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Boletín informativo de la Sociedad Cultural Israelita B'ne Jisroel · 1967-08-01 · 8 (Agosto, 1967) · p. Seite 19

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Journal
Boletín informativo de la Sociedad Cultural Israelita B'ne Jisroel
Volume
XXIX (1967)
Issue
8 (Agosto, 1967)
Date
1967-08-01
Page
Seite 19 (sequence 19)
Language
German
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AGOSTO 1967 BOLETIN INFORMATIVO 19 -m- GEDANKEN yi ZWISCHEN ZWEI UND DREI Das "Noch" und das "Schon" DER MALER MAX STERN . .Es ist das gelbe Licht, diese Pause zwischen zwei determinierten Momenten, das Zaudern vor der neuen Richtung, der grosse Gefahrenaugenblick des “noch” oder "schon”, der den denkenden Menschen vor Entschluesse stellt. Rot oder gruen denkt fuer ihn, enthebt ihn der Verantwortung; fuer gelb muss er seine eigene Entschlusskraft einsetzen. Dies gilt nicht nur fuer den Strassenverkehr, bei dem verantwortungslose Fahr e r von der einen Seite “schon” und von der anderen Seite “noch” auf die Strassenecke losbrausen, wenn das Licht, viel zu kurzfristig, gelb aufleuchtet. In Ideologie, Politik, Mode, im simpelsten Lebenslauf gibt es diesen gelben Augenblick. Den “Schon”-Menschen ist kein Tempo schnell genug, kein Wechsel zu spontan, zu drastisch. Sie gehen mit fliegenden Fahnen in vorerst nur angedeutete Bahnen, brausen ueber Hindernisse, Meinungen, Traditionen in neue Richtungen. “Noch”- Typen sind bedacht, vorsichtig, traditionsgebunden, langsam, kalku 1 i e r e n d. Das “Schon” ist bestrickend und frisch, aber immer ein wenig gefahrvoll; das “Noch” wesentlich langweiliger, aber risikolos. Der “Schon”-Denker hat Instinkt fuer kommende Dinge, er ahnt Politikwechsel, Konjunkturen, er ist da und auf dem Plan, bevor das Geahnte faktisch geworden ist. Er ist jedem Wechsel gewachsen, ihm voraus und fuer ihn bereit, ein “Hans- Dampf-in-allen-Gassen”, der alles “schon gewusst hat” und seinen Vorteil daraus zieht. Sein Charakter mag oszillierend sein, sein Erfolg ist in den meisten Faellen verblueffend stabil. Bei ihm ersetzt Schnelligkeit und Erfassungsvermoegen oft Tiefe und Intelligenz; er treibt faszinierende Blueten von kurzer Schoenheitsdauer, da er sich “schon” einem neuen Bouquet, zuwendet, waehrend der gegenteilige Menschentyp “noch” das alte, vertraute Aroma geniesst und zufrieden damit ist. Diese langsamere Art Lebensphilosophen trennt sich nicht so schnell von etwas, sei es Lebensstil, Ansicht, Hass oder Zuneigung. Bei ihr kann die “Noch”-Auswirkung ihres Lebensrhythmus a u s Ueberzeugung bestehen, aber ebensogut aus Lethargie und Interesselosigkeit geb o r e n sein. Bei uns Juden sind beide Arten vielleicht ausgepraegter vorhanden als bei anderen Voelkern. Zeitlaeufe und Lebenskampf haben stark extreme Charaktere geschaffen, da fuer die Entwicklung des lauwarmen Types nicht genuegend Geruhs amkei'c existierte. Trotz langer und qualvollster Unterdrueckungszeiten ist der Jude keine Knechtsnatur geworden. Er rebellierte stets geistig oder de facto, je nach seiner Veranlagung. Es trieb ihn vorwaerts in geahnte Besserung; selten duldete er stumpf und ergeben. Die Notlage machte ihn gewitzt, scharfaeugig und hellhoerig fuer jeglichen “Temperatur-Unterschied” in seiner