Das Abendland
- Journal
- Das Abendland
- Volume
- III (1866)
- Issue
- 15 (9.8.1866)
- Date
- 1866-08-09
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/9050333-9088929-9050781--0454-9050782- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
%'rug den 9. August 1866. III. Jahrgang. M. 15. Das Abendland. Lentral-Organ für alle zeitgemäßen Interessen Verleger, Eigenthümer und verantwortlicher Redakteur: -rs Zudenthums. A. Lhrmann. Prännmerationsbetrag ganzjährig 3 fl., halbjährig 1 fl. 50 kr., mertellähng 80 kr. mit Postuffendung und Zustellung m's Hausfur's Ausland ganzj. 2 Thlr. halbj. 1 Thlr. 15 Gr. — Erscheint am 2. und 4. Donnerstag des Monats. — ’ Administration. Geistaasse Nr. 908—1. — Inserate werden billigst berechnet. Zur gefälligen Beachtung. Da der Postverkehr wieder soweit hergestellt ist, daß in Böhmen mit Ausnahme einzelner Strecken Geldsendungen zur Beförderung durch die k. k. Post angenommen werden, ersuchen wir ebenso höstichst als dringend diejenigen 1\ T. Herrn Abonenten, deren Abonement mit dem Monate Juni abgelausen ist um gefällige Erneuerung desselben sowie wir auch um Einsendung der Rückstände vom vorigen Semester höflichst bitten. Die Redaktion des „Abendland." Cremteur in Lullarest. Dem „H amagi d" wird aus Bukarest vom Herrn Joses Löwy geschrieben: Zehn Tage des Jubels und der Wonne zogen an den Israeliten Bukarests und ganz Rumäniens vorüber. Nie war bei unseren hiesigen Glaubensbrüdern eine Herzensfreude aufrichtiger und nie senkten unsere Feinde in diesem Lande beschämter ihre Blicke als in diesen 10 Tagen. Der berühmte Advokat Ad. Cremieux aus Paris, dieser sprachgewaltige Anwalt seiner leidenden Glaubensbrüder in allen Welttheilcn weilte einige Tage in unserer Mitte. Aus jedem jüdischen Antlitze strahlte Freude, und die eingefleischtesten Judenfeinde mußten den innern Grimm in sich verschließen aus Scheu vor dem Helden des Wortes, der so oft und so siegreich für Recht und Wahrheit kämpfte — Seitdem der Prinz Karl von Hohenzollcrn auf den Thron des rumänischen Landes erhoben wurde, arbeiten die Deputirten des konstituirenden Landtags an der Constitution, welche der neugewählte Fürst zu beschwören hat. Einer der wichtigsten Punkte derselben ist die Emancipation der Juden, worüber in der betreffenden Sektion zur Vorlage an den Landtag berathen wird. Die Zahl der.Gegner ist in dieser Frage vorwiegend, nur sehr wenige meinen cs aufrichtig mit den Juden und wünschen vom Herzen deren vollständige Gleichberechtigung, die übrigen sind entweder offene Judenfeinde, die aus ihrer Gesinnung keinen Hehl machen, und es an Verleumdungen und Schmähungen gegen das Judenthum nicht fehlen lassen, oder Heuchler, die den Schalk im Busen bergen, süße Worte aus den Lippen tragen, aber durchaus nicht gesonnen sind, dem gedrückten Juden die Menschenrechte zu verleihen. Diese letzte Fraktion ruft den Juden mit lauter Stimme zu: „Zeiget offen euern Patriotismus, bringet Opfer auf den Altar des Vaterlandes, unterstützet die Regierung mit euerem Vermögen und machet euch der Gleichberechtigung würdig" allein kaum haben sie ihr Ziel erreicht, kaum haben die Juden ihre Opferwilligkeit an den Tag gelegt, so ist auch die Maske gefallen, die gleißnerische Sprache verwandelt sich in bittern Worten des Hasses und der Schmähung — (Als Belege für die Opscrwilligkeit unserer Glaubensgenossen mag der Umstand dienen, daß zu dem Staatsanlehen 300 Israeliten zusammen über 3 Millionen Piaster zeichneten, während die ganze übrige Bevölkerung des Landes, die 4 Millionen Seelen übersteigt, sich blos mit 7 Millionen Piastern bethciligte.) — So war der Stand der Judenfrage in unserem Lande, als uns die Zeitungen die Rachricht brachten, daß Cremieux nach Constantinopel gereist sei, um daselbst als Anwalt für ’ die wttomanische Bank zu plaidiren. Sogleich richteten die Vorsteher unserer Gemeinde telegraphisch an ihn die Bitte, er möge seine Rückreise nach Paris über Bukarest nehmen, und da einige Tage verweilen, um für das Recht seiner Brüder in die Schranken zu treten und durch die Gewalt seiner Rede die gegen uns angehäusten Beschuldigungen zu entkräften. Cremieux entsprach dem Verlangen, konnte aber, da er noch einige Tage in Constantinopel zurückgehalten wurde, an dem zugcsagten Tage nicht kommen, und die Deputation der beiden hiesigem Gemeinden, die ihm eine weite Strecke entgegenzog, musste unverrichteter Dinge zurückkehren. Mittlerweile war die Aufregung gegen die Juden im ganzen Lande gestiegen, und nahm Dimensionen an, die zu den größten Besorgnissen Anlaß gaben, so daß man beinahe zweifelhaft wurde, C. hierher kommen zu lassen, aus Furcht, seine Ankunft könnte die aufgeregten Gemüther noch mehr erhitzen und einen Ausbruch der wilden Leidenschaften herbeisühren. Zuletzt wurde beschlossen den gefeierten Mann zu berufen, jedoch alles Schaugepränge und alle Feierlichkeiten zu vermeiden, und so betrat C. im Stillen den rumänischen Boden, und nur sehr wenige Männer begrüßten ihn an der Gränze des Landes. Unser Muth wurde jedoch gehoben, als wir in Ersahrung brachten, daß die Regierung selbst eine angesehene Persönlichkeit zu seinen Empfange entgegensandte, und vollends die ersten Worte, die C. an die bei seiner Ankunft anwesenden Israeliten richtete, gaben uns freudige Zuversicht aus bessere Zeiten. Warum fürchtet ihr euch so sehr, sprach er, ihr wohnet ja in einem Lande Europa's, und die französische mit den Rumänen befreundete Regierung wacht auch über euch. Fürchtet ihr etwa, ich könnte von dem Pöbel inflrlürt werden, man würde mir „Jude" Nachrufen; das würde mich gar nicht beschimpfen, ich würde den Schmähenden öffentlich sagen, ja, ja ich bin ein Jude, mein Glaube ist mein Trost und mein Stolz, euch aber, ihr wahnbefangencn Schmäher ^wird die Strafe nicht ausbleibcn." Diese herzlichen Worte belebten uns mit einem niegeahnten Heldenmnthe und in der 15