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Das Abendland · 1867-02-21 · 4 (21.2.1867) · p. Seite 32

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Journal
Das Abendland
Volume
IV (1867)
Issue
4 (21.2.1867)
Date
1867-02-21
Page
Seite 32 (sequence 8)
Language
German
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32 ließ für das „Stück Fleisch mit Augen" wie gewöhnlich ein! so kleines Kind ohne Gefühl und ohne Bewußtsein genannt j wird, nur wenig Mitleid übrig. Man bedauerte nur allent-! halben, daß die unglückliche Mutter nicht das kleine Würmj chen mitgenommen habe. — Ich wurde in das Haus meiner! Schwester gebracht, und da erzogen, wie alle Kinder in diei sem Alter erzogen werden. — Mehr als die nothwendigc! Nahrung zur Erhaltung des Lebens braucht ein solches Kind nicht, und wenn es eine geborene Prinzessin wäre. Der Lu- 4'us, den man für kleine Kinder verwendet befriedigt nur die Eitelkeit der Eltern, die Kinder selbst genießen nichts davon. Meine Schwester, die ich niemals kannte, war eine liebe, gutmüthige Person, ihr Mann, mein Schwager hatte bei allem verschlossenem mürrischen Wesen, das ihm eigen war, kein schlechtes Herz, und er sah in meiner Verpflegung durchaus keine Verkürzung seines eigenen Kindes. — Es war ein eigenthümlicher Eharakter dieser Schwager, er war ein sehr geschickter Mann, er verstand alles was nur ein Mann brau-! chen kann, und nebenbei viel Ueberflüßiges •— er wußte mit j der Nadel umzugehen trotz einer geschickten Hausfrau, er i wußte das Hauswesen zu besorgen, wie die beste Wirthschafterin. Er war so ein Stück Schaje Doktor. Besonders geschickt war er in der Feder, die ihm auch seinen Unterhalt verschaffte. — Er war nämlich, was man einen Winkeladvokaten nennt, er machte den Leuten Schriften für die Aemter, und führte auch für sie Prozesse, ertheilte ihnen Rathschläge und stand in der ganzen Umgebung wegen seiner Kenntnisse in Ansehen. Nur in der Gemeinde war er eine unbeliebte, beinahe verabscheute Persönlichkeit. Er hatte niemals jemanden ein Leid zugefügt, er war überhaupt ein harmloser Mensch, aber sein religiöses oder besser gesagt sein irreligiöses Leben erregte in der frommen Gemeinde großes Aergerniß.— Er nahm cs mit den religiösen Satzungen gar nicht genau und die Sabbathruhe war ihm nichts weniger als heilig. Aus diesen Umständen ist es erklärlich, daß mich nach 2 Jahren eine Schwester meiner Mutter, die in G. im trentschiner Comitat als Witwe mit einem einzigen Sohne lebte, als sie nach Sogozar kam, um das Grab ihrer Eltern zu besuchen, mit sich in ihre Heimath nahm, ohne von Seiten meiner Schwester einen großen Widerstand zu finden. Meine Tante führte im Hanse einen kleinen Handel mit Cafe, Zucker, Spezereien und andere verschiedene Eßwaarcn.— Dieser Handel gab ihr ein genügendes Auskommen, da sie! als eine stille häusliche Frau wenig Bedürfnisse hatte. Ihre Erholung von der Arbeit war ein großer verdeutschter Sidur und am Sabbath zur Abwechslung der Zecno Ureno oder Deutschchnmisch, das sie mit einem Eifer las, als ob es ein neues Geschichtenbuch wäre, obgleich sie cs von Anfang bis zu Ende auswendig kannte. — Ihr Sohn Joseph war 8 Jahre älter als ich. Es war ein aufgeweckter Kopf und machte in seinen Lehrgegenständen, besonders im Talmud große Fortschritte. — Seine Lehrer prophczeihten meiner Tante, er werde ein großer Rabbiner werden. — Das war nun ein Geheimniß der Zukunft.