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Das Abendland · 1868-03-15 · 6 (15.3.1868) · p. Seite 42

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Journal
Das Abendland
Volume
V (1868)
Issue
6 (15.3.1868)
Date
1868-03-15
Page
Seite 42 (sequence 2)
Language
German
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42 Victor Emannel den Münzvertrag zwischen Italien, Frankreich, Belgien und der Schweiz Unterzeichnete. Drei Monate später gab die italienische Regierung dem Ritter Artom den höchsten Beweis ihres Vertrauens, indem sie ihn zugleich mit dem General Menabrea nach der österreichischen Residenzstadt sandte, um den Friedensvertrag und die Abtretung Veuetiens zum Abschlüße zu bringen. Die bei diesem Abschlüße entwickelte Gewandtheit und Energie erfreuten sich der vollen Anerkennung des Monarchen. Ritter Artom wurde zum außerordentlichen Gesandten und bevollmächtigten Minister am dänischen Hofe ernannt, welche hohe Stellung er noch gegenwärtig einnimmt. Artom ist reich an auswärtigen Auszeichnungen, er ist Commandenr der franz. und belgischen Ehrenlegion, des österreichischen Leopold-Ordens, Offizier des brasilianischen Rosen-Ordens, des Nichan-Jftiar vom Bey von Tunis, Ritter des spanischen Ordens Carl III. und a. m. In dieser kurzen Skizze sind nur die Hauptzüge eines kurzen, tharenreichen Lebens gezeichnet. Die seltene Bescheidenheit des großen Mannes macht es uns unmöglich die vielen glänzenden Züge seines Privatcharakters an das Licht der Oeffentlichkeit zu ziehen. Möge der Himmel ein so kostbares Leben noch lange erhalten. Das italienische Judenthum ist stolz darauf, dem Vaterlande neben so vielen trefflichen Männern des kriegerischen Muthes und der friedlichen Wissenschaft einen Diplomaten von solcher Auszeichnung wie Jsak Artom gegeben zu haben. (Nach dem Corr. Jsraelitico.) Juden und Mexikaner. IV. Von Dr. B. Placzek. (Fortsetzung.) „Im steten Anderssein liegt die ewige Gewähr des Lebens" — dieses Dichterwort fand seine vollständige Verkörperung in dem jüdischen Volke. Seine ganze Existenz war Jahrhunderte hindurch nichts Anderes als eine unausgesetzte Opposition gegen die gesummte Geistesrichtung der Mitwelt, ein „stetes Anderssein" im Denken, Sinnen, Fühlen, Glauben, Hoffen und Schaffen, ein leibhaftiger Protest gegen die Gesinnungs- und Lebensweise aller klebrigen. Keine Nation hatte aber auch die Wahrheit des Satzes: das Leben ist ein Krieg Aller gegen Alle — fo tief zu empfinden, als eben die jüdische. Die ganze übrige Welt führte einen ewigen Krieg gegen diese Minorität, die sich nie majorisiren ließ — einen Krieg auf Leben und Tod. Und ihre Vertheidigung bestand nur im passiven Widerstand, in einer unverrückbaren Opposition. In diesem steten Anderssein lag indeß die Garantie für ihre Lebensfähigkeit, die Bürgschaft für ihre Erhaltung als religiös - nationale Individualität. Allerdings schwindet die Schroffheit ihres Gegensatzes in dem Maße, als allgemeine Gesittung und Menschenfreiheit zum Durchbruche gelangend, den Ideen, die aus dem Jndenthum hervorgegangen, das Weltenbürgerthum erringen und also das feindselig Widerstrebende immer erfolgreicher ausgleichen; aber dieser in seiner innersten Natur ruhende, oder vielleicht bloß durch eine tausendjährige Nothwendigkeit undeinen unvergleichlich hohen geschichtlichen Beruf ihm aufgenöthigte Zug nach stetem Anderssein macht sich gerade dann, wenn die Opposition nach Außen inhaltslos, weil überflüssig geworden, mitten im Judenthume als Geist des Widerspruches in einer nicht immer erquicklichen Weise geltend. Der Gegensatz ist das oberste Princip der Schöpfung, des Gewordenen und Werdenden, der Grund alles Geschehens in Zeit und Raum, der Motor der fortschreitenden Entwicklung, das Regierungssystem des Weltenherrn. Doch nur ein gesunder , kräftiger Organismus muß zu seinem Träger erkoren sein, ein hohes reines Vernunftgesetz seine leitende Idee bilden; sonst verzehrt sich der Widerstrebende und gestaltet * | die Opposition, wenn sie einer ethischen Basis entbehrt, zu! einem fortgesetzten Selbstmorde. Die Indianer Amerikas, > oder