Sabbath-Blatt
- Journal
- Sabbath-Blatt
- Volume
- 1843
- Issue
- 51 (23.12.1843)
- Date
- 1843-12-23
- Page
- Seite 204 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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204 Gange der Natur bei ihrer stnfenweisen Entwicklung genau entsprechend — war angegeben worden, und noch mit der beigefügten ausdrücklichen Bemerkung: daß die Bäume und Krauter vor der Erschaffung des Menschen nicht existirten, weil keiner da war das Erdreich zu bebauen, blos um zu zeigen, baß der Mensch von der Natur zum Landbaue und zu der damit verknüpften einfachen, schlichten Lebensweise bestimmt sei, keineswegs aber zu einem erkünstelten Leben in jenen Treibhäusern des Lasters der Krankheiten und des Menschenelends, in den zu damaliger Zeit so ausgedehnt großen und von unzähligen Menschenmassen überfüllten Städten 9); daß demnach der Landmann, als ein ehrenwerthes und nützliches Glied der Gesellschaft, Achtung und Liebe verdiene, daß überhaupt alle Menschen zu einem und demselben Geschlechte gehören, und die Eintheilung in Kasten und Menschenracen, als narurwidrig, verwerflich sei. So nennt auch Adam sein Weib Eva (eigentlich Chava vom Stammworte chaj: lebendig) weil sie, wie die Mythe ausdrücklich sagt, die Mutter alles Lebendigen (des gesammten Menschengeschlechtes) war. So entspringen, zu eben dem Zwecke der Belehrung, wiewohl nicht in der Wirklichkeit, die vier bedeutendsten Ströme der uralten damals bewohnten Welt aus dem Hauplstrome Edens, ebenfalls blos um darauf hinzuweisen, daß alle Völkerschaften, welche an diesen Strömen ihre Wohnsitze hatten, wenngleich verschieden an Farbe, Gestalt und Sprache, aus eben denselben Urahnen im Eden stammend, sich nur nach und nach, bei der Vermehrung des Geschlechtes, längs der Ufer dieser Ströme weiter verbreiteten.^) So laßt auch unsere Mythe — in einer andern Absicht der Belehrung und zur Rüge der schändlichen, im Altertbum so gewöhnlichen Sünde wider die Würde der Menschheit — alle Tbiere, der Reihe nach, dem einzelnen Manne verführen, ihn aber unter keiner Gattung derselben die seiner würdige Genossin finden, bis ihm die Gottheit endlich eine nach seinem Ebenbilde, und gleichsam aus seiner eigenen Rippe geformt, vorgestellt, dann erst sagt er befriedigt: ״Diese ist nun Gebein von meinen Geb einen und Fleisch von meinem Fleische, diese soll Männin heißen, weil sie von einem Manne ge- 9) Darauf bezieht sich auch die Geschichte von der Erbauung des babylonischen Lhurmes mitten in einer großen Stadt, als ein der Gottheit überaus mißfälliges Unternehmen. 10) Bei den ersten Auswanderungen, wo man mit dem Erdboden noch sehr wenig bekannt war, dienten, natürlicher Weise, die Ströme und Flüsse als Wegweiser, von denen, als den Behaltern des so unentbehrlichen Elements, man sich auch nicht gern weit entfernte. nom men ist."^) Dabei noch die ausdrückliche Anwendung hievon auf das praktische Leben und den Ehestand: ,^Daher soll der Mann Vater und Mutter verlassen, sich mit seinem Weibe verbinden" u. s. w. So und auf ähnliche Art benutzten auch die Weisen des Alterthums jedes schreckliche Naturereigniß ihrer Vorzeit, wodurch ein bedeutender Theil des Menschengeschlechtes gelitten, zu ihrer wohlthätigen Absicht der Belehrung und Warnung, und stellten es als Strafgericht Gottes über die lasterhafte Menschheit dar; dahin gehören die Geschichte der Sündfluth, die von dem Untergange Sodom's und andere dergl. Nach dem Vorausgeschicklen sei es mir nun vergönnt, die Deutung der Mythe, meiner Ansicht gemäß, im Zusammenhange vorzutragen. Nur muß ich noch den geneigten Leser sich wohl zu erinnern bitten, daß jede allegorische Rede, um so mehr eine Mythe aus der Urzeit einen doppelten Sinn habe, einen, so zu sagen, äußern und einen innern. Ecsterer trägt meistens das Gepräge des Wunderbaren und Uebernatürlichen, wie hier der Umgang göttlicher Wesen mit Menschenkindern; Bäume von so übernatürlicher Wunderkraft; ein stummes, vernunftloses Thier, das einst Sprache und Vernunft soll besessen haben; schreckliche Flüche aus dem Munde der Gottheit, welche selbst die leblose Matetie treffen; geflügelte Greife; ein gleichsam belebtes, sich selbst umwälzendes Schwert u. s. w.; letzterer hingegen bezeichnet den natürlichen Gang der Natur und ihrer Erscheinungen. Unsere Mythe will uns also auch die natürliche Ursache und den Verfolg der allmäligen Ausartung und Enlnervung des Menschengeschlechtes bildlich vor Augen führen, und auf das alleinige Rettungsmittel, die ächte, wahre Panacee für seine Noch aufmerksam machen, welche ihm zu seiner uranfänglichen Kraft und Glückseligkeit zwar wieder verhelfen könnte, deren Anwendung jedoch mit solchen fast unüberwindlichen Hindernissen verknüpft ist, daß nur Einzelne Much und Beharrlichkeit genug besitzen, um davon Gebrauch zu machen. 11) Vergleiche die Stelle im Tratk. IebamoL, Fol. 63. מלמד שבא אדם על כל בהמה וחיה ולא נתקררה דעתו עד שבא על חוה welche, dem ersten Anblicke nach so grell lautet, in Zusammenstellung mit obiger Betrachtung aber diese unteystüht, insofern sie andeuten will, daß die Mythe durch diese sonderbare Erzählung von der Schöpfung des Weibes, blos die Widernatürlichkeit und Verkehrtheit des zu jener Zeit herrschenden Lasters und die Naturgemäßheit des Ehestandes auf eine bildliche Weise veranschaulichen wollte. (Fortsetzung folgt.) Verantwortlicher Verleger C. L. Fritzsche in Leipzig. Druck von I. H. Nagel in Leipzig.