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Das jüdische Blatt · 1913-01-03 · 1 (3.1.1913) · p. [Seite]

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Journal
Das jüdische Blatt
Volume
IV (1913)
Issue
1 (3.1.1913)
Date
1913-01-03
Page
[Seite] (sequence 12)
Language
German
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Nr. 1. Das jüdische Matt. 9 Oesterreich-Ungarn. Wien. Hofrat Professor David Heinrich Müller. Letzten Samstag ist der Vorstand des Orientalischen Instituts, ordentlicher Professor für semitische Sprachen an der Universität und Professor an der Lehranstalt für die Wissenschaft des Judentums, Hofrat Dr. David Heinrich Müller, gestorben, der, ein Gelehrter von Weltruf, eine der größten wissenschaftlichen Zierden der Wiener Hochschulen war. Seit dem Sommer dieses Jahres war Hofrat Müller schwer krank: er litt an Arterienverkalkung. Samstag Nachmittag hat ihn der Tod von seinen Leiden erlöst. Professor Müller wurde am 6. Juli 1846 zu Buczacz in Galizien geboren. Er habilitierte sich 1876 und wurde im Jahre 1880 zum außerordentlichen, fünf Jahre darauf zum ordentlichen Professor für semitische Sprachen ernannt. Welcher Schätzung er sich erfreute, dafür hatte man einen Maßstab, wenn man seinen Hörsaal betrat. Da fanden sich Jünger seiner Disziplin aus Frankreich, England und Amerika mit solchen aus Deutschland und Rußland zusammen, und ebenso Schüler aus der exakten Gelehrtenkarriere, wie Mitglieder der katholischen und protestantischen Geistlichkeit. Für die Jüdisch-theologische Lehranstalt hat er den Organisationsentwurf und Lehrplan geschaffen und gehörte ununterbrochen ihrem Lehrkörper an. Seine Lebensarbeit ist in einer ganzen großen Folge wertvoller Werke niedergelegt. Er veröffentlichte unter anderm ausführliche Studien über die Burgen und Schlösser Arabiens, „Epigraphisches ans Arabien", „Epigraphische Denkmäler aus Abessinien" und „Sabäische Denkmäler", die viel gepriesen wurden. Ferner „Die altsemitischen Inschriften von Sendschirli", die in zwei Bänden erschienene, sogenannte Hamdanische „Geographie der arabischen Halbinsel", dann die „Südarabischen Altertümer im Kunsthistorischen Hosmusenm" und sein zweibändiges Werk über die „Mehri- und Soquotrisprache". Bekannt ist die Analyse, der er die Hamurabische Gesetzgebung unterwarf. Viel besprochen wurde feine Schrift über die „Propheten in ihrer ursprünglichen Form". Hofrat Müller war Besitzer des Leopoldordens und des schwedischen Nordsternordens, wirkliches Mitglied der Akademie der Wissenschaften, Ausschußrat der Anthropologischen Gesellschaft, ordentliches Mitglied des Oesterreichischen archäologischen Instituts, Ehrenmitglieo des Akademischen orientalischen Vereines in Berlin und Mitglied zahlreicher wissenschaftlicher Körperschaften, und bekleidete im Studienjahre 1900/1901 die Würde eines Dekans der philosophischen Fakultät. Unmänien. Eine Agilationsreise zugunsten der rumänischen Juden. Mr. Henry Green, der Initiator jener erfolgreichen Campagne gegen die Erneuerung des Handelsvertrages zwischen Amerika und Rußland, hat den Plan gefaßt, nnmehr auch die rumänische Judenfrage in der ganzen Welt ins Rollen zu bringen. Er hat sich in dieser Angelegenheit an die hervorragendsten Vertreter der Wissenschaft in Amerika sowohl wie in Europa gewendet und von den meisten auch Znstimmungserklärungen zu seinem Plane erhalten. Selbst angesehene Kirchenfürsten haben ihm ihre Unterstützung seiner Aktion zngesagt. Mr. Green wird demnächst mit dem bekannten Philanthropen Nathan Strauß eine Reise nach Palästina unternehmen und auf seinem Rückwege die Hauptstädte der europäischen Länder besuchen, um für die Befreiung der rumänischen Juden von dem Drucke der Ungesetzlichkeit in Versammlungen Propaganda zu machen. Auf Grund der zahlreichen Znstimmungserklärungen hegt Mr. Green die Hoffnung, daß es ihm