wie man sie gewöhnlich nennt, die Rothhäute, liefern, seitdem sie in die allgemeine Geschichte eingeführt wurden, den traurigen Beweis hiefür. Unversöhnlicher, erbitterter Widerstand gegen die unaufhaltsam vorrückende Eultur ist ihre nationale oder eigentlich Rassenmission, ein Wahn, an dem sie langsam, aber sicher verbluten. In dem Naturell der mexikanischen Völker war der Widerspruch weniger nach Außen gerichtet, dafür aber um so schärfer nach Innen ausgeprägt. Ihr Charakter vereinigte scheinbar einander aufhebende Gegensätze, ohne sie jedoch harmonisch aufzulösen. — „Man findet neben einander was nach einander folgen sollte" — und wohl auch was einander ausschließt — das war das Kennzeichen mexikanis .en Wesens und Waltens. Der Contrast, den also der Mexikaner incarnirt darstellte, überbot noch die Contraste seines Landes. Die glühendsten Leidenschaften, wie sie nur die tieri-a cmliente erhitzt, stürmten in seiner Brust mit elementarischem Ungestüm und stritten mit einer kühlen nüchternen Verstandesrichtung, die auf Mäßigung und strenge Selbstbezwingung hinwies, um die Herrschaft über seine Empfindung, über seinen Willen. Es war ein Vulkan unter einem Eisgletscher. Noch vom heutigen Mexikaner, der kaum ein Schattenbild seiner alten Ahnen ist, berichtete A. v. Humboldt, (E88ai . . . I—375): „Die heftigsten Leidenschaften malen sich nicht in seinen Zügen; es ist aber schrecklich, wenn man ihn plötzlich von dieser Ruhe zur zügellosen Aufregung überspringen sieht " Stolz, Unabhängigkeitsgefühl, Freiheitsliebe und sklavisches Schmiegen unter despotische Herrscher; keuscher Sinn, strenge Zucht, Empfindungstiefe, hoher, sogar düsterer Ernst, finstere Lebensanschauung und — tolle Vergnügungssucht, Prunkliebe und kindische Freude an zahlreichen Festlichkeiten; offener, praktischer Sinn, Wahrhaftigkeit und die Sucht, in die einfachsten Handlungen etwas Mysteriöses zn legen; Höflichkeit, Großmuth, Gastfreundschaft, werkthätige Menschenliebe, Mildherzigkeit und grausamer Kannibalismus; entwickelter Geschmack, ausgesprochenes Gefühl für das Schöne*) und Gefallen an gräßlichen Zerrbildern in der plastischen Darstellung; hohe ethische Begriffe, reine, sogar monotheistische Anschauungen und ein grauenhafter, blutiger Fetischismus — das waren die widerstrebenden Eigenthümlichkeiten, aus denen sich das Mosaikbild des mexikanischen Charakters zusammcnsetzte. Der gleiche Gegensatz trat in ihren häuslichen, sozialen, staatlichen, religiösen Einrichtungen und Lebensgewohnheiten hervor. Agricultur, Urproduktion überhaupt, Handel, Kunstfleiß und Betriebsamkeit hatteu eine hohe Blüthe erreicht und schafften die mannigfachsten Gegenstände herbei, für den Comfort und die Pracht des häuslichen Lebens, der öffentlichen Anlagen und Baulichkeiten, so daß der Anblick der alten Stadt Mexiko den Geschichtsschreiber und Zeitgenossen der spanischen Invasion, Peter Martyr — De orbe novo, 5—10 — veranlaßte, es mit Venedig zu vergleichen. Und doch waren ihre Werkzeuge und Geräthe sehr primitiver Natur. Ihnen fehlte der Gebrauch des Eisens. Bei aller entwickelten häuslichen Einrichtung kannten sie nicht den Gebrauch der Milch als Nahrungsmittel, des Oeles zur ^Beleuchtung. Post- und Eilbotenwesen, Straßenregulirung^ Handelsunternehmungen hatten einen seltenen Grad der Entfaltung erreicht; gleichwohl kam kein Lastthier bei ihnen in Verwendung. In der Architektonik wetteiferten sie mit der Altegyptens, sowohl an colossaler Großartigkeit als an kühner Ansführung; besonders die Paläste, Teocalli (Opferhöhen, Spitzsäulen) von Cholula, Palenque, Mitlan und Teotihuacan. Die Pyramide zu Cholula hat an der Grundfläche 1436' Länge und in der senkrechten Höhe 147'; die größte Spitzsäule zu Teotihuacan, der Sonne (Tonatiuh) *) Wenn der Satz: Le goüt pour les fleurs indiquele sentiment du beau — wahr ist, so deutet darauf unzweifelhaft die Vorliebs der Mexikaner für Blumen hin. Selbst die Händler auf der Gaffe schmücken ihre Boutiquen mit herrlichen Blumenguirlanden. A. v. Humboldt, Essai I—382.

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