Sabbath-Blatt
- Journal
- Sabbath-Blatt
- Volume
- 1844
- Issue
- 2 (13.1.1844)
- Date
- 1844-01-13
- Page
- Seite 8 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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die Menschen ein Recht zu dem Zwecke haben, so haben sie auch ein Recht dazu — daß die Mittel dergestallt beschaffen sein sollen, daß der Zweck erreicht werde. — Aus dem Grunde, weil man nicht gewohnt ist, zu überlegen, zu welchem Zwecke die Regierung bestimmt ist, hat man es zugelassen, daß die bürgerliche Unfähigkeit der Katholiken und der Juden so lange existirte. Man spricht von wesentlich protestantischen, von wesentlich christlichen Regierungen — Worte welche ebensoviel bedeuten, als wesentlich protestantische Koch- oder wesentlich christliche Reitkunst. Die Regierung wurde eingesetzt, um die öffentliche Ruhe aufrecht zu halten — um uns zu zwingen, unsere Streitigweiten durch Urtheilssprüche und nicht durch Faustschläge zu schlichten — um uns zu zwingen, unfern Bedürfnissen durch Industrie und nicht durch Raub zu befriedigen. Dieses ist die einzige Operation, für welche die Regierungs-Maschine paßt, und die einzige, welche zu vollziehen eine weise Regierung sich bestrebt. Wenn es irgend eine Volksklasse giebt, welche bei der Sicherheit des Eigenthums und Aufrechthaltung der Ordnung nicht intressirt ist, oder dabei nicht intressirt zu sein glaubt, so dürfte diese Klasse keinen Theil an der Gewalt haben, welche da ist, um das Eigenlhum zu sichern, und die Ordnung aufrecht zu erhalten. Warum aber ein Mensch nicht geeignet sein soll, diese Gewalt auszuüben, weil er einen Bart trägt, weil er keinen Schinken ist, weil er am Samstage die Synagoge besucht, statt am Sonntage zur Kirche zu wandern, das können wir nicht begreifen. Die Verschiedenheit der Glaubenslehre beim Christen- und beim Judenthume kommt sehr wohl in Betracht, wo es sich darum handelt, über die Fähigkeit eines Mannes, ein Bischof oder Rabbi zu sein, zu entscheiden. Sie hat aber gar keinen Einfluß, wo es darauf ankommt, über seine Fähigkeit zu urtheilen, ein Richter, ein Gesetzgeber oder ein Finanzminister zu werden, eben so wenig, als über seine Fähigkeit zum Schubflicker. Niemand hat noch daran gedacht, seinen Schuhflicker zu zwingen, sein christliches Glaubensbekenntniß abzulegen. Ein jeder wird lieber seine Schuhe von einem ketzerischen Schuster ausbessern lassen, als durch eine Person, die alle 39 Artikel unterschrieben, aber nie mit einer Ahle einzugehen weiß. Die Leute handeln so, nicht weil sie gegen die Religion gleichgültig sind, sondern weil sie nicht einsehen können, wie die Religion zum Schuhflicken kommt. Die Religion kommt aber ebenso zum Schuhflicken als zum Budget, als zum Armen- List. Wir haben wahrhaftig wahrend der letzten 20 Jahre auffallende Beweise gehabt, daß ein sehr guter Christ ein sehr schlechter Kanzler der Schatzkammer sein kann. — Es wäre aber, sagen die Verfolger, schändlich, daß ein Jude für eine christliche Gesellschaft Gesetze machen soll. Dieses ist eine handgreifliche Verdrehung. Was man vorschlägt ist nicht, daß Juden für die christliche Gesellschaft Gesetze machen sollen, sondern daß eine Legislatur, zusammengesetzt aus Christen und Juden, für eine Gesellschaft Gesetze machen soll, die aus Christen und Juden zusammen, gesetzt ist. Ueber Tausend Fragen, welche die Finanzen, Polizei, bürgerliche und peinliche Gesetze und auswärtige Politik betreffen, hat der Jude, als Jude, bei 999 keine Intresse, welches dem der Christen feindlich wäre, ja nicht einmal dem der Geistlichen. Bei Gegenständen, die auf geistliche Etablissements Bezug haben, mag der Jude mit dem Geistlichen mehr differiren, als der Katholik und der Geistliche oder der Independent und der Geistliche. Der Grundsatz, daß die Geistlichkeit allein die Staatsgewalt mor nopolisiren sollte, hätte wenigstens eine verständliche Bedeutung, der Grundsatz daß die Christen sie mvnopolisiren sollen, hat ganz und gar keine Bedeutung. Denn es kann möglicherweise keine Frage, mit welcher die geistliche Jnstitution des Landes in Berührung stehet, vor das Parlament kommen, in Rücksicht welcher nicht eben so viele Meinungs-Verschiedenheit zwischen Christen herrschen wird, als eine solche zwischen Juden und Christen statt finden kann. (Fortsetzung folgt.) Mancherlei zum Denken. Der berühmte Fox stand einmal mit einem seiner Freunde vor einer Karte von England. Der Letztere machte die Bemerkung: wie klein ist dieses Land, im Verhältnisse zur Welt, die der Engländer mit seinen Wünschen und Plänen umfasset. Fox antwortete, und verrieth dadurch die ganzen Gedanken seines Vaterlandes: Dies hier ist nur unser Absteige-Quartier, aber die Welt, mein Freund, die Welt, das ist das eigentliche England. — Mit welch' größerm Rechte darfst du nun, Gläubiger! sagen: die kleine Erde unter den großen Welten, sie ist nur unser Absteige- Quartier, die Ewigkeit aber ist unsere Wohnung, jene die Vorhalle, diese der Palast des Lebens. Der englische Philosoph Newton war, wie erzählt wird, sehr zerstreut. Ein Freund, von ihm zu Tische eingeladen, fand ihn selbst noch nicht im Eßzimmer. Da er indeß zu hungrig war, um lange zu warten, so deckte er ein Huhn auf, verzehrte es und deckte die Knochen wieder zu. Newton kam herein, nahm den Teller vor, und da er die Knochen-Ueberreste sah, sagte er: Ich glaubte noch nicht gegessen zu haben und doch muß es, aus diesen Knochen zu schließen, also sein. Wie dem Newton in äußerlicher Hinsicht, so gehet es gar manchem Philosophen in geistiger; er glaubt, der guten Speisen voll zu sein, und doch — das Huhn hat er noch keineswegs gegessen. Verantwortlicher Verleger C. L. Fritzsche in Leipzig. Druck von I. H. Nagel in Leipzig.