Sabbath-Blatt
- Journal
- Sabbath-Blatt
- Volume
- 1843
- Issue
- 29 (22.7.1843)
- Date
- 1843-07-22
- Page
- Seite 116 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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116 entschuldigte, daß er ein Gelehrter sei, folglich nicht lesen und schreiben könne, sie hatte, auch ganz im Allgemeinen verstanden, nicht etwas so gar Ungereimtes gesagt; denn — es gjebt in der That manche Gelehrte, die nicht lesen und nicht schreiben, noch weniger aber sprechen können. Ich meine diese Behauptung keineswegs in einem besonders hohen und extravaganten, sondern meist schlichtesten und einfachsten Sinne. Was zu den gewöhnlichsten Klagen und Uebeln beim Unterrichte gehört, daß man zu rasch und ehe sie vollkommen gefaßt sind, über die Elemente hinausgehet — dies findet auch bei jenen Gegenständen statt. Wir lernen sie, wiewohl wir mit ihnen anfangen, dennoch meistentheils nicht aus, und vernachlässigen über all unser gelehrtes Wissen, über jene Menge geistigen Brodes, das wir, ohne es gut zu verdauen, hastig und im Schweiße unseres Angesichtes genießen, wir vernachlässigen hierüber die nochwendigsten Elemente und Hebel des menschlich-geselligen Lebens, nämlich: Lesen, Schreiben und Sprechen. Ich habe zuerst bemerkt, daß ich diese Behauptung in einem schlichten Sinne meine, doch dürfte man nicht zu weit, nicht über den eigentlichen Zweck dieser Kenntnisse und Fertigkeiten hinausgehen, wenn man unter Lesen den richtigen Ausdruck eines geschriebenen Satzes, unter Schreiden die Fähigkeit, Gedanken auszuschreiben und unter Sprechen die Kunst verstehet, sich über den Gegenstand, den man zur Sprache bringen will, verständig und angemessen auszudrücken. Um uns nun dessen bewußt zu werden, wie es um alle diese Dinge stehe, fangen wir mit dem Lesen an. Wir haben alle spätestens im 6. Jahre lesen gelernt. Man sollte glauben, daß von da ab, ein Zeitraum von 12 bis 18 Jahren hinreichend sei, um es in dieser Kunst zur Meisterschaft zu bringen« Und dennoch, wie Viele sind in ihrem 18. oder 24 Jahre im Stande, eine ganz einfache Erzählung, ich will gar nicht sagen, einen gedankenschweren Aufsatz, ein tiefempfundenes Gedicht, nein! eine einfache, mit Geist und Gefühl geschriebene Erzählung, und auch viel weniger als das, angenehm und richtig vorzulesen? Es fehlt meist nicht nur an Uebung des Organs, an der nöthigen Modulation der Summe, sondern auch an der Fähigkeit, einen Satz nach seinem Zusammenhänge mit dem Früher», nach seiner Hinleitung auf das Folgende, mit einem Auge zu überschauen und, richtig interpunktirend, wohlgemessen, natürlich und ohne Ziererei vorzutcagen. Es ist ordentlich ein Ruhm, wenn man von Jemanden sagt, er lese gut und es erscheint als ein Wunder, daß wir in zwei oder drei Jahrzehnden über das Vuchstabicen hinausgekommen seien. Ist es mit dem Schreiben vielleicht besser? Wir können hier sogleich nach dem höchsten Maaßstabe für Beantwortung dieser Frage greifen, indem wir uns an die Leistungen unserer Literatur erinnern. Unter so vielen tausend Büchern, die fort und fort geschrieben werden, wie viele eigentlich gut geschriebene giebt es? Von der geschmacklosen, gespreizten und widerwärtigen Weise, in welcher eigentlich wissenschaftliche Dinge ab ge handelt werden, darf hier gar nicht die Rede sein, denn selbst in der ästhetischen Literatur, wo es doch namentlich darauf ankommt, Gedankenfülle in angenehmer Form darzubieten, wie wenig Schriften giebt es hier, die in ihrer Schreibart einem gediegenen Geschmücke entsprechen, wie wenige, die im Stande sind, den Gedanken in seiner einfachsten und dann ergreifendsten Gestalt, gleichsam in dem Urlaute seiner geistigen Harmonie, durch Worte wiederzugeben, ohne sich an ihm durch Breite, Schwulst oder trockene Schwerfälligkeit zu versündigen? Auf Erscheinungen des gewöhnlichen Lebens dürfen wir nun gar nicht erst zurückgehen. Ein junger Mann, der Jahre lang unterrichtet ist, kommt nicht selten in Verlegenheit, wenn er eine einfache Zeitungs-Anzeige schreiben soll, und man kann hier allerdings die Bemerkung machen, daß gebildete Frauen und Geschastsmänner sich mitunter in den ihnen geläufigem Gegenständen des täglichen Verkehrs treffender, schriftlich auszudrücken wissen, als Gelehrte, die in der That das, in jener Anekdote bezeichnete Vorrecht zu haben scheinen, nicht lesen und nicht schreiben zu können. Und diese beiden Uebel gründen sich auf ein Drittes und Viertes, nämlich darauf, daß wir nicht genug sprechen und somit nicht klar und selbstständig denken lernen. Sprechen und Denken stehen mit einander in der vollkommensten Wechselwirkung. Wer nicht klar denkt, der wird offenbar verworren sprechen, und wer nicht sprechen gelernt hat, dem fehlt das Organ, die Vermittlung für den Gedanken, und ihn recht zu Tage zu fördern, wird in solchem Falle eine sauere Mühe, wenn nicht unmöglich werden. Nicht nur um Andern, sondern auch um uns selbst klar zu werden, fassen wir, wenn gleich ohne laut zu sprechen, den Gedanken in die bestimmte Form von Worten, wir denken in irgend einer, in dieser oder jener Sprache. (Schluß folgt.) Lese-Zimmer. 9. Dr. Eduard Kley: Die erste Morgengabe zur Lehre und Bildung. Gesammelt mit besonderer Rücksicht für die israelit. Schule. Hamburg und Leipzig, 1843. 8. W. Lewysohn. 10. Die Einweihung des israelitischen Waisenhauses Wilhelmspflege zu Eßlingen (30. Oct. 1842). Eßlingen, 1842. 8. L. Harburger. 11. Jsr. Deutsch (R. zu Beuthen) u. Dav. Deutsch (R. zu Mislowih): Rücksprache mir allen Gläubigen des rabbinischen Judentums über die jüngst erschienene Brochüre, betitelt: Ansprache an meine Gemeinde v. Dr. Abr. Geiger, Breslau 1842. (Mit einem Motto). Breslau, 1843. 8. Hirsch Sulzbach. 12. I. M. Z a p h e t: Worte der Wahrheit, oder der Talmud u. seine Feinde. Eine Erwiederung auf das von dem Rechtskandidaten F. Eisenberg unter dem Titel: Dr. Frankel, der Talmud und die Israeliten, in die Rheinische Zeitung vom 8. Jan. d. I. eingerückte Inserat. Cassel, 1843. 8. M. S. Meßner. Berantwortlicher Verleger C. L. Fritzsche in Leipzig. Druck von 2. H. Nagel in Leipzig.