Das Abendland
- Journal
- Das Abendland
- Volume
- III (1866)
- Issue
- 23 (29.11.1866)
- Date
- 1866-11-29
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Ur. 23. "Urag den 29. November 1866 1H Jahrgang. Das Abendland. Äentral-Organ für alle zeitgemäßen Interessen des Äudenthnms. Verleger, Eigenthümer und verantwortlicher Redakteur: A. ^äßrNlNNN. Prännmeratioilsbetrag ganzjährig 3 fl., halbjährig l fl. 50 kr., vierteljährig 80 kr. mit Postznsendnng und Zustellung ms Haus; fnr's Ausland ganzj. 2 Thlr. halbj. 1 Thlr. 15 Gr. — Erscheiut am 2. und 4. Donnerstag des Monats. — Administration. Geistgasse Nr. 808—l. — Inserate werden billigst berechnet. Lin Zeichen der Zeit. Wenn wir trotz Aufklärung und Gesittung öfters in der Lage sind über den noch immer stark wuchernden Judenhaß zu klagen, so ist es uns eine um so angenehmere Pflicht Akte der Humanität und wahrer Menschenliebe von Seiten unserer christlichen Mitbürger zu registriren. Es läßt sich bei allen noch immer viel verbreiteten Vorurtheilen in konfessionellen Angelegenheiten nicht in Abrede stellen, daß die Richtung der Leit im Allgemeinen eine humane, im Geiste der Liebe und Verbrüderung aller Menschen ohne Unterschied des Standes und des Glaubens fortschreitende sei, littb wir könnten unzählige Beweise einer vorurtheilsfreien und liebevollen Begegnung christlicherseits anführeu— Um so inniger freut es uns, wenn die Verdienste eines Glaubensgenossen nicht nur bei einzelnen Personen, sondern bei ganzen Gemeinden und größern Corporationen die verdiente Anerkennung finden, wie dieß bei dem folgenden Faktum der Fall ist. Der Landtagssitz für die Bergstadt Joachimsthal ist durch den Abgang des berühmten Prof. Brinz in Erledigung gekommen, und es wurde der Prager Großhändler und kaiserl. Rath, Herr Wolfgang Löwenfeld als Landtagsdeputirter vorgeschlagen, und wäre auch sicher als solcher gewählt worden, wenn er nicht wegen seiner anderweitigen, anstrengenden, nicht bloß merkantilen Thätigkeit im vorhinein dankbar die Wahl abgelehnt hätte — Herr Löwcnfcld, dessen humanes gemeinnütziges Wirken bereits Allerhöchsten Ortes mehrfach ausgezeichnet wurde, hat sieb um die Stadt Joachimsthal bedenteude Verdienste erworben, in Folge deren er im Jahre 1856 das Ehrenbürgerrecht in einer Stadt erhielt, in der in frühern Zeiten kein Jude übernachten durste— Derselbe ist auch als Mitglied mehrerer Vereine, namentlich des Vereins zur Unterstützung der Bewohner des Erzgebirges äußerst thälig, und bewährt bei jeder Gelegenheit seinen Bürger- und Wohlthätigkcitssinn— Eö ist uns der Umstand nicht gleichgültig, daß Herr Löwcnfcld auch für die Interessen seiner Glaubensgenossen ein warmfühlcndes Herz hat, und bei ihm nicht, wie es zuweilen der Fall ist, der Jude in dem Bürger gänzlich aufgcgangen ist— Sicherlich hätte die Stadt Joachimsthal in Herrn Löwcnfcld einen würdigen Vertreter ihrer politischen Ansichten wie ihrer Interessen im Landtage gefunden, und ihre Wahl gereicht ihr selbst wie Herrn Löwcnfcld zur Ehre, sie hat damit zugleich einen eklatanten Beweis ihrer hervorragenden Herzensbildung und ihrer vorurthcilsfreien Gesinnung geliefert, und sich im Herzen der böhmischen Judcnschast, die noch in diesem Jahre vielen mittelalterlichen Angriffen und Verfolgungen ausgesctzt war, ein Monument der innigsten Dankbarkeit errichtet. — R, Briefe eines Draußigen. von Rabbiner Ehrentheil in Horic. XVI. Sie wollen mein geehrter Freund! daß ich meine „Briese" wieder aufnehmc, daß ich den Faden der Corres^pondenz den die Zündnadel zerrissen, wieder anknüpfe. Sie wünschen den Faden, ein oder der andere Leser verwünscht vielleicht den Faden — doch Hat voluntas tua! Gerne wollte ich den Schleier des Vergessens über die so trüben Ereignisse decken, wie sie die jüngste Vergangenheit unseren draußigen Gemeinden brachte, wenn doch nur die Risse nicht gar so klaffend, die Wunden nicht gar so schmerzlich wären. — Lasten Sie mich in erster Linie den Tod des so würdigen und bescheidenen frommen Gelehrten des nun in Gott ruhenden Rabbiners David Löwy in Amschelberg beklagen; um so tiefer beklagen, als die Zeit wahrlich nicht danach angethan ist für solchen Verlust leicht Ersatz zu gewähren. •— Auch die achtbare Gemeinde Böhm: Leipa hat ihren jungen Rabbiner und braven Cantor durch die Epidemie verloren, und wäre es im Interesse des Judenthumes zu wünschen, daß beide Gemeinden recht bald eine besonnene, würdige Wahl treffen mögen; nur keine langen Vacanzen, das Interim, so wie jedes Surrogat ist für Kanzel und Vorbeterpnlt gleich schädlich. — Gestatten Sie mir zugleich in diesen geschätzten Blättern des hier in Horic im Spitale seinen Wunden erlegenen Feldwebels W i l h e l m M e y e r zu erwähnen, derselbe nannte mir Prag als seinen Hcimatsort, gab an vom Metier Buchhalter, und verehelichten Standes zu sein — bisher konnte ich jedoch nicht ermitteln, ob er in Prag eine Witwe oder etwaige Verwandte zurttckgelassen, und doch ist es ja durchaus nicht unwichtig dies festzustellen. — Der Mann vcrrieth nicht ungewöhnliche Geistesbildung, was ich bei meinen täglichen Besuchen im Spitale oft zu bemerken Gelegenheit hatte, er erzählte mir auch ein Schüler des Herrn Kreisrabbincrs Dr. Ellbogen in Jungbunzlau, und des vaterländischen Dichters Herrn vr. Siegfried Kapper gewesen zu sein, die Fotografie des Letzteren lag aus seiuem Schmerzenslager stets unter seinem Kopfkissen, sie trug die Devise „Hau' dich wacker" was der Brave auch redlich gethan bis eine preußische Kugel ihm die Todeswunde brachte. — Vielleicht gelingt es diesem in Prag erscheinenden Blatte die Angehörigen des Meyer zu ermitteln, und in diesem Falle würde ich bitten, daß dieselben Anstalt träfen dem wackeren Vatcrlandvertheidiger einen einfachen Grabstein setzen zu lassen, Aufschrift und Ausführung würde ich gerne besorgen. — Sollte eine hilflose arme Witwe zurückgeblieben sein, dann könnte wenn mir Name und Wohnort bekannt gegeben würde, beim löbl. Hilfs -Comite für Soldaten isr. Religion in Wien dahin gewirkt wer-