Das Abendland
- Journal
- Das Abendland
- Volume
- II (1865)
- Issue
- 11 (25.5.1865)
- Date
- 1865-05-25
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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Nro. 11. Prag, den 25. Mai 1*05. II Iakrqanq. 9V Das Abendland. Agentur in Wien: Hcrzfeld und Bauer. Eeiilnil-Onza» l'ftr alle zeilgemäüe» 3ii|preHc» des 2udelillj>n»es. Berlegcr, Elgenthümer und verantwortlicher Redactcur: Block). Agentur in Brünn: B. Epstein. Pränumerationsbetrag ganzjährig 3 fl., halbjährig 1 fl. 50 kr. mit Postzusendung und Zustellung in's Haus. — Erscheint am 2. und 4. Donnerstag des Monats. — Administration bei A. Renn, Buchdruckerei zu „1 Linden," wohin alle Geldsendungen, Briefe und Reklamationen zu richten sind. Oedanlien über Lebe» mid Lehre. Von D- Kohn, Rabbiner in Hnschkov. I. Seitdem das Licht der Wissenschaft und der Aufklärung die mitternächtliche Finsterniß der Geister durchbrach, eine humanere Gesetzgebung die Schranken der Ghcti nicderstürzte, der Jude freier aufathmend, den Wert des Lebens erkennend, aus seiner Sonderstellung und Abgeschlossenheit heraustrat, hört man von allen Seiten die Klage: „Das Leben des jüdischen Volkes ist mit der Lehre des Judenthums im krassen Widerspruche. Immer mehr und mehr, so behauptet man, erhebt das Leben seine Ansprüche, die Lehre muß ihm weichen, dieses sei der Schlund, der mit der Zeit Lehre und Judcnthum verschlingen wird! Schon haben seine Wogen Ufer überflutet. Dämme durchbrochen, so Vieles von seinen Lehren in seine Tiefen begraben; und wird seiner Zerstörungsgewalt nicht bald hemmend cntgcgcngctrctcn, muß das Judeuthum, seinen festen Boden verlierend, zu Grunde gehen!" Diese gegen das Leben der Judenhcit erhobene Klage wie auch die ängstliche Furcht für den Fortbestand des Judenthums sind unbegründet. Das Leben mit der Lehre sind nur scheinbar in Widerspruch; sie stehen sich nicht feindlich gegenüber. Weder der Lehre noch dem Judenthume drohet von Seiten des Lebens irgend eine Gefahr. Die, welche seit Jahrtausenden enge mit einander verbunden und verwachsen waren, trennen sich nicht so leicht, um einen Vertilgungskricg gegen einander zu führen; ein Volk, das für seine Lehre seit Jahrtausenden die höchsten Güter des Lebens hingab, läßt sie so leicht nicht fahren! Das Leben der Juden ist noch heute mit den ewigen Wahrheiten des Jndcnthnms unzertrennlich verknüpft. Zu diesem Schlüsse wird jeder gelangen, der die Wahrheiten des Judenthums und das Leben seiner Bekenner vorurthcilssrci und unparteiisch beurtheilt. Die Gottcsidee und die Gottähnlichkeit deö Menschen sind die zwei flammenden Sonnen, welchen wie Lichtströmc alle anderen ewigen Wahrheiten v des Jndcnthnms entströmen! Wird einst die ganze Menschheit . im Lichtglanzc dieser zweier Sonnen wandeln, dann wird sie die \ wahre Mcssiaszcit hcrbeigesühn haben!! Die Bibel lehrt uns von Gott: sic lehrt uns, wie und wodurch wir ihn erkennen, indem sie uns die Wunder der Schöp- * fung zeigt, unfern Geist beflügelt, durch alle Räume zu dringen, alle erschaffenen Wesen zu umfassen. Da erkennen wir den Meister des Alls; wir sehen, wir fühlen, wir begreifenI und erkennen ihn; Millionen Stimmen verkünden uns den einig einzigen Gott in seiner erhabenen Herrlichkeit, und im heiligen Schauer der Bewunderung sinken wir hin, ihn, den uns von der Bibel gelehrten Gott zu preisen und zu verehren. Und diesem Gotte ist der Mensch ähnlich. So lehrt es die Bibel, so beweist sie es uns durch die einfache Erzählung von seiner Erschaffung. Welcher erhebender Gedanke für den Menschen, der Gott erkannt hat! Als gottähnliches Wesen' erblickt er sich an der Spitze aller irdischen Wesen; er, der aus -staub geschaffene, durch die Gottähnlichkeit nnstreblich gewordene mächtige Herr der Erde! Die Gottähnlichkeit ist das einzige Merkmal, womit die Bibel den Menschen bezeichnete. Der erste Satz, womit sie die Geschichte der Menschheit beginnt, lautet: „Dieses ist das Buch von der Geschichte des Menschen, als er erschaffen wurde, in Achnlichkeit Gottes erschuf er ihn. Einen Mann und ein Weib erschuf er ihn; er segnete sic und nannte sie Mensch!" Mensch ist jeder, der Gott ähnlich ist. Alle Menschen stammen von einem Vater, von einer Mutter ab, und alle diese hat Gott gesegnet und Menschen genannt! Nicht Farbe, nicht Sprache, nicht Nationalität, nicht Stand, nicht Eonfession bezeichnen nach der Bibel den Menschen. Jeden Erdensohn, der den Stempel der Gottühnlichkeit auf der Stirne trägt, hat Gott „Mensch" genannt, ob seine Hautfarbe weiß oder schwarz, seine Zunge diese oder jene Sprache spricht, ob er ein Deutscher oder ein Slave ist, ob er Gott in einer Kirche oder in einer Synagoge verehrt. Alle hat er gesegnet! Hätten die Völker diesen Bibelsatz aus ihre Fahnen geschrieben, sie hätten sich wahrlich weniger verfolgt, weniger gehaßt; sie hätten weniger Krieg geführt und hätten die Erde nicht mit Menschcnblnt getränkt! Hätten die Gesetzgeber der Nationen diesen Bibelsatz znm obersten Grundsätze ihrer Gesetzgebung angenommen, die Völker hätten nicht Jahrhunderte unter Druck und Elend geschmachtet. Alle Geschichtsschreiber sollten diesen Bibelsatz als Motto ihrer Geschichtswerke setzen. Amerikas Boden dampft vom Brudcrblute, und ein großer Mann hat für diesen Satz gekämpft und ihn mit seinem Tode besiegelt, weil man dort die Wahrheit dieser Bibclstclle seit einiger Zeit nicht erkennen wollte, und in Europa werden die heiligsten Rechte der Familie mit Füßen 11