Umgebung. Dies schuf den viven, verallgemeinert gesehenen, verpoenten “Schon”-Typ, dem Missgunst und Neid die Erfolge nicht goennten, den die Aussenwelt lange Zeit zum typischen Juden stempelte und nur negativ sah und beziehungsweise, verurteilte. Man erkannte nicht den verzweifelten Kampf um Aufstieg und Anerkennung a tout prix, den man z.B. beim Amerikaner bewunderte und lobte seit den ersten Kolonistentagen. “Tut nichts, der Jude wird verbrannt”, ob gut, ob schlecht, schwach oder stark, er konnte sein, wie er wollte, — wehe ihm, wenn er aus der grossen Menge hervorragte. Und wieviele ragten haushoch hervor, typisch in ihrem wundervollen “Schon” denken, Felsen der Menschheit als Forscher, Gelehrte, Philanthropen, Giganten der Finanz, Stolzmomente fuer ihre Glaubensbrueder, Werte fuer die Allgemeinheit, Weltbuerger im besten Sinne des Wortes. Der “Schon”-Typ des Juden ist laengst nicht mehr der Opportunist, der Materialist, der “social climber” und Protz der Verleumdung; er ist der Vorwaertstreiber, der Bahnschaffer und ideenreiche Pfadfinder fuer Neues, Gewagtes, Wundervolles. Er wird nicht mehr “verbrannt”, nur weil er Jude ist; er ist Mensch und wird als solcher gewertet. Die Landschaft des Judentums kann, wie jede andere auch, nicht nur Berggipfel praesentieren. Die grosse Masse der Allgemeinheit zeigt notwendigerweise mehr Flachland, mehr Ebene, Der “Noch”-Typ bevoelkert sie, ohne besonderen Aufwand an Energie, gruen in gruen, beruhigend und unaufregend. Aber im Boden gibt es, bei naeherer Sicht, Untiefen, Schlachten und Spalten, die das Flachland unterbrechen und gefaehrlich gestalten. Das sind die “Hyper-Nochisten”, die verbohrt und stur im Finstern des nachtragenden Hasses, der Unaufgeschlossenheit verharren und einen Menschenschlag repraesentieren, der bei uns Juden leider recht haeufig geworden ist. Es sind die U n e r b i 11 li c h e n, die an einem Tag ihres Lebensweges stehen geblieben sind, blind fuer das schwellende Treiben des Fortschrittes, des guetigen Vergebens, der lebendigen Umwelt. Ihr gelbes Warnungslicht wechselt nie in hoffnungsvolles Gruen der freien Fahrt, sie sind platzgebunden, leblos, erbarmungslos, unfrei. Ihr Gedankenkreis ist eng und winzig, uninteressant und rueckwirkend. In einem der kunstfreudigen Privathaeuser Duesseldorfs fiel uns im geraeumigen Treppenhaus das Portraet einer alten Dame auf. Die zarten, von Hellblau ins Dunkel verschwimmenden Toene sind Muster impressionistischer Malweise — freilich ein Impressionismus verhaltener Form. Das Bild der alten Dame mit Schirm hat heute nichts Revolutionaeres mehr an sich, dennoch konnten solche Werke einst, in der heroischen Zeit dieser Bewegung, von aufbegehrenden Kuenstlern nur in avantgardistischen Salons gezeigt werden. In jenen zunaechst raren Galerien, deren Tueren den “Geisteskranken” — wie man die Neuerer zu nennen beliebte — nicht fest verschlossen blieben. — Der fluechtige Blick auf das harmonische Frauenbildnis bereits vermittelte angenehme Assoziationen, und unmerklich praegte sich das Signum des Kuen stlers ins Bewusstsein: Max Stern. Max Stern — wir begegneten diesem Namen wieder beim blaettern in einem Sammelband der Zeitschrift “Ost und West”, der “Illustrierten Monatsschrift fuer Modernes Judentum”, die von Leo Winz