Sabbath-Blatt
- Journal
- Sabbath-Blatt
- Volume
- 1844
- Issue
- 5 (3.2.1844)
- Date
- 1844-02-03
- Page
- Seite 19 (sequence 3)
- Language
- German
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19 welche die gehässigsten Verfolgungen leicht gerechtfertigt werden können. Praktische Folgen denen zur Last legen, die sie abläugnen, heißt in der Kontroverse arglistig verfahren.— Von Seiten einer Regierung ist es Grausamkeit. Die Lehre von der Vorherbestimmung ist, nach der Ansicht Vieler, geeignet, ihre Bekenner böchst unsittlich zu machen. In der Thar kann es scheinen, daß ein Mensch, der sein Loos als von jeher unwiederruflich beschlossen glaubt, geneigt sein muß, allen seinen Leidenschaften die Zügel schießen zu lassen. Ist er ein Erbe des himmlischen Zornes, so werden alle seine Anstrengungen nichts fruchten, welche wieder überflüßig sind, sobald er ohne dies zum Leben bestimmt ist. — Ware es aber weise, einen Menschen zu bestrafen, der sich an die höhere Lehre des Calvinismus hält, als hatte er wirklich alle diejenigen Verbrechen begangen, welche, wie wir wissen, einige deutsche Anabaptisten begangen haben? Sicherlich nicht; die Thalsache ist notorisch diese, daß es viele Calvinisten giebt, die eben so moralisch in ihrer Aufführung sind, als irgend ein Armenier, und viele Armenier, die eben so verdorben sind, als irgend ein Calvinist. Es ist durchaus unmöglich, von den Meinungen, welche ein Mensch bekennet, auf seine Gefühle und seinen Handlungen zu schließen, und in der That war Niemand je so thöricht, auf diese Weise zu schließen, als etwa diejenigen, die Vorwände suchen, ihren Nächsten zu verfolgen. Dem Christen wurde, unter der höchsten Sanktion, anbesohlen, Andere so zu behandeln, wie er wünsche behandelt zu werden. Doch wie Vielen unter 20 Millionen, die auf diesen Inseln sich zur christlichen Religion bekennen, würde ein vernünftiger Mensch 1000 Pfund ohne Sicherheit borgen? Ein Mensch, der nur einen Tag so handeln würde, in der Voraussetzung, daß alle ihn umgebenden Menschen von den Grundsätzen der Religion, die sie bekennen, geleitet werden, würde, noch bevor der Abend eintritt, sich ruinirt finden, und Niemand im gewöhnlichen Lebens-Verkehr, im Borgen, Leihen, Kaufen oder Verkaufen handelt nach einer solchen Voraussetzung. Handelt es sich aber, einen unserer Mitmenschen zu unterdrücken, da ist der Fall ganz anders. Alsdann stellen wir jene Motive, von deren Schwäche wir in Bezug auf das Gute überzeugt sind, iu Bezug auf das Neble als allmächtig dar. Alsdann legen wir unfern Opfern alle jene Laster und Thorheiten zur Last, zu denen ihre Doktrinen, wenn auch noch so entfernt, hin zu neigen scheinen. Wir vergessen, daß eben diese Schwache, diese Lauheit, diese Neigung, das Gegenwärtige dem Zukünftigen vorzuziehen, welche die Menschen bei einer guten Religion schlimmer machen, sie bei einer schlechten auch wieder faktisch besser machen können. Auf gleiche Weise räsonnirten unsere Vorfahren, und räsonnirt man noch heutiges Tages in Betreff der Katholiken. Ein Pavist hält sich in seinem Gewissen verpflichtet, dem Pabste zu gehorchen. Der Pabst erließ eine Bulle Wider die Königin Elisabeth; folglich wird jeder Papist ihre Herrlichkeit als eine Ursupatur behandeln; folglich ist jeder Papist ein Verräther; folglich mußte jeder Papist gehängt, ertrankt und geviertheilt werden. Dieser Logik haben wir eines der gehäßigsten Gesetze zu verdanken, welche je unsere Geschichte schändeten. Die Antwort liegt wahrlich obendrauf. Die römische Kirche mag diesen Menschen befohlen haben, ihre Königin als einen Ursupator zu behandeln. Sie hat ihnen aber auch viele Dinge zu thun anbefohlen, die sie nie thaten. Sie prägt den Priestern ein, die strengste Keuschheit zu beobachten, und ihr habt ohne Unterlaß über ihre Ausschweifungen zu schmähen. Sie besiehlt allen ihren Gläubigen, oft zu fasten, mildthätig gegen Arme zu sein, keine Zinsen zu nehmen, keine Duelle zu fechlen, keine Schauspiele zu besuchen. Gehorchen sie allen diesen Vorschriften? Wenn es Thatsache ist, daß sehr wenige unter ihnen ihre Vorschriften genau befolgen, sobald diese Vorschriften in Widerspruche mit ihren Leidenschaften und Jntressen gerathen, kann nicht auf Unterthanstreue, kann nicht Menschlichkeit, kann nicht Liebe zur Bequemlichkeit, kann nicht Furcht vor dem Tode hinreichend sein, sie von der Ausführung jener lasterhaften Befehle abzuhalten, welche wider die Souverainen von England erlassen worden? Wenn wir wissen, daß Viele von diesen Leuten sich nicht genug um ihre Religion kümmern, um sich am Freitage ohne Rindfleisch zu behelfen, warum sollen wir denken, daß sie um ihretwillen Gefahr laufen werden, gerädert oder gehängt zu werden? So wie unsere Vorfahren in Betreff der Papisten räsonnirten, so raisonnirr man jetzt in Betreff der Juden. Die Gesetze, welche an den Mauern der Synagoge angeschrieben sind, verbieten zu gelüsten. Wenn wir jedoch er- . zählten, ein Jude wolle eine verpfändete Realität nicht für verfallen erklären lassen, weil Gott ihm verboten habe, seines Nachbars Haus zu gelüsten, so würde uns Jedermann für verrückt halten. Man hält es ferner für einen guten jGrund, wenn man sagt, den Juden gehe das Wohl des Landes, worin er lebt, uicht an, ihm kümmre es nicht, wie schlecht dessen Gesetze und Politik sein mögen — wie schwer die Steuern auf demselben lasten — wie oft es erobert und geplündert werden mag — weil Gott verkündet habe, daß die Juden durch irgend ein unbekanntes Mittlel und zu einer unbestimmten Zeit, vielleicht von jetzt in Tausend Jahren, nach Palästina wandern. Zeugt dieses nicht von der Liefsten Unbekanntschaft mit der menschlichen Natur? Wissen wir denn nicht, daß das Entfernte, das Unbekannte, den Menschen weit weniger rührt, als das was ihm nahe und sicher liegt? Außerdem läßt sich dieses Argument eben so wirksam auf Christen als auf Juden anwenden. Die Christen glauben so wie Juden, daß zu irgend einem zukünftigen Zeitpunkte die gegenwärdige Ordnung der Dinge ihr Ende; erreichen wird. Noch mehr, die Christen glauben sogar, der Mesias werde bald sein Königreich auf Erden gründen und sichtbarlich über alle seine Bewohner regieren. Ob diese Lehre orthodox ist oder nicht, wollen wir hier nicht untersuchen. Genug die Zahl derjenigen, welche sich dazu bekenneu, ist weit größer, als die Zahl der Juden, welche England bewohnen. Viele derselben sind ausgezeichnet durch Rang, Vermögen und Talente. Sie wird von der Kanzel,