— Mit mehr Sicherheit konnte man behaupten, daß er der größte Gassenjunge im ganzen Orre war; cs wurde nie ein Obstbaum geplündert, nie eine Fensterscheibe muthwillig zerbrochen, es fand nie eine Balgerei unter den Jungen statt, wo nicht Joseph die Hand im Spiele gehabt hätte. — Meine Tante hatte oft Kummer und Verdruß, allein sie war ihm nicht Meister, sie war zu gut, und hatte auch eine gewisse Ehrfurcht vor dem einstigen Rabbiner. Ich selbst hatte viel von seinen Neckereien ausznstehen, — er war durchaus nicht böse von Gemüth, allein sein Muthwille verleitete ihn zu manchen Streichen, die mir Qual und Schmerz bereiteten— ich fühlte, daß ich eine verlassene Waise sei und manche Thräne der Wehmuth rollte über meine kindliche Wange. — Besonders gefiel er sich darin mich jeden Augenblick „Frau Tante" zu nennen, eine Benennung, die mir bald als Spottname im ganzen Orte blieb. — Bei Kindern braucht es nur eines Schlagworts ohne Sinn und Bedeutung und ein sogenannter Spitzname bleibt für's ganze Leben. — Die Liebe meiner Tante both mir jedoch reichlichen Ersatz für diese Jngendlciden, sie liebte mich wie ein eigenes Kind, und unterrichtete mich selbst in Allem, was einem armen Mädchen nöthig ist. — Einige Jahre nach meiner Ankunft in G. machte meine Tante den Gräbern ihrer Eltern in Sogazar wieder einen Besuch, und nahm mich mit sich. — Ich hatte ja auch an den Gräbern derer zu weinen, die mir das Leben gaben. Der Friedhof barg damals ein noch frisches Grab, das wir auch besuchten —■ es enthielt die Gebeine meiner armen Schwester. — Sie erlag ihren Schmerzen, nachdem sie ein todtes Kind zur Welt gebracht hatte. — Mein Schwager war mit seinem Sohne von Sogozar wcggezogeu, niemand wußte warum und wohin — ich habe seitdem niemals von ihm noch von seinem Sohne Samuel etwas gehört. — Conkurs. 3um 6. Mai l. I. ist in hiesiger Jsraelitengemeinde die Stelle eines Religions - und Elementarlehrers zu besetzen. Der Gehalt ist außer freier Wohnung und Schächtergebühr 350 fl. ö. W. nebst üblichen Emolumenten. Bewerber, welche den Cantordienst zu versehen fähig sind, wollen sich schriftlich mit belegten Zeugnissen beim gefertigten Vorstande anmelden. Dem Acceptirten werden die Reisekosten vergütet. Cultus-Gemeinde Draskov pr. Selcan Schönberg im Inner 1867. M. UOM Cultus v o rst e h er. Coukurs. In der Gemeinde Stranczitz, Bezirk Rican soll zum 6. Mai d. I. ein Lehrer für die deutschen und hebräischen Elementargegenstände angestellt werden Bewerber, die den pädagogischen Curs mit Erfolg gehört haben und den Vorbeterdienst verrichten können, wollen ihre Gesuche, belegt mit den nöthigen Zeugnissen über ihre Fähigkeiten Charakter und bisherige Verwendung an den gefertigten Vorstand einsenden. Der Gehall ist nebst freier Wohnung 400 fl. ö. W. Reisekosten werden nur dem Acceptirten vergütet. Bernard Popper in Mnichowitz pr. Rican. Ein vielseitig gebildeter Mann wünscht in den deutschen und hebräischen Lehrfächern, in Literatur, in frauz. und ital. Sprache Unterricht zu ertheilen. Näheres ist bei der Redaktion d. Bl. zu erfahren. Die Lungentuöerculose wird naturgemäß, ohne innerliche Medizin geheilt. Adresse: vr. H. Rottmann in Mannheim. (Frankatur gegenseitig.) Briefkasten der Redaktion. Herrn F Sch. in Stuttgard 25mal 15 fl. ohne Jnseratenstempel. m D O. in G. nächstens. — Herrn F. in I. ist , nicht verwend- - Herren D. u. F. in P. Ich kann ihre Pollemch ohne sie zu ^en nicht bcurtheilen. — Hr. Prof. Levi in Vercelll: Ich werde bald teocrazia“ besprechen. — Druck von Senders öc Brandeis in Prag.

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