Sabbath-Blatt
- Journal
- Sabbath-Blatt
- Volume
- 1844
- Issue
- 31 (3.8.1844)
- Date
- 1844-08-03
- Page
- Seite 122 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/8620046-8637379-8640196--560-8620491- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
122 der edelsten Art, deren gottgeweiheter Sinn unschätzbar war, gelehrte Rabbinen und hochgelehrte Forscher, welche großen talmudischen Akademien vorstanden, sielen durch das Schwerd. Eine verächtliche Horde, eine niedergetretene und? gemeine, ein Schelmengesindel und eine Raubbande, das sind die Griechisch-gläubigen, die man mit Namen Kosaken nennt. Die Ackerer und Winzer unter denselben, vorzüglich die Landbauer, rotteten sich nah und fern zusammen und empörten sich wider den polnischen König, wider seinen Adel und seine Vasallen, die eine edle, stolze und riesenkraftige Menschenklaffe bildeten. Der genannte bedrohete König hieß Wladis law, ein frommer Herrscher, der unter die Gerechten gezahlt zu werden verdient; denn auch gegen die Juden war er gütig und mild, und ließ walten mit ihnen seinen Bund. Da geschah es im Jahre 5408 nach Erschaffung des Erdenrunds und der Himmel — also 1648 — im ersten Kirchenmonat des jüdischen Jahres, im Monat Nisan (April), als die Thränen der verfolgten Glaubensgenossen sich mehrten; denn um jene Zeit begannen jene Horden zu jagen und zu Hetzen die schwachen, geplagten Israeliten; viele durch Frömmigkeit gekrönte Häupter büßten ihre Kronen ein, und viele Hundert arme, bedrängte Juden sielen als Märtyrer. — Zwar zogen große Haufen des polnischen Adels und Volkes den Empörern entgegen, um zu streiten wider die Schelme und ihnen zu vergelten nach der Frucht ihrer Uebelthaten; aber da geschah es, daß, als die Polen ihren Schaaren sich näherten und allmälig in das Land der Unreinen, genannt Ukraine mit seinen Umkreisen, gelockt wurden, die Schelmenbanden sie durch List und Verrath überfielen; denn auch jene Kosakenschelme, welche beglaubigt in den Büchern des polnischen Militärs konscribirt waren — es war nämlich von alter Zeit her ein unabänderliches Recht der polnischen Krone, eingetragen in ihrem Gesetzbuchs, daß zwölf Tausend waffenfähige und kampfgerüstete Kosaken stets zum Dienste der Krone bereit sein müssen, um ihr Hülfe zu leisten, wie sie es ihnen gebietet — brachen den Eid und misachteten das Gesetz, und schlossen sich als Bundesgenossen ihren schelmischen Brüdern an. Auch große Schaaren von Tataren rotteten sich zu den Kosaken, umzüngelten so gemeinschaftlich den Anführer des polnischen Heeres mit all seinem Adel, seinen Reisigen und Knechten, richteten unter ihnen ein gräßliches Gemetzel an und plünderten all ihr Gut. Auch die Heeranführer mit einem Theile des Adels erschlugen sie. Das war kurz vor Pfingsten, drei Tage vor ihrem Feste, am Mittwoche, ein Tag, der zu dem Unglücke der Polen bestimmt war. An selbigem Tage ging der König Wladislaw heim zu seinen Ahnen (starb), seine Seele schied aus ihm in der Provinz Lithauen, weit von dem Lande der Ukraine; er verschied nämlich in der Nähe der großen Stadt und Residenz Wilno. Der König wußte bei feinem Verscheiden noch nichts von dem Kosakenaufstande, und auch umgekehrt hatten die Kosaken auch nicht seinen Tod erfahren. Und wir, das Volk und die Diener Jehova's, seine Heerde, die wir in der ganzen Provinz Lithauen umher verstreuet sind, wir weinten und trauerten um den König. Ehre fest nem Grabe. Noch aber wußten wir nicht von dem harten Geschicke, welches der Unerforschliche über uns verhängt hatte, als bereits alle Jsraelitengemeinden in der Ukraine den heimathlichen Heerd verließen, Vaterstädte und Vaterland im Stiche ließen und sich nur mit der geringen Habe zur dürft tigen Selbsterhaltung flüchteten. An der heiligen Feier des Wochenfestes (Pfingsten) mußten sie das mosaische Gesetz entweihen, denn sie waren genöthigt zu entfliehen und für ihr Leben einzustehen nach Kräften; zerstört war die Festfreude und die heilige Feier, die doch jeder Israelit begehen sollte. — Es flüchteten sich Viele nach Niemirow, der großen und berühmten Judenstadt, welche die vorzüglichste Judengenieinde hatte, ohne daß noch in der ganzen Gegend der Tod des Königs geahnt wurde, so daß sie noch immer zu Gott^ fleheten, daß er durch den König und sein großes Heer Hülfe senden möge. Als sie aber hierauf die Wahrheit erfuhren, da war ein herzzerreißendes Jammern und Klagen überall; Thränen in den Augen stimmten sie Klage: lieber und Trauerweisen an, denn sie sahen, daß das Unglück von Gott beschlossen sei. Bei der Todeskunde des Königs jubelten und frohlockten die Kosaken, aber das Volk der Polen erbebte und ein namenloser Schrecken erfaßte es. Es lagen wüste die öffentlichen Straßen und die Wege waren verödet (da Niemand mehr sicher war). Da kamen fünfzig Kosaken mit List und Verschlagenheit nach Niemirow herangezogen, ließen Trompeten und Posaunen laut in einer Weise erschallen, daß man glauben mußte, daß die Polen mit ihren Kriegern hoch zu Roß mit klingendem Spiele heranzögen, um so den Zweck zu erreichen, daß die Thore der Veste geöffnet werden und nicht bleiben verrammelt. Das Satanswerk gelang; die Kosaken konnten ihren Plan ausführen, die grausamen Thaten. Sechstausend Juden^ büßten in dieser Stadt ihr Leben ein; fromme, gelehrte Männer und Rabbiner; Greise und Hochbetagte, Jünglinge und Jungfrauen, Frauen und Kinder wurden niedergemetzelk, und unter den Gefallenen war der hochgelehrte und weitberühmte Rabbi Jechiöl Michel. Viele Hunderte wurden ertränkt. Viele durch die grausamsten Martern hingeopfert; in der Synagoge vor der heiligen Lade wurden die Vorsänger, die Aufseher und die Küster förmlich geschlachtet; die Jsraeliten brachten wieder, wie ehemals, blutige Opfer; ihrem Gotte sich weihend. Hierauf zerstörten sie die schöne Synagoge, die einem kleinen Prachttempel glich; die heiligen Gesetzrollen wurden entweder zerschnitten und von den Füßen der Barbaren und ihrer Rosse zerstampft, oder es wurden aus denselben Sandalen und Gewänder gemacht. Dieses ges fchah am Mittwoche, den 20. Siwän (Juni). Dieser Monat scheint ein alter Unglücksmonat für uns zu sein: denn im Jahre 4931 d. h. 1171 war eine große Judenverfolgung an demselben Tage desselben Monats. Die fromme Judengemeinde zu Niemirow war das erste große Opfer des Kosakenaufstandes; von da aus verbreitete sich der Kosakenhaufen in viele Pulks getheilt. Eine große Raubbande ging von da nach Tulczyn, wo ebenfalls eine große Judengemeinde und ein zahlreicher Adel war. Sie belagerte diese Veste acht