Sabbath-Blatt
- Journal
- Sabbath-Blatt
- Volume
- 1842
- Issue
- 24 (10.12.1842)
- Date
- 1842-12-10
- Page
- Seite 98 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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98 der That, wenn das Geistige, wenn irgend eine Idee in dem Menschen so vorherrscht, sein Gemüth (denn mit diesem ist das Wort Muth verwandt) so erfüllt, daß sie über Schmerz, über Gefahr, ja über die Liebe zum äußern Leben, wenn sie mit diesem in Streit kommt, siegen muß, dann hat er Muth. Der ^Murh ist also, wenn er auch mitunter durch äußere, körperliche Kräfte seinem Ziele glücklicher entgegengeführt wird, doch seinem Wesen nach geistiger und edler, oder wie die Schrift sagt, göttlicher Natur, also von äußerer Kraft nicht abhängig. Auch der Stärkste, wo er einer schlechten Sache drenen will, zvird sich feige betragen, wenn er auf seine physische Übermacht nicht mehr rechnen kann. Dagegen ist jedes Volk und jeder Einzelne muthig, wenn sie von einer Idee durchdrungen werden, die sie über das äußere Leben stellt. Wie Jeder göttlich geboren ist, so hat jeder auch ursprünglich an sich den göttlichen Geist des Muthes; es giebt Keinen feige gebornen. Es ist also eine Versündigung nicht nur gegen die Zeugnisse der Geschichte, sondern auch gegen jede vernünftige Ansicht von der Natur des Menschen, wenn man hier und da die Israeliten als feige verschrie. Wie man es ihnen zum Vorwurf machte, daß sie den Handel treiben, nachdem man sie dazu gezwungen, nachdem man sie Jahrhunderte hindurch ver« hindert hatte, Handwerke oder den Ackerbau zu treiden, der in Palästina die Beschäftigung ihrer Väter war, — also machte man ihnen auch den Vorwurf der Feigheit, und während man ihnen, durch Zurück- Haltung vom Kriegsdienste, keine Gelegenheit ließ, den Muth zu zeigen, den sie dann auch, sobald diese Gelegenheit sich darbot, glanzend und im Geiste wahrer Vaterlandsliebe bewahrten. Der Muth findet aber noch eine vielseitige andere Anwendung, als in den Heldenrhaten der Schlacht. Wo sich die innere Festigkeit und Kraft kämpfend und siegend bewährt, da ist wahrer Muth. Muth z. B. zeigten jene Märtyrer, die das Leben verachteten, indem sie dem Glauben treu blieben. Und wenn das Israelitische Volk später sich manche Bedrückungen und Entbehrungen gefallen ließ, manche Vortheile aufgab, um dieselbe Treue zu üben, so hat dasselbe auch Muth gezeigt, den Muth der Entbehrung, den״ Muth des Kummers, wo der Abfall von der eignen Überzeugung den Kummer und die Entbehrung in Annehmlichkeit und Vorthei! verwandelt hätte. Za, der Muth ist das Vorherrschende des Geiftigen in uns, des ursprünglich Göttlichen über das Irdische, der Sieg der Idee über das äußere, körperliche Leben. In dem Muthe liegt die Ahnung unserer Ewigkeit, denn es die wahrhaft freie Wahl zwischen dem, was dem Geist bleibet und dem, was der Erde anheimfallen wird. Wenn die Ehre und das Leben mit einander in Widerspruch gerathen, so wählen wir die Ehre und Tod. Und jenen hohen Muth des Märtyrers und des Helden schöpfte der Israelit ans seiner festen und lichten religiösen Erkenntniß, jenen »Geist Gottes" gewann er im Aufblick zu Ihm. Denn wie die alte, Fabel von einem Riesengeschlechte, den Söhnen der Erde erzählt, die nur in die Luft emporgehoben, besiegt werden konnten, weil, so wie sie die Erde, ihre Mutter, berührten, neue Kraft in sie kam, also gewinnet gegentheils der Mensch, der Gottessohn, neue Kraft, wenn er sich zu seinem Ursprünge, zum Himmel, zu Gott emporhebet. 8—z. Lesefrüchte. IMeüa, 4. NovZ (Schles. Z.) Die russ. Regierung hat dem Dr. Lilienthal, der seit 3 Jahren als Rabbiner in Riga angestellt ist, dm Auftrag gegeben, die 16 Gouvernements, in denen Juden wohnen, zu bereisen und Liese auf gewisse Reformen vorzubereiten, zugleich aber auch die Gemüther zu beschwichtigen, da Liese Reformen der Ausübung ihres Gottesdienstes in Len bisherigen Formen nicht den geringsten Abbruch thun werden; dann soll er auch der Regierung einen Plan zu zweckmäßiger Errichtung jüdischer Schulen in allen Gemeinden vorlegen. Herr Lilienthal ist aus München gebürtig, ungefähr 28 Jahr alt, Doktor der Philosophie, überhaupt ein vielseitig gebildeter Mann; die Wichtigkeit seiner Sendung anerkennend, ist er von dem regsten Eifer beseelt. Er wird überall von den Juden mit dem größten Enthusiasmus ausgenommen, was namentlich in VerLitschew, wo über 15,000 Juden wohnen, der Fall war. Schon vor 7 Jahren berichteten die Zeitungen, daß in Uman, im Kiewschen Gouvernement, eine jüdische Schule errichtet werden solle, der Plan kam jedoch nicht zur Ausführung; jetzt aber scheint die Regierung ernste Maßregeln ergreifen zu wollen, die Juden, die unter dem russ. Seeptsr leben (ihre Anzahl beläuft sich nach den neuesten Zählungen auf 3,180,000), ihrer intellektuellen und moralischen Erniedrigung zu entreißen und ihre soziale und bürgerliche Emanzipation vorzubereiten. Druck und Verlag von Neumann-Hartmann in Elbing.