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Boletín informativo de la Sociedad Cultural Israelita B'ne Jisroel · 1968-06-01 · 6 (Junio, 1968) · p. [Seite]

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Journal
Boletín informativo de la Sociedad Cultural Israelita B'ne Jisroel
Volume
XXX (1968)
Issue
6 (Junio, 1968)
Date
1968-06-01
Page
[Seite] (sequence 15)
Language
German
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JUNIO 1968 BOLETIN INFORMATIVO 15 Kennedy: eine Amerikanische Tragoedie? MONATSSPIEGEL "Die ersten Gedanken galten dem Menschen. Jung, jugendlich, intelligent, faehig, anstaendig, sauber, gerecht, sympathisch, modern, aktiv, beliebt... Man muss innehalten, mutet doch eine jede solche Anhaeufung von Adjektiven uebertrieben an. Und doch widersteht nicht nur jedes einzelne und alle zusammen jeder kritischen Untersuchung, sondern sie druecken weder die Nuancen, den wahren Grad seiner vortrefflichen Eigenschaften adaequat aus, noch erklaeren sie deren wunderbare Synthese. Der Mann auf der Hoehe seiner Laufbahn, der vortreffliche Gatte, der liebevolle Vater, tausendfach gekanntes Bild fuer Millionen —und fuer wie viele Vor- Bild?— war gefallen...". Da es ehedem keine Worte gibt, um die Tiefe dieser menschlichen Tragoedie zu ermessen, so tun es auch die aus dem gleichen Gefuehl der Unzulaenglichkeit geborenen, 1963 geschriebenen und oben wiedergegeberien. Und die Gespraeche ueber die Kennedy-Ermordung werden mit der Frage beginnen muessen: welcher Kennedy? Denn sonst koennte vieles gesagt werden, was auf beide zutrifft: auf John Fitzgerald Kennedy, den Praesidenten, und auf Robert Francis Kennedy, seinen Mitarbeiter und politischen Erben. VERSCHWOERUNG? In der Sphaere staatsmaennischen Denkens und Handelns nicht nur vieles, sondern alles: die Kennedy- Kjonstellation symbolisierte eine ganz klar definierte politische Richtung in USA. Sie standen an der Spitze einer erneuernden Bewegung, die den Weg zum Frieden, zum sozialen Ausgleich, zu den Rechten der Minderheiten, zur internationalen Solidaritaet mit neuen Mitteln suchte. Die Aura ihres persoenlichen Magnetismus erweckte die Bereitschaft zur Hingabe in den Herzen ungezaehlter Unterdrückter, Jugendlicher und Idealisten. Sie polarisierte aber auch den Hass jener Interessengruppen, die von Krieg und Unterdrückung profitieren. Das Attentat auf den zweiten Kennedy verleiht darum der nie beantworteten Frage nach einer Verschwoerung neue Gueltigkeit, dramatische Bedeutung und hoechste Aktualitaet. Wer je sich von der Schlussfolgerung des Warren- Berichts, Oswald habe allein gehandelt, ueberzeugen liess, muss heute zweifeln; wer immer zweifelte, darf heute schon ueberzeugt sein. Und trotzdem muss davor gewarnt werden, die These von der Konspiration gedankenlos zu propagieren, bevor sie von unzweifelhaften Tatsachen bewiesen ist. Das tut naemlich eine andere Interessengruppe —die Kommunisten— mit schon fast verdaechtiger Genugtuung: doch darueber spaeter. Zwei Sektoren der amerikanischen Oeffentlichkeit sind es, die Kennedy —beide Kennedys— am meisten hassten: die Erdoelmillionaere und die Segregationisten. Beide Sektoren sind maechtig, skrupellos und gewalttaetig, sozusagen "zu allem faehig”. Aber ihre Raedelsfuehrer sind auch listig, verschlagen, gerissen. Darum: als sie auf den Praesidenten Kennedy zielten, vorausgesetzt dass sie es waren, richteten sie das teleskopische Visier gegen den maechtigsten Mann des Landes, d.h. sie stuerzten ihn und seine Richtung aus der ausschlaggebenden Stellung. Aber Robert Kennedy, der Kandidat? Der Kandidat zum Ueberfluss, dessen Aussichten alles andere als gesichert erschienen, weder was die Wahl zum Praesidenten noch ueberhaupt die Nomination durch die Demokratische Partei anbetrifft? Haetten diese listigen, verschlagenen, gerissenen Maenner nicht gewartet, bis er zumindest nicht nur nominiert, sondern auch gewaehlt worden waere? Haetten sie einen Attentaeter gedungen unter Umstaenden, bei denen im Gegensatz zu Dallas, im Gegensatz zu Memphis, an Entkommen ueberhaupt nicht zu denken war? Ja, Memphis: der Mord an Martin Luther King passt