Das Abendland
- Journal
- Das Abendland
- Volume
- V (1868)
- Issue
- 22 (15.11.1868)
- Date
- 1868-11-15
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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Brünn, den 15. November 1868. Central-Organ bes Isttzr«th8«s. Pränumerationsbetrag ganzj. 3 st., halbjabrig 1 fl. 50 kr. vierteljährig 80 kr. mit Postzusendnng und Zustellung ins Haus. Für's Ausland ganzj. 2. Thlr. halbj. 1 Thlr. 15 Gr. Verleger, Eigenthümet und verantwortlicher Redakteur D EhrMttNN. Erscheint am 1 und 15. jeden Monats Administration Bäckergasse Nr. 2. 2. Stock- Exped- Krapfengaffe 18, Epstein's Buchh. Inserate werden billigst berechnet. Inhalt: Organismus des Talmud. — Die Falascha's. — Das Recht des Leiheus und Verleihens. — Ueber Leitung eines Mischen Lehrerseminars. — Zur Shylock-Frage. — Correspondenzen. — Locale und Auswärtige Notizen. — Organismus des Talmud.; Vom Redakteur. Der Talmud ist ein sehr voluminöses Werk, welches die religiösen Lehren und Ansichten der jüdischen Gelehrten mehrerer Jahrhunderte enthält. Es werden darin Lehren angeführt, die weit über die übliche Zeitrechnung zurückreichen, während auch Namen citirt werden, die dem Ende des 6. Jahrhunderts angehören. Das soliantenreiche Buch umsaßt die Entwicklung der mündlichen Lehre, wie sie im Drange der Zeiten ein Gegenstand des Streites und der Discusion wurde. Es ist Thatsache, daß sich die sogenannte Tradition nicht in ihrer Reinheit erhielt, und bei den düstern Geschicken der jüdischen Nation uicht erhalten konnte; ein Umstand, den jeder Parteistaudpunkt, die Orthodoxie wie die Reform, zu ihrem Nutze« ausbeutet. Der Talmud besteht seinem Inhalte nach aus zwei Hauptbestandtheilen. 1. Die Halacha (von "|*TI gehen), die Richtschnur für das Thun und Lassen, der eigentlich praktische Theil, welcher sich eben mit den religiösen Vorschriften, also mit der traditionellen Erweiterung der biblischen Gesetze besaßt. Die Verschiedenheit der Ansichten in den wichtigsten Punkten, die häufig zweifelhafte Feststellung für die Praxis, die Art der Deduction, die einerseits für das Gegebene einen Anhaltspunkt im biblischen Texte gleichsam als Bürgschaft sucht, andererseits wieder aus der Theorie eine neue praktische Basis schafft, zeigen es deutlich, daß die Nachkommenschaft nicht immer in den unverkümmerten Besitz der väterlichen Erbschaft gelangte. 2. Die Agada, das einfach Gesagte, dem keine praktische Folge gegeben wird. Diese enthält a) Deutungen des nicht gesetzlichen Theiles der Bibel. Diese liefern neben mancherlei phantastischen Anschauungen, welche mitunter den Bibeltext ganz subjektiv zurechtlegen, viele werthvolle Beiträge zur wissenschaftlichen Exegese, die der gelehrten Bibelforschung zur bessern Würdigung, als welche ihnen bisher zu Theil wurde, empfohlen werden darf, b) Morallehren, denen ebenfalls die Bibel als Grundlage dient, die aber in ihrer Entwicklung f eine selbstständige Ethik zu Tage fördern. Die talmudische i Ethik ist. einige wenige schwarze Punkte abgerechnet, eine so hellfträylenoe uttif'glAnzende, däß Jen mlk'^er Moral früherer und späterer Zeiten nicht zu fürchten hat. Es wäre im Interesse des Judenthums nur wünschenswerth, wenn der ethische Theil des Talmud seine volle wissenschaftliche Beleuchtung erhielte; es wäre das keine müßige Arbeit so lange noch das Epigonenthum eines Eisenmenger & Consorten inmitten der Civilisation und Humanität unseres Zeitalters sein Zelt ausschlägt. Der Judenhaß früherer Jahrhunderte war nicht blind, wie jeder Haß ist, er war vielmehr zu scharfsichtig; er fand das Gute heraus, um es zu vergraben, um desto leichter die „parthie houteuse<l, die wenigen schwarzen Punkte, breit zu schlagen, c) Sentenzen, in denen sich Richtung und Anschauung jener Zeit oft sehr deutlich abspiegeln. Ihre Ausbeute für die Culturgeschichte ist von wissenschaftlicher Seite bereits versucht worden; doch braucht die Arbeit noch mehr rüstige Hände und mehr Aufmunterung. d) Erzählungen, Sagen und Legenden, deren geschichtlicher Werth von unfern jüdischen Historikern theils übertheils unterschätzt wurde, e) Sitten und Gebräuche, deren Zusammenhang mit den allgemeinen Zeitverhältnissen und dem Culturzustande orientalischer Völker noch immer der wissenschaftlichen Erforschung harrt, k) Notizen über externe Wissenschaften, deren Bedeutung für die betreffenden Doctrinen mitunter zur Würdigung gebracht wurde, die aber noch immer das Interesse von Fachmännern in Anspruch zu nehmen, Ursache haben. Der Talmud ist sonach, namentlich in seinem agadischcn Theile, eine reiche Fundgrube für Sprach- und Geschichtsforschung. Wir wollen hoffen, daß die in Aussicht gestellten rabbinischen Seminarien uns tüchtige Kräfte heranziehen werden, die auch dieses so lange brach gelegene Feld bearbeiten, ■ und ihm wissenschaftliche Blüthen und Früchte entlocken werden. — Seiner Zusammensetzung nach besteht der Talmud ebenfalls aus zwei Hauptbestandtheilen. 1. Aus der Mischna — M lehren analog dem lateinischen doctrina. — Diese enthält die Meinungen der ältern Lehrer über religiöse Fragen. 2. Aus der Gemara. -«M lernen. Die Lehrer dieser spätern Schule waren in ihren Ansichten nicht selbst-