Das Abendland
- Journal
- Das Abendland
- Volume
- V (1868)
- Issue
- 11 (1.6.1868)
- Date
- 1868-06-01
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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V. Älihra. Drünn, den 1. Juni 1868. Pränumerationsbetrag ganzj. 3 fl., halbjährig 1 fl. 50 kr. vierteljährig 80 kr. mit Postzusendung und Zustellung ins Haus. FLr's Ausland ganzj. 2. Thlr. halbj. 1 Thlr. 15 Gr. ItzterefsM tzes um$. Erscheint am 1. und 15. jeden Mona ts. Verleger, Eigenthümer und verantwortlicher Administratimr Bäckergaffe Nr. 2. Redakteur Ä. EhkMllNN. Exped. Krapfengaffe 18, Epstein's Buchh Inserate werden billigst berechnet. Inhalt: Zur Seminarfrage. — Alte Urkunden. Juden in Württemberg. — Randglossen zu Lessing's „Nathan der Weise". - Aus dem Leben der talmudischen Zeit. — Correspondenzen. — Locale und Auswärtige Notizen. — Inserate. Jur Seminarfrage. v. Welche Bedeutung für das zu errichtende rabbinische Lehrinstitut die Lehrkräfte, die zu gewinnen sind, haben, ist in den frühern Artikeln bereits berührt worden, und bedarf keiner weitern Erörterung. Ist bei jeder Schule das Gedeihen derselben von der mehr oder weniger glücklichen Wahl der Lehrer abhängig, so ist es bei einem Rabbinerseminar, das als neue Schöpfung nicht Erfahrungen benützen kann, sondern erst solche suchen muß, in welchem Doctrinen gelehrt werden, deren wissenschaftlicher Kristalisationsproceß kaum begonnen, viel weniger abgeschlossen ist, eine wahre Lebensfrage der Anstalt, welche Lehrkräfte man suchen und finden werde. Von den Männern, denen die Ausbildung unserer künftigen Theologen anvertraut werden soll, wird man vor Allem allgemeine wissenschaftliche Bildung und hervorragende Tüchtigkeit in den einzelnen ihnen zugetheilten Fächern verlangen müssen. Für die allgemeine wissenschaftliche Bildung hat man so ziemlich den Maßstab in den Zeugnissen über zurückgelegte Studien, schwieriger ist es die tüchtige Fachkenntniß zu ermitteln, und könnten nur die praktischen oder literarischen Leistungen in dem einschlägigen Fache den Ausschlag gebeu. Daß die pädagogischen Fähigkeiten, namentlich bei den Lehrern der Proseminarien, berücksichtigt werden müssen, ist wohl selstverständlich. Es wäre jedoch unseres Erachtens höchst zweckwidrig die ohnedieß nicht so leichte Wahl noch durch Förmlichkeiten, Bestimmungen und Bedingungen, die mit dem Gedeihen und der Blüthe des Instituts nichts zu thun haben, zu erschweren. Die einheimische Geburt, die provinzielle Abkunft, die bürgerliche Zuständigkeit sind im Bereiche der Wissenschaft nur untergeordnete Momente. Die Wissenschaft ist kosmopolitisch, sie ist Gemeingut Aller, und wer sie mit Eifer und Begabung pflegt, der ist in ihrem Reiche ein Eingebürgerter. In neuerer Zeit sind tüchtige Universitätslehrer aus dem Auslande ^ach Oesterreich berufen worden, und ebenso erhielten österreichische Eapacitäten der Wissenschaft Anstellungen im Auslande. Um bei dem Gegenstände unserer Besprechung zu bleiben, erinnern wir nur daran, daß der Director des Rabbinerseminars zu Breslau ein geborner Oesterreicher sei. Damit soll durchaus nicht jener lächerlichen Sucht nach dem Fremden und Entfernten das Wort geredet werden, im Gegentheile bei gleicher Würdigkeit der Bewerber werden sich unsere Sympathien den einheimischen Kräften schon darum zuwenden, damit das unberechtigte Sprüchwort „nemo propheta in patria“ nicht zum Wahrworte werde. Eben so wenig wäre es dem Zwecke entsprechend, wollte man von den Seminarlehrern verlangen, daß sie den Doctorgrad besitzen, oder gar diesen Grad an einer inländischen Universität erlangt haben müssen. An Doctoren ist gerade kein Mangel. Sehen wir uns einmal in der österreichischen Rabbinerwelt um, so finden wir sicherlich darin mehr Doktoren als Gelehrte, ich meine, würde Shyllok sagen, jüdische Gelehrte. II y a des docteurs qui ne sont pas doctes ist eine Wahrheit, die wir schon aus dem alten Meidinger kennen, und wir möchten in Bezug auf unsere Frage den Satz umkehren: „II y a des doctes qui ne sont pas docteurs“. Namentlich ist dieß auf dem Gebiete der jüdischen Wissenschaft der Fall. Moses Mendelssohn und S. L. Rappoport haben hoffentlich bedeutende Ehrenplätze in der jüdischen Literaturgeschichte, ohne jemals den Doctortitel erlangt zu haben. S. D. Luzzato, der verstorbene Professor am rabbinischen Collegium zu Padua, und sein noch lebender College Lelio della Torre verzichteten auf diesen akademischen Ehrentitel, was sie keineswegs hinderte, als Zierden Italiens und des ganzen Judenthums betrachtet zu werden.