besser in das Schema. Ein wirklicher Machtfaktor wurde zerstoert und es bestand —und besteht noch— Grund zur Annahme, dass sich dadurch die Rassengegensaetze verschaerfen, ein Ziel, das die Suedstaaten-Fanatiker offen anstreben. Die dabei angewandte Technik entsprach haargenau der in Dallas erprobten: das Gewehr mit dem teleskopischen Visier, der Schuss aus dem Fenster, aus der Ferne, die Flucht des Moerders. Da es nun anscheinend endlich gelungen ist, des mutmasslichen Taeters habhaft zu werden, darf man aber auch hoffen, dass es gelingen wird die dunklen Hintergruende dieser grauenhaften Verbrechen aufzuhellen. DER ARABER Bis dies in befriedigender Form geschehen ist, sollte man mit Mutmassungen und Spekulationen zurueckhaltend sein. Aber schweigen ueber die Tatsache, dass der Attentaeter von Los Angeles ein Araber ist, sollte man andererseits keineswegs. Denn die ersten Nachrichten deuten darauf, dass es sich da um ein Produkt des arabischen Fanatismus handelt, der an Kennedy fuer seine Sympathie zu Israel Vendetta ueben wollte. Die Tragoedie betrifft uns also nicht nur als Menschen, sie betrifft uns auch —wann nicht?— als Juden. Als Menschen im allgemeinen aber und als Juden im besonderen haben wir allen Grund, Verallgemeinerungen zu scheuen. Wir ueberlassen es unseren Feinden, zu sagen, “die Juden” haben dies oder jenes getan, wenn ein Jude es getan hat. Wir ueberlassen es den Kommunisten, die Nordamerikaner zu schmaehen, weil schreckliche Dinge in Nordamerika vorgefallen sind. Wenn aber, wie im vorliegenden Falle, ein Araber einen Politiker ermordet, weil er sich angeblich fuer Israel ausgesprochen hat und dies am Jahrestag des 5. Juni tut, so muss man sich fragen, inwiefern dies aus der arabischen Situation und Haltung heraus zu erklaeren ist: nicht verallgemeinernd, sondern .differenzierend! Und es ist nicht schwer zu differenzieren, denn schon am ersten Tage gaben zwei Leute sehr schwerwiegende Erklaerungen ab. So der Vater des Sirhan: “Dies ist der traurigste Tag meines Lebens. Ich habe meinen Sohn immer fuer einen anstaendigen und ruhigen Menschen gehalten und kann das nicht glauben. Wenn er es aber getan hat, muss ei seiner gerechten Strafe zugefuehrt werden”. So spricht ein anstaendiger Mensch. Und wenn er unter hundert Millionen Arabern der Einzige waere, der so spricht, muesste das genuegen, um jede Verallgemeinerung zu meiden. Die andere Aeusserung kommt von Dr. Mohammed Medhi, Generalsekretaer des Arabisch-Nordamerikanischen Aktionscomites: “Als Kennedy sich auf das Vietnam-Problem bezog, sagte er, dass die Vereinigten Staaten im Vorderen Osten Verpflichtungen Israel gegenueber haben. Es ist diese Respektlosigkeit vor den arabischen Menschenrechten, die dann zu solchen Gewaltakten fuehrt. “Das heisst, Dr. Medhi sieht in Kennedys Erklaerungen die klare kausale Ursache zu Sirhans Schuessen. Er findet sie logisch. Er rechtfertigt sie. Und damit kommt man, rascher als vorhergesehen, zum Kern der Angelegenheit. Was immer auch -das Ergebnis der gerichtlichen Untersuchungen sein mag, eins steht fest: der Schurke aus Tayeb ist ein typisches Produkt des sogenannten arabischen Nationalismus nasseristischer Praegung. Damit ist, es sei wiederholt, nicht das arabische Volk gemeint, nicht sein Vater, nicht “die Araber” die es als solche nicht gibt. Damit ist eine politische Bewegung gemeint und ihre Fuehrer, die mangels einer konstruktiven nationalen Renaissance-Bewegung sich seit Jahren und Tag und Nacht dem Hass und der Hetze hingeben, der Aufruestung und den Kriegsvorbereitungen, dem Boykott und der Blockade, der Ausbeutung des Fluechtlingselends und der Unterschlagung der Hilfsgelder, den Verheissungen auf Pluenderung und Vergewaltigung, der Praxis des Bluffs und der internationalen Erpressung. Damit ist Dr. Mohammed Medhi gemeint als geistiger Buerge des Attentats, und mit Medhi Shukeiri, und mit Shukeiri Boumedienne, und mit Boumedienne Zajjin, und mit Zajjin Nasser und wie sie alle heissen. DIE AASGEIER Aber ein geruettelt Teil der Verantwortung faellt auf die Sowjet-Regierung und ihre Agenten in der ganzen Welt. Was waere der ganze