren bunten Kostümen, die uralten, feierlichen portugiesischen Melodien, die durchaus das morgenländische Gepräge in ihren zwar monotonen aber doch sehnsüchtig gesühlsreichen Rhythmen tragen, bildeten einen seltsamen Kontrast mit dem geräuschvollen Treiben der Außenwelt im elegantesten Viertel der Weltstadt. Im wollenen „Tallis" gehüllt, las der Bräutigam selbst die „Kesubah" vor und verriet die Geläufigkeit und das bekannte große talmudische Wissen des Herrn Sassoon, dessen Mutter, die natürlich auch anwesend war, hervorragende jüdische Gelehrsamkeit mit gründlicher allgemeiner Bildung vereint, und den talmudischen, halachischen Vorträgen des sei. Chief-Rabbis Dr. Adler stets folgte. Der portugiesische Tranungsritus ist fast identisch mit unserem deutschen, nur beginnt jede Brache mit „Besimon tob", und nachdem der Bräutigam das „Hare at mekudesches li" vollendet, spricht der Rabbiner „mekuddosch". — In kurzen, aber äußerst eindringlichen Worten, deren Text „Im Haschem lo jibne bajithschof omlu bodof bo" war, verglich der Chacham die vier Säulen der Chuppah zu den vier ethischen Grundprinzipien des Lebens Glaube, Liebe, Hoffnung und Treue und ermahnte das junge Paar, dem Beispiele ihrer Ahnen zu folgen und ein echt jüdisches Haus zu gründen. Zum Schluß sangen die Knaben das „Varuch habah" nach der begeisternden Melodie der portugiesischen Schiro, und langsam würdevoll entfernten sich Braut und Bräutigam und Brautjungfern in hellblauen Kostümen, die Familienmitglieder mit kostbarsten Perlenschnüren geziert, die indischen Bedienten, der Meharaja mit weißem Kaftan und Gefolge und die zahlreichen Gäste von allen Weltteilen in die angrenzenden Säle. An drei Büfetts wurden die auserlesensten Delikatessen verabreicht, gewiß das erstemal im Hotel Ritz streng koscher, unter Aufsicht der Familie Sassoon. In Brutton Str. Berkley Square feierte das junge Paar die „Schiwas Jeme Hamischte" nach altjüdischem Brauch. M. L. Palästina. Jerusalem, 10. Tebet 5673. Agudas Israel. Auf Initiative angesehener Persönlichkeiten ist auch hier eine Ortsgruppe zur Agudas Israel ins Leben gerufen worden. Der Aguda-Gedanke wurde hier schnell populär, obgleich anfangs, vielleicht wegen seines Soci^tu-Charakters, vor dem hier infolge der dem gesetzestreuen Judentum nicht immer heilbringenden Tätigkeit diverser bekannter Vereinigungen eine gewisse instinktive Scheu vorherrscht, einige Bedenken geäußert wurden. Zu dem Erfolge des Agudagedankens trug in erster Reihe der llmstand bei, daß der als Senior aller hiesigen Rabbinen geltende Rabbi I s a k D i s k i n , indem er das ihm angebotene Mandat eines Ehrenpräsidenten des provisorischen Aktionskomitees annahm, dem Agudawerke seinen autoritativen Namen hergab. Seinem Beispiel folgten bereits ohne Rückhalt die Mehrzahl der hiesigen Toragrößen. Durch den Beitritt dieser Toragrößen — darunter weitbekannte Namen, wie z. B. Rabbi Chajim Sonnenfeld — wurde erst der einsetzenden Propaganda der erfolgverheißende Weg geebnet. Es gelang auch dieser von allen Mitgliedern des provisorischen Aktionskomitees entfalteten Agitation in der Tat, binnen einer verhältnismäßig kurzen Zeit für die zu bildende Ortsgruppe eine stattliche Mitgliederzahl zu gewinnen, und in der bald darauf einberufenen Mitglieder- Vollversammlung bereits in aller Form diese Ortsgruppe feierlich als gegründet erklären zu können. Diese vom Ehrenpräsidenten eröffnete konstituierende Versammlung, die nur infolge der täglich von Tiberias anlangenden Hiobsposten über die dort wütende Cholera ein wenig beeinträchtigt war, wurde durch vier von den Rabbinen: M. M. Fränkel, I. Horovicz, Benzion Ziesling und Israel Poraß aufeinanderfolgend gehaltene Reden eingeleitet. Die erste von diesen Reden war im halacha-agadischen Stil gehalten, die zweite und dritte durch die diesen Rednern eigene Redekunst und die vierte wieder durch den erhabenen Gedankengang ausgezeichnet. Alle vier Reden fanden den verdienten lebhaften Beifall und prägten der Versammlung einen recht feierlichen Zug auf, der für sämtliche Anwesenden unvergeßlich bleiben wird. Diesen Reden folgte eine Diskussion über speziell die hiesige Gruppe betreffende von verschiedenen Anwesenden aufgeworfene Fragen, die Rabbiner I. Horovicz zusammenfassend resümierte. Von den Vorlagen wurde u. a. die des sephardischen Chacham S ch e r i z l i angenommen, zu dem Aktionskomit6 auch Mitglieder anderer als der Aschkenasim-Gemeinde angehörigen Gemeinschaften heranzuziehen. Diesem Antrag wurde sofort Folge gegeben. In das Aktionskomitee, in das alle Mitglieder des provisorischen Komites wiedergewählt wurden, wurden die Chachamim: Chajim Eljas ch a r, Elia P u n i s e l, I s a k A s ch k e n a z i, S ch a l o m A l s ch i ch und Abraham Pelisoff hinzugewählt. Nach kurzem Ueberblick des Schriftführers Samuel Ende über die gehaltenen Reden sowie über das Resultat der gepflogenen Diskussion wurde die Versammlung mit Ermächtigung des Vorsitzenden vom Rabb. I. Horovicz mit dem Wunsche geschlossen, es möge der Anschluß Jerusalems, des Mittelpunktes all der jüdischen Sehnsucht und Hoffnung, an die Aguda, dieser recht heilbringend sein! Samuel Weber. Pom tstaUrarr. Hohe Besuche. Dem Grand Rabbin der Türkei, N a h u m , wird seit dem Ausbruch des Krieges eine interessante Aufmerksamkeit seitens der europäischen Gesandtschaften in Konstantinopel zuteil. Neulich hat ihm Baron v. W a n g e n h e i m, der Gesandte des Deutschen Reiches in Konstantinopel, einen Besuch abgestattet. In Erwiderung des Dankes des Grand Rabbin für das Eintreten des Gesandten für die Juden in Saloniki erklärte Baron v. Wangenheim, daß er diese seine Pflicht mit um so größerer

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.