Das Abendland
- Journal
- Das Abendland
- Volume
- III (1866)
- Issue
- 20 (18.10.1866)
- Date
- 1866-10-18
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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den 18. Aklober 1866. UI Zahrgang- Ur- 20. Das Abendland. Lentral-Organ für alle zeitgemäßen Interessen Les Iudenthums. Berlcger, Eigentümer und verantwortlicher Redakteur: A. LhlMÜNN. Pränumerationsbetrag Haus; für's Ausland aanüähria 3 fl., halbjährig 1 fl. 50 kr., vierteljährig 80 kr. mit Postrusendnng nnd Zustellung in's ganzj. 2 Thlr. halbi. 1 Thlr. 15 Gr. — Erscheint am 2. und 4. Donnerstag des Monats. — Administration. Geistgasse Rr. 908—1. — Inserate werden billigst berechnet. Die Juden und die Nationalitäten. Es ist nun einmal die Richtung unserer Zeit, das 'Rationalitätsgefühl auf den Boden der Politik zu übertragen, und es, mitunter auf Kosten der Humanität, in den Vordergrund zu drängen. — Während zu Anfang des Jahrhunderts Alles, was Kopf und Herz besaß aus die Geltendmachung der augeborucu Menschenrechte, auf Gleichheit und Brüderlichkeit hinsteucrte, ist seit einigen Dezenien die politische Strömung der Geister mehr auf Förderung und Kräftigung des nationalen Bewußtseins gerichtet, und die Wahrung der nationalen Rechte oder Vorrechte ist die Devise für die politische Partheicu, die sich ost mit der größten Erbitterung bekämpfen. — Wir wollen die Bedeutung dieser Richtung für den kultnclleu Fortschritt der Menschheit nicht. prüM, sondern bloß dqrzu stellen suchen, in welche Verhältnisse das Judenthum zu dieser Richtung steht. — Es ist dieß keine müßige theoretische Studie, sondern eine Untersuchung von höchst praktischer Bedeutung, da man von gewisser Seite her das Nationalitätsprincip dazu ausbeutet, um die Juden als Fremdlinge im Lande zu behandeln, und dem leider noch immer nicht ganz erloschenen Judenhasse neue Nahrung zu verschaffen. — Daß die Juden das erste Volk waren, das ein nationales Bewußtsein hatte, wird wohl kein Kenner der Geschichte in Abrede stellen. — Während in der Geschichte der ältesten Völker nur von Königen und Eroberern gesprochen lvurdc, hatten die Juden bereits eine nationale Gesetzgebung, nationale Institutionen eine nationale Verfassung, welche letztere, minder exclusiv gls die spätcrn Zeiten den obersten Grundsatz enthielt. — „Ein gleiches Recht und; ein gleiches Gesetz für euch wie für den Fremdling, der in eurem Lande wohnt." — Von den Zeiten, in welchen die Juden eine selbstständige Nation bildeten, wollen wir weiter nicht sprechen; es ist allgemein bekannt, mit welcher Zähigkeit und Ausdauer sie gegen die mächtigen Römer für die Erhaltung ihrer Nationalität kämpften. — Welches Loos ihrer wartete, als sie ihrer Selbstständigkeit verlustig unter die verschiedenen Völker der Erde zerstreut wurden, muß ebenfalls nicht erst erzählt werden. — Obgleich nun ihre Niederlassung in den europäischen Ländern um mehrere Jahrhunderte der allgemeinen Völkerwanderung voranging, und sie daher gewiß das Hcimatsrecht aus dem gastlichen Böden unseres Welttheilssrüher erlangten als alle anderen Völker, wurden sie dennoch von der Ueberzahl und Uebermacht — nicht als Fremdlinge — wohl ihnen, wenn man das gethan hätte — sondern als Sklaven behandelt. — Es wurden ihnen mit den bürgerlichen auch die Menschenrechte entzogen. — Wer nun noch in dieser langen Periode der Schmach und der Erniederung von ihnen Patriotismus — in dem doch zuletzt alles Natioualitätsgefühl gipfelt — verlangt hätte, der würde sich ebenso des krassesten Unsinns schuldig gemacht haben, als ob er dem an Händen und Füßen Gefesselten zugemuthet hätte, einen Wettlauf zu bestehen. Trotzdem waren dem Juden niemals patriotische Gefühle fremd, und in den Zeiten des Uebergangs, wo eine mildere Gesetzgebung ihre Lage erleichterte, trugen sie willig alle Lasten des Bürgers, ohne dessen Rechte theilhaftig zu werden; sie opferten willig Gut und Blut für ein Vaterland, das sie blos beherbergte, nnd in dem sie keine Spanne Erde außer ihrer Grabesstätte ihr Eigenthum nennen durften. — In der Neuzeit hat sich nun das freilich anders gestaltet, die Humanität hat in den meisten Ländern Europas den Sieg über verjährte Vorurtheile errungen, und die bürgerliche Gleichberechtigung aller Confessionen ist das erste Merkmal einer liberalen Verfassung. — Wir haben nicht nöthig die patriotischen Leistungen der jüdischen Bürger hervorzuheben — es hat jeder seine Schuldigkeit gethan. Das Judenthum hat sich auch in dieser Beziehung seiner Bekenner nicht zu schämen. — Dieß als Einleitung zur Besprechung einer dieser Tage erschienenen Brochüre unter dem Titel: — „Offenes Sendschreiben an den Redakteur der „Mroäni Listy“ von einigen natioualgesinnten Juden."*) — In einer würdigen, entschiedenen, vom Bewußtsein der Wahrheit und des Rechts gehobenen, von Herausforderung ebenso wie jvon Gedrücktheit fernen Sprache wird dem genannten Blatte zum Vorwurfe gemacht, daß cs tendenzmäßig die Juden antinationaler Gesinnungen beschuldige, sie mit Schmähungen und Verunglimpfungen überhäufe, und die heilige Mission einer würdigen Journalistik außer Acht lassend, den wilden Leidenschaften eines fanatischen Pöbels, der in den letztern Jahren schon zu östern mittelalterliche Judenverfolgungen und Excessen in Böhmen ausführte, neue Nahrung gebe. — 3)at betrübtem Herzen muß jeder Menschenfreund eine solche erschütternde Abwehr lesen, und man weiß wahrlich nicht, worüber mau sich in unserer Zeit der Gesittung mehr wundern soll, ob über einen solchen Pöbel oder über ein solches Journal. — Wir wollen hoffen, daß der Redakteur der ,Mroäni Listy“ eines Blattes, daß sich die Hebung der Station zum Ziele nimmt, den Inhalt des Sendschreibens beherzigen, und zu der Erkenutniß gelangen werde, daß man mit solchen Mitteln nimmermehr für eine gute Sache Propaganda mache, sic vielmehr gründlich disereditire. — „Nicht durch äußere Macht, nicht durch Gewalt, sondern durch meinen „Geist." Es ist wohl nicht zu leugnen, daß auch in andern Ländern, wie das Sendschreiben richtig bemerkt, noch Judenhaß genug anzutrcffen sei, und, fügen wir hinzu, daß es auch anderwärts an einer jndenfeindl'ichen Journalistik nicht fehle; doch hat dort die Volksbildnng bereits solche Fortschritte gemacht, daß derartige anachronistische Bestrebungen isolirt bleiben und an dem gesunden Sinne der Bevölkerung scheitern. Gegen die Auslassungen der Wiener Kirchenzeitung sind die das Judcnthum berührenden Artikel der Mroän! Listy wahre Schmeicheleien, und selbst mit der *) Verlag von Senders und Brandeis in Prag.