aggressive arabische Nationalismus denn heute, sei es nicht durch die politische Ermunterung und massiven Waffenlieferungen des Kreml? Gaebe es ihn ueberhaupt noch? Und wenn schon? Erst die Mischung dieses primitiven Nationalismus mit der Ideologie unverdauter Ressentiments und den Machtmitteln des Sowjet-Imperialismus hat den Panarabismus zu dem gemacht, was er heute ist: zu einer ganz auf negative, destruktive Ziele ausgerichteten Bewegung. Kommen daher bei ihnen etwa Bedenken auf ob ihrer Miturheberschaft? Empfinden sie, wie andere Menschen empfinden, Mitleid, Trauer, Gram, Wut wenigstens? Mitnichten. Die Kugeln waren noch nicht aus des Sterbenden Gehirn entfernt, da meinte schon eine sozialistische Abgeordnete: “Kennedy? Warum darum soviel mehr Aufhebens als ueber die Opfer in Vietnam?” Und der Attentaeter hatte ausser dem Woertchen “Yes” noch keine andere Aussage gemacht, da wusste es schon ein kommunistischer Senator: “In USA gilt das Gesetz der Kugeln. Die gleichen reaktionaeren Kraefte, die in der Regierimg vertreten sind und die den Praesidenten Kennedy und Martin Luther King ermordeten, haben auch dieses Verbrechen begangen”. Und Stalins Hofdichter rief eigens die Parteizeitung aus seiner Villa an der Kueste an, um zu erklaeren: “Die Vereinigten Staaten haben sich in die einzige und universelle Universitaet des Verbrechens verwandelt”. Sie sind heute bereit, Kennedy als Mann des Fortschritts anzuerkennen, unbeschadet der taetlichen Angriffe, die sie 1965 bei seinem Besuch auf der Universidad de Concepciön gegen ihn richteten. Sie massen sich die Autoritaet an, den politischen Mord zu verurteilen, obwohl sie die laengst verwirkt haben, seit sie Trotzki ermordet haben, um die Kritik in der Partei zu unterdrücken, seit sie Masaryk ermordet haben, um ein Volk zu unterjochen, seit sie Kirov ermordet haben, um unter diesem Vorwand die zweitgroesste Menschen jagd und Schinderei dieses Jahrhunderts zu entfesseln. Sie blaehen sich auf, wenn sie von den Rechten der Minderheiten sprechen und dem Wenigen, was die Regierung der USA tut, um sie zu staerken, ungeachtet der Unterdrueckung der juedischen Minderheit in Russland und Polen, eine Unterdrueckung, die von den Regierungen selbst organisiert wird statt gelindert. Warnte doch schon Jesaja vor ihnen, als er sagte: “Weh denen, die Boeses gut und Gutes boese heissen, die aus Finsternis Licht und aus Licht Finsternis machen, die sauer suess und suess sauer nennen!”. So war das Opfer dieses scheusslichen Attentats noch nicht beigesetzt, da waren die Aasgeier der roten Propaganda schon hurtig am Werk. Die Frage nach der direkten Urheberschaft war noch offen und wird es noch eine geraume Zeit bleiben. So auch die Frage nach den moeglichen Zusammenhaengen zwischen dem Attentat von Los Angeles und dem von Dallas und dem von Memphis. Aber wer davon politisch profitieren wollte, skrupellos, schamlos, rueck-' sichtslos, dar war schon klar. KLIMA DER EPOCHE Aber abgesehen von den arabischen Generalsekretaeren, die diesen Mord politisch rechtfertigen wollen, und den kommunistischen Barden, die ihn ausschlachten moechten, wird natuerlich kein ver nuenftiger Mensch leugnen, dass die amerikanische Gesellschaft krank ist, schweikrank. Zu solchen Hoehen des Wohlstands gelangt zu sein, ohne die Armut besiegt zu haben, zu solcher Intensitaet des Zusammenlebens, ohne die Diskriminierung beseitigt zu haben, zu solchen Raffinessen der Technik, ohne die Moral gehoben zu haben, das ist eine Tragoedie. Es ist eine amerikanische Tragoedie in dem Maasse, in dem Amerika diesen Zwiespalt unserer Epoche am intensivsten erlebt, weil dort alles am intensivsten, am hoechsten, am reichsten, am schnellsten, am heftigsten erlebt wird. Und es ist eine universelle Tragoedie in dem Maasse, in dem der Abgrund zwischen technischem Fortschritt und moralischem Stillstand in der ganzen Welt klafft. Kennedy war ein Mann, der ueber diesen Abgrund Bruekken bauen wollte. Das Klima der Epoche ist jenen guenstig. die sie sprengen. Fuer diese unermessliche Tragoedie ist sein Tod Symbol. ATSCHEKA

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