Das Abendland
- Journal
- Das Abendland
- Volume
- III (1866)
- Issue
- 18 (20.9.1866)
- Date
- 1866-09-20
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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M. 18. •sfraa i>en20. September 1866. m. Aahrgmg- Central-Organ für alle zeitgemäßen Interessen des Iu-enihums. Verleger, Eigentümer und verantwortlicher Redakteur: A. ^ßßrMüNN. PrS»«mer»tis«Sbetra>> ganzjihri, 3 fi., halb,i>hrtl, 1 fi, 50 ft., «irttchahng 80 fr. mit P> tzaui; kür'S Ausland «anzj. r Thlr. halb,. I Thlr. 15 Gr. - Erscheint am 2. nnd 4. Administration. Geistgasse Rr. 008—1. — Inserate «erde» billigst „ und Zustellung iu's wnnerftag des Msnats. — berechnet. Einladung zur Pränumeration. Diejenigeu P. T. Herren Abonnenten, deren Abonement mit dem Monate September zu Ende geht, werden um Erneuerung desselben höstichst ersucht auch bitten wir um gefällige Zusendung der rückständigen Abonementsbeträge. Die Administration des „Abendland." Dir Einweihung der neuen Synagoge in Berlin. Am 5. d. M. wurde die neue Synagoge, ein prachtvolles Gebäude, das mehr als 600,000 Thaler kostete, feierlichst eingeweiht. Das große Haus war bis auf den letzten Platz gefüllt. Es wimmelte förmlich von vornehmen Herren und Damen sowohl jüdischer als christlicher Eonfession. Von den hervorragendsten Persönlichkeiten nennen wir den Ministerpräsidenten Graf v. Bismark, den alten Feldmarschall Graf von Wrangel, Fürst Radziwill, den Gouverneur von Berlin, Graf Waldersee den Lommandant von Berlin, General von Alvensleben, die Minister von der Heidt von Mühler und Graf Eulenburg, den Polizeipräsident von Bernuth, welche alle in großer Galla-Uniform der Feier anwohnten, nur der alte Vater Wrangel erschien in der Felduniform. Außerdem waren anwesend, der Oberbürgermeister, die Mitglieder des Magistrats und der Stadtverordneten, die sämmtlich ihre goldene Amtsketten umgelegt hatten. Aus dem Abgeordnerenhause bemerkte man, von Blankenburg, von Varest, Stavenhagen, Reichenheim u. a. m. Die Feier selbst bot nicht viel des Neuen, es war die bei Synagogeneinweihungen übliche Liturgie. Herr Rabbiner Dr. Aub sprach den Segensspruch und hielt die Festpredigt, in welcher er auch der Hingeschiedenen um die Gemeinde so vielverdien - ten Männer — Sachs und Beit — gedachte. Die Gesänge waren von dem Chordirigenten, dem königlichen Musikdirektor Lewandowsky meisterhaft compvnirt. Die Synagoge hat ihre Weihe für die reformistische Richtung erhalten, und wir finden es begreiflich, daß Herr Rabbiner Rosenstein und Herr Cantor Lichtenstein es entschieden ablehnten der Einweihung der neuen Synagoge anzuwohnen. — Ueberhaupt scheint die ortodoxe Partei sich wieder zu rühren, und will sich abgesondert in der alten Synagoge einnchten, um den alten Ritus zu erhalten. Wie sehr man auch den Gewissenszwang in jeder Richtung nach innen wie nach außen verdammen muß, so darf doch keiner Regung des religiösen Sinnes die Anerkennung versagt werden, nnd selbst das Streben durch äußern Glanz auf Sinn und Gemüth zu wirken, - mag als Zeichen eines erhöhten religiösen Bewußtseins betrachtet werden, das vielleicht geeignet sein dürfte, den in Berlin vorherrschenden Jndifferentismus mit der Zeit zu bannen. Das moderne Judenthnm hat dem deutschen Athen, von wo ans der jüdische Sokrates, Moses Mendelsohn, Aufklärung und Bildung unter seinen Glaubensgenossen verbreitete, viel zu danken, doch gerade auf dem heimischen Boden hat die geistige Aussaat nebst vielen gesunden Früchten auch manche schädliche Frucht zur Reife gebracht, und das Haschen nach äußerem hohlen Schimmer, nach äußerer flüchtiger Geltung hat besonders bei den Juden in der Residenzstadt an der Spree eine fast alle anderen Interessen in den Hintergrund drängende Gewalt erlangt. Den angestammten Glauben im sozialen Verkehr so'viel als möglich vergessen zu machen, war das einzige Ziel des Strebens vieler sogenannten aufgeklärten Juden, und wo dieß nicht recht gelingen wollte, wurde auch vor einem offenen Glaubenswechsel nicht zurückgeschrcckt. Diese Hohlheit der Gesinnung aus religiösem Gebiete gab sich schon zu Anfang dieses Jahrhunderts kund, und hat sich bis ins letzte Dezenium erhalten. In der neuesten Zeit hat sich jedoch wieder das jüdische Bewußtsein gekräftigt, nnd man mag von der religiösen Richtung, die jetzt in Berlin die vorherrschende und maßgebende ist, wie immer denken, so muß man doch anerkennen, daß das Jnterrcsse für das Judenthum von Seiten seiner Bekenner in der Zunahme begriffen ist. Die Einweihung der Synagoge in Gegenwart der höchsten Autoritäten des Landes ist wohl der deutlichste Beweis für den erfreulichen Umschwung den das religiöse Leben genommen. Offenbar hat der Berl ner Feuilletonist in der Weser Zeitung einen Anachronismus begangen, und die Zustände der Vergangenheit in die Gegenwart versetzt, wenn er sich noch vor wenigen Tagen über die laxe Religiosität der Berliner Juden mit mehr Geist als Wahrheit wie folgt ausläßt. — „In Berlin erhält sich das Judenthum in keiner Familie durch 4 Generationen. Der Großvater wandert im Rockelor mit langem Barte aus dem Polnischen ein, und befolgt die Satzungen seiner Religion mit asketischer Strenge; der Vater ist ein toleranter Mann, der die Ritualgesetze mehr aus Gewohnheit als aus innerer Überzeugung meistentheils befolgt, der ißt Schinken, hält sich zur Reform, sucht den Umgang mit Geheimräthen und läßt seine Kinder im Christenthnm erziehen, die Enkelin heirathet einen Garde Lieutnant, wenn sie viel Geld hat, einen Stadrichter wenn sie weniger hat — das ist der regelmäßige Verlauf. Dem Jndenthume anzugehören ist in Berlin nur ein Durchgangspunkt für die einzelnen Fami'ien — So weit der Feuilletonschreiber, dem die pikante Darstellung die Hauptsache ist, — Der Wahrheit entspricht diese lebhafte Schilderung nicht, sonst würde die englische Mißionsgesellschaft in der