Das Abendland
- Journal
- Das Abendland
- Volume
- II (1865)
- Issue
- 4 (8.2.1865)
- Date
- 1865-02-08
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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Nro. 4. Prag, den *. Februar 1*05. II. Jahrgang. Das Mtn-land. Agentur in Wien: Herzfeld und Bauer. Ämknll'-Orgml für alle zeilgemDm Zolereile» t'es Z»deillij»»ies. Eigenthümer und Herausgeber: Isaak Bloch. Agentur in Brünn': B. Epstein. Pränumerationsbetrag ganzjährig 3 fl., halbjährig 1 fl. 5 0 kr. mit Postzusendung und Zustellung in's Haus. — Erscheint am 8. und 24. eines jeden MonatS. — Administration bei A. Renn, Buchdrnckerei;u „3 Linden/' wohin alle Geldsendungen, Briefe und Reclamationen zu richten sind. Ueöer die Unwendnug von Ä'amöel» i» der jüdischen Hanzelrede. Bon Rabbiner Dr. Sch m i e d l zu Proßnitz. Es sind noch nicht volle drei Jahrzehnte, seit Mannheimer seine „gottesdienstlichen Vorträge über die Wochenabschnitte des Jahres" (Wien bei Carl Gerold, 1835) veröffentlichte. Diese wurden damals als ein Phänomen angestaunt, denn Mannheimer war damals der Einzige im österreichischen Israel, der es verstand, das Gottesworl mit siegender Beredsamkeit und in blühend deutscher Zunge kraft- und schwungvoll vorzutragen. Ja derselbe hatte schon damals, in dem lesenswerten Vorworte, über Geist und Form der jüdischen Kanzelrede Nun, es sind kaum 30 Jahre seit dainals vorüber, und das unermüdliche geistige Streben und Schassen, das seitdem mit säst wunderbarer Rührigkeit in allen Zweigen des Wissens sich kund gibt, hat auch dem Gebiete der Kanzclrcde mit dem glücklichsten Erfolge sich zugewandt. Wir sind nicht mehr wie dazumal, „Neulinge in der Kunst." Nicht nur in den Gemeinden ersten Ranges, sondern auch in der kleinern und kleinsten Gemeinden hat die rednerische Muse ihr siegreiches Banner aufgepflanzt, und anch dieser Zweig an dem saftmanch' trefflichen Gedanken ausgesprochen. — Er sagt z. B. das. S. VH. ff.: .-•*»* „Zwar sollen wir und dürfen wir nie vergessen, daß wir als Neulinge in der Kunst, die wir erst seit Kurzem betreiben von den Meistern der Kunst gar Vieles lernen können und dankbar jede Anleitung zu cmpfaugen haben, die uns in ihren Schulen geboten wird; dürfen aber auch das nie vergessen, daß wir im Heiligthum Gottes aus eigenem Grund und Boden stehen und für's heimische Leben die Saat des Lebens streuen, und von unfern Vätern Schätze empfangen haben, die wir zu wahren von Gott berufen sind. Vom eigenen Gute zehreu, ist immer besser, als von Almosen leben, und den eigenen Boden anbauen immer besser, als auf fremdem Grund und Boden eine dürftige Ährenlese halten. „Das gilt vom Geiste der Lehre und der Richtung des Lehrers, und gilt anch von der Form. „An jedem menschlichen Werke ist die Form ein Unerläßliches. Wir fassen Gedanken in Formen. In so fern wir von höhern Wahrheiten reden, die nicht jedem faßlich sind, und der Wahrheit ihren Eingang, dein Worte seine Geltung sichern wollen, ist es nöthig, daß wir die Wahrheit in eine faßliche Form, in eine geregelte Form, in eine gefällige Form kleiden. Nur wollte ich dainit keineswegs behaupten, daß alles Hejl in der einen abgeschlossenen Form zu suchen und die schulgerechte Homiletik die alleinseligmachende sei; vielmehr wollte es mich bedünkcn, als wenn eben jenes Aneignen einer uns nicht ganz eigenthümlichen Form der Armuth des Geistes gar oft zum Deckmantel diene, ohne sic zu verhüllen, geschweige denn zu verhüten — denn die Form kann keine Gedanken schaffen und bindet vielmehr den Geist, als daß sic ihn frei mache."; und fruchtreichen Baum des jüdischen Schriftthums hat seit-! dem unzählige Keime und Sprossen getrieben, von denen freij lich nicht wenige als taube Blüthen abfielen, viele jedoch an! Reife und Fülle fast nichts zu wünschen übrig lassen. l Bei alledem jedoch sind alle jüdischen Kanzelredner als j solche bis heute noch immer Autodidakten, da wir noch immer! weder eine Lehrkanzel für jüdische Homiletik, noch überhaupt ' ein Lehrbuch hierüber besitzen. In dem In8tituto rabbinieo zu Padua beträgt spl. de la Torre Homiletik vor, doch ist dieses Institut aus , manigfachen Gründen dem Deutschen schwer zugänglich. In j dem in jeder Beziehung auf der Höhe der Wisse n -! schast stehenden jüdisch-theologischen Seminar zu Breslau, an dem Männer von immenser Gelehrsamkeit und von wahrem Weltrufe lehren, werden homiletische Übungen gehalten, doch i ist es uns unbekannt, ob daselbst auch die Homiletik als eigene wissenschaftliche Disciplin gelehrt wird. Ja, während fast alle Felder des jüdischen Wissens mit einem staunenswerten Eifer angcbaut werden, hat es von den gottlob so zahlreichen und tüchtigen jüdischen Gelehrten bisher noch keiner unternommen, eine jüdische Homiletik zu schreiben. — Der auch als Kanzelredner ungewöhnlich begabte vr. Jell i n c k hat in theologischen Wochenschrift „Ben Chananja" v. I. 1862, Nr. 8, eine treffliche Abhandlung über ein sehr wichtiges Moment der jüdischen Homiletik, nämlich „Über den Gebrauch der Hagatla in der Predigt" geschrieben — doch läßt gerade diese vereinzelte Abhandlung den Mangel eines Ganzen und Umfassenden um so lebhafter empfinden. Wir haben uns im gegenwärtigen Artikel die Aufgabe , gestellt, auf ein ebenfalls durchaus nicht unwichtiges Moment