gelingen werde, das vielgelästerte europäische Gewissen endlich aufzurütteln und der rumänischen Schmach ein Ende zu bereiten. Mr. Green hat die Absicht, seine Agitationsreise über Rom, Budapest, Wien, Berlin, Paris und London zu nehmen. Slmrmungsumfchlag zugunsten der Juden in Rumänien? Die Balkanvölker sind nach den errungenen Siegen über die Türkei im Begriff, große Fetzen vom türkischen Lande zu reißen. Da wird nun auch Rumänien hungrig. Es verlangt als Belohnung für seine artige Ruhe während des Krieges ein Stück von Bulgarien. Da fällt ihm aber die Judenfrage schwer auf den Magen. Die Juden in Bulgarien erfreuen sich einer ausgedehnten Gleichberechtigung im Gegensatz zu den Juden Rumäniens, die wie entrechtete Fremde behandelt werden. Da droht die Judenfrage sich an Rumänien zu rächen. Schon haben die Juden in England eine Aktion begonnen, um bei der in London zusammentretenden diplomatischen Konferenz über die Friedensverhandlungen zwischen der Türkei und den verbündeten Balkanvölkern zu erwirken, daß in den Gebieten, die die Nationalität zu verändern berufen sind, die Juden wenigstens nicht schlechter gestellt werden als wie bisher. Es ist nicht ausgeschlossen, daß die eigenen Verbündeten Rumäniens, Italien, Deutschland, Oesterreich, solche Anträge unterstützen werden. Wie wird gegenüber diesen Forderungen Rumänien dastehen, wenn es Stücke des bisherigen bulgarischen Gebiets für sich verlangt? Es ist nicht ausgeschlossen, daß vor einer etwaigen Abtretung dieser Gebietsteile durch Bulgarien Rumänien Bürgschaften dafür zu geben hätte, daß es die bisher freien Juden Bulgariens nicht unter das Sklavenjoch seiner barbarischen Judengesetzgebung zwingen würde. Ja, es ist nicht ausgeschlossen, daß die Mächte Rumänien daran erinnern könnten, daß die Zeit gekommen sei, die grausamen Behandlungen der Juden aufzugeben und die Bestimmungen des Berliner Vertrags einzuhalten, das Rumänien verpflichtet, den Juden die Gleichberechtigung zu gewähren. Die rumänischen Politiker scheinen sich diesen Erwägungen nicht zu verschließen. Die rumänische Regierung legt Wert darauf, zu betonen, daß sie als moderner Staat es mit seinen Verbündeten Deutschland, Italien und Oesterreich gleich halten müsse; Symptome weisen darauf hin, daß die rumänische Regierung die Meinung im Ausland erwecken will, daß sie nach Beendigung des Balkankrieges mit der Judenfrage auszuräumen gedenkt. Der Oberrabbiner von Bukarest, Dr. Beck, genießt jetzt in Regierungskreisen großes Ansehen. Er wird veranlaßt, die öffentliche Meinung im Ausland dahin aufzuklären, daß die Regierung sich bemühe, den gerechten Ansprüchen der Juden entgegenzukommen. Auch die Rücksicht auf einen eventuellen Krieg übt ihre Wirkung auf die Regierungskreise aus. Die Juden sollen wie in Bulgarien in den Stand gesetzt werden, sich für ihr Vaterland, das sie entrechtet, begeistern und hingeben zu können. Zum Kriegführen gehört auch Geld, und so oft dieses in Frage kommt, beginnt man sich in Rumänien mit der Judenfrage zu beschäftigen. Die rumänische Presse schlägt daher Töne an^ die man seit Menschengedenken hier nicht zu hören bekam. Selbst Blätter, die sich in Hetzartikeln gegen die Juden nie genug tun konnten, weisen darauf hin, „daß eine neue Aera anbreche, die nur dann für das Volk von Segen fein kann, wenn das ganze Volk ohne Unterschied des Glaubens einmütig sein wird". Es wird aber noch mancher harter Anstrengung von rumänischer Seite und noch mancher politischen Krisen bedürfen, bis solche Worte von der „Einmütigkeit des rumänischen Volkes ohne Unterschied des Glaubens" auch Wirklichkeitswert erhalten. Vorn Äalkan. Saloniki. Dem Hilfsverein der Deutschen Inden geht folgendes Telegramm ans Saloniki zu: Die jüdische Genieinde in Saloniki ist wiederum in schwere Trauer versetzt worden. Er-

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