Archiv für jüdische Familienforschung, Kunstgeschichte und Museumswesen
- Journal
- Archiv für jüdische Familienforschung, Kunstgeschichte und Museumswesen
- Volume
- 2 (1916)
- Issue
- 4, 5 und 6 (1916)
- Date
- 1916-01-01
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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2 Gottlieb Saphirs Testament. Mitgeteilt von Dr. Bernhard Wachstein (Wien). Die Mischung von Güte, Gemüt, Wohltätigkeitssinn und Gastlichkeit mit Herbheit, Eigensinn, Trotz und zorniger Unbändigkeit in seiner Individualität, leitet Moritz Gottlieb Saphir von seinem Elternpaare ab.1) Seine Mutter Charlotte, geborene Brüll aus Preßburg, „war das lebendige Prinzip der Liebe, der Milde, der Wohltätigkeit, der Gastfreundschaft und Duldung überhaupt." Das Andenken an sie, deren Leben durch Krankheit getrübt war, die aber ihr Leid in frommer Ergebung und mit „wahrhaft christlicher Demut" trug, begleitet den Schriftsteller, der sie in frühester Jugend verlor, sein ganzes Leben hindurch. Saphir war kein in die Tiefe dringender Geist, aber sein Scharfsinn, sein lebhaftes Temperament und seine rasche Auffassungsweise haben ihm auch höhere Momente des Lebens vorgeführt. Seine Verehrung für die Mutter gehört gewiß zu seinen schönsten Seiten. Über ihre Abstammung macht er uns keine weitere Mitteilung. Dies lag nicht mehr in seinem Metier. Etwas wie Weltanschauung offenbart sich in seinen Hervorbringungen, aber nur wo es sich um konkrete Dinge handelt. Für die Distanz fehlt ihm der nachfühlende Verstand. Die wenigen Personen und Sachen aus der jüdischen Sphäre in seinen Memoiren sind größtenteils richtig, aber auch von der Oberfläche aus gezeichnet. Was er aber über seine jüdische Abstammung mit Bezug auf das Verhalten Heines und Börnes, die er als seine Kollegen ansieht, zu demselben Gegenstand sagt, erhebt sich nicht über das Niveau einer gewöhnlichen Witzelei. Wie hatte Heine mit dem jüdischen Problem sein Leben lang gerungen! Er hatte kein entfernt gleiches Wissen von jüdischen Dingen, wie Saphir, aber welche tiefe Einsichten in das jüdische Wesen gewährte ihm sein von Alltäglichkeiten oft gequälter und abgeirrter, aber nach Erfassung der Wahrheit ringender Genius. Dieselbe Neugierde durch dichte Schleier zum Gewesenen vorzudringen und nicht Ziererei oder zu mindestens diese nicht als Leitmotiv, treibt Heine sich mit seinen Ahnen zu beschäftigen. Es reizt ihn, die alten, verschwundenen Gestalten als lebende Kräfte in seinem Wesen ausfindig zu machen, diese Identitäten von Gegenwärtigem und längst Vergangenem in seiner Art aufzuzeigen. Die Abstammung seiner Mutter erfahren wir aber trotzdem, wenn auch indirekt, durch Saphir selbst. Im Verlaufe seiner Darstellung erwähnt er den Bruder seiner Mutter, I. Brüll, „einen der reichsten und angesehensten, zugleich einen der gelehrtesten und achtungswertesten Männer jener Zeit," der ihn in Preßburg mit väterlichem Wohlwollen aufnahm. I. Brüll ist aber kein anderer, als der bekannte, gelehrte Preßburger Vorsteher Asriel Brilin, der im bürgerlichen Leben den Namen Israel Brüll führte. Aber nicht nur Asriel Brilin, der Schwiegersohn des weit über die Grenzen Preßburgs bekannten Stadlans Koppel Theben, sondern auch sein und Charlotte Saphirs Vater, Sanwel Brilin oder Samuel Brüll, brachte es zu großem Ansehen. Der Großvater Charlotte Saphirs, Asriel Brilin, starb 1744 in Wien. Er kam dorthin aus Deutschland, wo sein Vater Isak in mehreren Gemeinden Rabbiner war, in Gefolgschaft Samuel Oppenheimers und Simson Wertheimers, mit denen er durch verwandschaftliche Bande eng verknüpft war. Der Ur¬ Urgroßvater von Saphirs Mutter war Meschulam Elieser Sußman b. Isak Brilin, der in Fulda das Rabbinat bekleidete und etwa in den ersten Dezennien des 17. Jahrhunderts geboren wurde.2) Wir können demnach Saphirs Stammerbe an geistigen Eigenschaften durch zwei Jahrhunderte mütterlicherseits verfolgen. Seinen Vater Gottlieb, der das Amt eines Oberlandessteuereinnehmers der damaligen Kopfsteuer, „Malkegeld"3) geheißen, bekleidete, bezeichnet Saphir als einen Mann von scharfem Verstand, hoher Redlichkeit und Charakterlauterkeit. Er war bei all seinem weltlichen Wesen ein strenggläubiger Jude, der sich viel um das Talmud- und Bibelstudium bei seinen Kindern bemühte. Noch ein Detail berichtet Saphir von seinem Vater, seine Vorliebe nämlich für das Schönschreiben. Koph und Pe sowie die beliebte Ligatur Nun-Daleth in der jüdischen Kurrentschrift waren ihm besonders ans Herz gewachsen. Diese Buchstaben bereiteten beiden, dem ordnungsliebenden Vater und dem bohemienartig veranlagten Sohne, oft Schmerzen. Diese Differenz wird nicht die einzige gewesen sein. Trotzdem Saphir noch zu Lebzeiten seines Vaters ein berühmter Mann war, scheint der Vater keinen besonderen Stolz über ihn empfunden zu haben. Ein Bild von Saphirs Vater sowie von dem ganzen Milieu des Hauses gewährt uns sein im Todesjahre geschriebenes Testament, das sich im Original erhalten und jetzt im Besitze der Bibliothek der israelitischen Kultusgemeinde in Wien ist. Auf drei großen im Verhältnisse von 48*5 zu 33 cm starken Seiten bestimmt der Testator in sauberem 2) Meine Memoiren und anderes, Reclam-Ausgabe, S. 18 ff. 2) Für all dieses vergleiche Wachstein, Inschriften des alten Judenfriedhofes in Wien, II, S. 285—289 und Hinweise daselbst. 3) Die von Maria Theresia 1743 für das ganze ungarische Gebiet eingeführte Toleranzsteuer. Über diese drückende Steuer vergl. Bela Bernstein in Kaufmann-Gedenk-