Das Abendland
- Journal
- Das Abendland
- Volume
- II (1865)
- Issue
- 12 (8.6.1865)
- Date
- 1865-06-08
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Ar. 12. Arag den 8. Zuni 1865. i II Zahraang, Crntral-Organ für allezeitgemäßen Jnterressen des Judenthums. Verleger, Eigentümer und verantwortlicher Redakteur: Isaak Bloch. Pränumerationsbetrag ganzjährig 3 fl., halbjährig 1 fl. 50 kr. mit Postzusendung und Zustellung in'S Hans. — Erscheint am ’ 2. und 4. Donnerstag des Monats. — Administration bei Senhtts & Brandeis, Buchdruckerei Rittergasse Rr. 408—l. zu „3 Kronen," wohin alle Geldsendungen, Briefe-und Reclamationeu zu richten sind. - . , .' ". .1 ..—1 1 T > i...., . Gedanken über Leben und Lehre. - Bon D. Kohn Rabbiner in Hrischkow. (Schluß.) Anders verhält es sich mit der Lehre der positiven Religion. Mit dieser scheint das Leben in Widerspruch zu stehen; denn ein Theil der jetzigen Iudenheit feiern den Sabr bat und die Festtage nicht, achten die Speisegesetze nicht, vernachlässigen das Gebot von Tefelin u. drgl. und doch wird dem Kinde in der Schule alles dieses als heilige Pflicht gelehrt, wird dem zur Thora Gerufenen dieses alles aus der Thora als göttliche Gebote vorgelesen, wird dem Volke von der Kanzel herab mit warmen überzeugenden Worten die Wichtigkeit und Heiligkeit dieser Gebote erklärt; hier scheint ein Widerspruch vorhanden zu sein; aber nur scheinbar! ^Scheinbar; weil der größte Theil dkw Jizdenhejt noch heutig * gen Tags die Gebote der positiven Lehre mit'ganzem zen, mit ganzer Seele und mit der ganzen Kraft des Lebens haltet und ausübt; es wäre daher ungerecht das Leben eines ganzen Volkes anzuklagen der Sünden Einzelner halber. Zu allen Zeiten gab es viele solche Einzelne. Zu Zeiten des 1. und 2. Tempels, zu Zeiten der Tanaim, der Amoraim, im Mittelalter gab es viele, vielleicht noch mehr als in der Gegenwart, die das positive religiöse Gebot überttaten, Niemanden fiel ein, das Leben der ganzen Iudenheit anzuklagen, oder eine Gefahr für das Judenthum zu erblicken. Scheinbar; weil ein Leben mit der Lehre im Widerspruche, sich nicht mehr auf dem Boden dieser Lehre bewegt und außerhalb dieses Bodens steht. Wer von den Frommsten wird eS wagen, einen Juden, der eines oder das andere Gebot nicht ausübt, zu excomuniciiren? Wir haben das Recht ihn einen Ucbertreter eines Gebotes zu nennen; aber nicht ans der Gemeinschaft der Iudenheit zu stoßen. Ein Jude, der sein Schema betet, nicht Götzendiener ist, gerecht und liebevoll gegen Menschen handelt, stehet nach dem Talmud, auf dem Boden des Judenthums, und sein Leben stimmt mit der Lehre mehr überein, als das Leben jener, welche die Gebote püncktlich außüben; aber die Gottesidee durch Aberglauben ttüben, Frömmigkeit heucheln, hart und herzlos, ungerecht und lieblos gegen Menschen sind. Letztere nennt der Talmud „die Gefärbten;" diese heuchlen die Gesinnung des Pinchas, während sie heimlich wie Simri handlen! Ein Häuflein, das einem Theile des positiven Gesetzes nicht streng Rechnung trägt, erschüttert den auf dem Sinai ausgeführten göttlichen Bau, und die ewigen Wahrheiten des Judenthums nicht! Wenn wir durch das bereits Gesagte die Klage gegen das jüdische Leben der Jetztzeit als unbegründet zurückweisen, haben wir uns damit noch nicht zum Anwälte jener, die das Positive nicht achten, aufgeworfen. Wir sind überzeugt, daß die ewigen Wahrheiten ungetrübt und ungeschwächt, durch das positive religiöse Gesetz erhalten werden. Die ewigen Wahrheiten verhütten sich zur positiven Lehre, wie Seele zum Leibj!. Wird der Leib durch Nachlässigkeit geschwächt, wird auch StiTISe-et?Tn’$ Mltlciden gezogen. Die Maische positive Religion, ist die Religion der That, der Ausdruck der religiösen Gesinnung, das Glaubcnsbekenntniß von der Ueberzeugunz der ewigen Wahrheiten; sie war es, die das Volk mit einer unbesiegbaren Thatkraft ausgerüstet, mit einer Selbstbestimmung bewaffnet hat, wodurch es allen Stürmen trotzte, und es ihm möglich war. von Heidenthum, umgeben, von Wasser und Feuer bedrohet, die ewigen Wahrheiten rein zu erhalten und seine Mission als Priestervolk zu erfüllen. Es kann uns daher nicht gleichgültig sein, wenn die Thatkraft vieler unserer Glaubensgenossen erlahmet, wenn sie aufhören durch die Religion der That die ewigen Wahrheiten in engern und weitern Kreisen zu verbreiten."- Der auf die Thatttaft lastende Druck muß vor allem entfernt und sie selbst geistig gehoben werden. Durch welche Mittel dieses erzielt werden, und wer diese Mittel herbeischaffen kann, darüber werden wir einander Mal unsere Gedanken aussprechen. *) *) Wir bemerken hiermit, daß wir, die hier mitgetheilten Gedanken aus der heiligen Schrift und dem Talmud geschöpft haben. Wir haben unterlaffen die Bibel- und Talmudstellen janzuführen, weil der Gelehrte sie selbst zu finden weiß, und der Nichtgelehrte wird gem darauf verzichten. 12*