Mannheim
Compact Memory

Sabbath-Blatt · 1843-12-16 · 50 (16.12.1843) · p. Seite 200

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Sabbath-Blatt
Volume
1843
Issue
50 (16.12.1843)
Date
1843-12-16
Page
Seite 200 (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
92% known words query
IRI
…/8620046-8635247-8637374--396-8620361
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

200 welchem Zwecke läßt ihn die Mythe wohl erschaffen? Und warum werden endlich zu deffen Bewachung so viele Anstalten getroffen, und er nicht vielmehr ganz vernichtet und aus dem Wege geräumt, nachdem das unerbittliche Verhängniß dem Menschen einmal den Stab gebrochen, und ihm nimmer gestattet sein sollte, sich aus den Krallen des Todes, dessen Beute er nun geworden, durch den Zauber der heilsamen-Lebensftucht zu befreien? 7. Eßbare Krauter waren dem Menschen im Segen zur Nahrung angewiesen worden, und im Fluche heißt es wieder: ״Und du sollst das Kraut des Feldes effen"; wie sollen wir dies erklären? Sollen wir darunter hier das ungenießbare Unkraut verstehen, das ihm, nach seinem Sündenfalle, zur Nahrung bestimmt worden; so ist es doch überaus selten, und nur in Fallen des äußersten Mangels, daß der Mensch sich gezwungen sieht, seinen Hunger damit zu stillen, und wie kann dies als ein Fluch für das gesammle Geschlecht oder wenigstens einen großen Theil des« selben angesehen werden? 8. Können wir unmöglich begreifen, wie die Schrift hier das Unkraut (קוץ ודרדר) für ein spateres, erst nach der Vergehung des Menschen entstandenes Erdcrzeugniß ausgeben will; da doch nach der Erzählung eben derselben Schrift, die Schöpfung mit allen ihren Einzelheiten, noch vor dem Falle des Menschen in ihrer ganzen Vollendung dagestanden? 9. Streitet der buchstäbliche Sinn von *?ועפר תאב in dem über die Schlange ausgesprochenen Fluche wider die Erfahrung der Naturforscher. Allein diese Hauptschwierigkeiten und noch viele andere heben sich durch meine Auslegung von selbst, und sind demnach nur eben so viel Gründe zur Unterstützung und Begründung meiner Ansicht. Nur vorerst noch die Desinition und nähere Erlärung der hebräischen Ausdrücke: ,נחש ערום, חית י השרה, נחמד למראה, טוב למאכל, תאור. לעינים, .נחמד להשכיל, טוב, רע, דעת טוב ורע נחש (Schlange) ist hier — wie schon die Alten angenommen — das Sinnbild der Lüsternheit (שר הרע), der schleichenden List und Heimtücke. Der, nach der Versicherung mehrer Landleute, manchen Arten dieser Amphibien eigenthümliche Hang, den Saugethieren nachzustellen, ihnen die Milch auf e,ine genäschige und listige Weise — indem sie sich um einen der Hinterfüße des Thieres winden — auszusaugen, und sie dann oft zu verwunden, mag vielleicht Anlaß zu dieser Personifikation gegeben haben; iHem auch die aufgeregte lüsterne Begierde, alle mögliche List anwendet, um zu ihrem Ziele zu gelangen, das Herz aber, welches sie oft beschleicht und in dem sie ihre Befriedigung findet, sehr oft entnervt und verwundet 2). 2) Vergl. die treffende Bemerkung derRabbmen: הוא שר הרע ,הוא שטן ,הוא מלאן־ המות. Unter dem Bilde (3חית השדה)) die Thiere des Feldes, (welche — nach der Mythe — von der Schlange an List und Tücke sollen übertroffen worden sein) werden alle anderen natürlichen Triebe und Leidenschaften vorgestellt, welche zwar wie die wilden Kinder des Feldes heftiger Natur sind, sich jedoch, da ihnen Ueberlegung und klügelnde List mangelt, leicht und schnell befriedigen lassen und bald vorübertoben; dahingegen die Lüsternheit, welcher die erfinderische Lust zu Gebote steht, nach immer neuen Genüssen trachtet, und sich auch durch Nichts irre machen läßt, bis sie zu ihrem Ziele gelangt, Daher wirken auch keine der übrigen Leidenschaften so zerstörend auf die animalische Natur ein; sie werden doch bei Thieren und Naturmenschen in weit starkerm Grade angetroffen, unbeschadet ihrer unverwüstlichen Gesundheit. Die Lüsternheit allein mit ihren Kinderleidenschaften, namentlich ihrer Nimmersatten Tochter Unmäßigkeil, ist es, welche die Grundpfeiler der ursprünglich festen Menschennatür allmalig untergrabt, und diese auf eine immer niedrigere Stufe stellt. ערום heißt: listig, auch tückisch. נחמד למראה (lieblich zum Ansehen) ist, was den Ge» si'chtssinn anzieht, ihm schmeichelt, aber nur so lange der Gegenstand mit dem äußeren Sinne in Berührung steht. Eben diese Bewandniß hat es mit טוב למאכל (gut zum Essen) in Beziehung auf den Geschmackssinn. תאוה לעינים bedeutet zwar dasselbe, was נחמד למראה; doch in einem weit starkem Grade (eine Wollust für die Augen); und נחמד להשכיל (reizend für die Phantasie) ist das Attribut eines Gegenstandes, der, einmal genossen, auch in seiner Ab- Wesenheit den innern Sinn anregt, und die Phantasie in- Thatigkeit setzt, um den Genuß zu erneuern, auch wohl zu steigern und zu raffiniren. טוב ist ursprünglich uÄd eigentlich Alles, was den Sinnen zusagt, sollte es auch für die Zukunft, von unheilsamen Folgen begleitet sein (angenehm, schön, süß u. s. w.) Das Entgegengesetzte von טוב ist דע (unangenehm, häßlich, niedrig u. dergleichen). Hier werden diese Wörter in ihrem eigentlichen Sinne gebraucht. דעת טוב ודע (die Erkenntniß des Angenehmen und Widrigen) ist demnach die rasfi'nirte Sinnlichkeit^) Diese mangelte dem Naturmenschen, weil erst die Lüsternheit, durch ihren Impuls und ihre beständigen Reizungen das Maschinenwerk seiner Phantasie in Gang gebracht und in Thätigkeit erhielt. 3) חיה ist auch synonym mit נפש (thierische Seele, Lebenskraft), und beide bedeuten wieder ihre einzelnen Aeußerungen in Naturtriebe und Leidenschaften, in so fern hier, die Lebenskraft um so stärker hervortritt, als: 2 עזי נפש>ef. 36,; 11. וחית כפירים תמלא Job. 38, 39. 4) Ganz diesselbe Phrase findet sich in 2. Sam. 19, 36, wo auf das Allerdeutlichste von keinem moralischen Gute oder Nebel die Rede ist, sondern von erhöheten Sinnengenüssen, wie sie an einem orientalischen Königshofe getrieben werden. (Fortsetzung folgt.) Verantwortlicher Verleger <5. L. Fritzsche in Leipzig. Druck von I. H. Nagel in Leipzig.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.