herausgegeben und redigiert wurde. Im Juli 1903 stellt Raphael Ed. Liesegang den Kuenstler vor: “Ich habe die Stimmung, als sei da etwas Verwandtes in den Bildern von Liebermann, Israels, Stern und einigen anderen juedischen Malern. Mehr als diese Unklarheit kann ich im Moment nicht sagen. Ich habe mich bisher allzuwenig um das Seelenleben der Andern und um dessen Produkte gekuemmert. — Die Gedanken wollen bei Beruehrung des mir neuen Themas gleich durchgehen. Ich ahne eine “juedische Malerei”. Und in Stern scheint mir diese stark ausgepraegt zu sein”. Diese beiden Hinweise fuehrten zu einem Besuch bei Herrn Klaus Stern - Eilers und seiner Gattin in Duesseldorf; sie besitzen die umfangreichste Sammlung des geretteten Nachlasses. Klaus Stern - Eilers, ein Neffe des Kuenstlers, vermag in dem Portraet. das die Zeitschrift “Ost und West” von Max Stern gezeichnet hat, nur wenig Aehnlichkeit festzustellen. Es scheint, dass der “Noch” oder “Schon” ist zum Grossteil Temperamentsache. Natuerlich spricht Ambition und Intellekt ein ausschlaggebendes Wort dazu. In jedem Menschen steckt ein “Schon”-Wunsch, ein mehr oder weniger ausgepraegtes Beduerfnis, die Fessel der Routine, des ewigen “Noch” zu sprengen. Der Jugend sollte dieser Impuls, stark und betriebsam, selbstverstaendlich sein, in Reife und Alter wird er zum schmunzelnd erin nerten Traum. Wer keine Sturm— und Drang-"Schon”-Zeit erlebt hat, war nie jung, er hat etwas unvergleichlich Schoenes versaeumt. “Schon” erhalt spannkraeftig frisch, “Noch” macht frueh alt und behaebig. K...G Autor zu dick aufgetragen hat, um seine These zu untermauern, die Juden haetten “ein grosses Beduerfnis nach Mystik aus dem Orient mit heruebergebracht”. Stern -Eilers erscheinen andere Wesenszuege typischer fuer den Kuenstler. Max Stern wurde im Jahre 1872 in Duesseldorf geboren und blieb dieser Stadt zeitlebens verbunden. Davon zeugen auch seine zwei Studien, die den Einzug Napoleons schildern, eine Szene, die Heinrich Heine in “Ideen. Das Buch Le Grand” liebenswert beschreibt. Hier besuchte Stern zunaechst die Kunstakademie, doch Meinungsverschiedenheiten mit dem maechtigen Eduard von Gebhardt verleideten ihm die staatlich gefoerderte Kunst, deshalb beschloss der Maler, nach Muenchen zu gehen, wo es ihn lange Zeit hielt. Auf Reisen lernte Max Stern spaeter die Landschaft Suedfrankreichs kennen; sicherlich hat er auch die Gegend der Seine-Muendung besucht, die durch ihr Farbenspiel aus Luft und Wasser zur Wiege des Impressionismus geworden war. Denn Stern liebte die Werke der franzoesischen Impressionisten, und mit Henri de Toulouse-Lautrec, dem um acht Jahre Aeiteren, verband ihn freundschaftliche Zuneigung. Ein anderes bevorzugtes Reiseziel waren ihm die Niederlande. Die Liebe zur Nordseekueste hatte Max Stern von Liebermann uebernommen; eine der Karikaturen von Stern zeigt ein Selbstportraet mit dem ironisierenden Titel “In den Duenen”. Karikaturen zu zeichnen, das entsprach seinem Naturell, war Stern doch selbstkritisch und zugleich humorbegabt — Eigenschaften, die zusammen bei Malern moeglicherweise noch seltener anzutreffen sind als gewoehnlich. Aber auch andere Tugenden waren ihm eigen, denn Max Stern steht als “hoeflich und ritterlich” in der Erinnerung aller, die ihn kannten Mit froehlichem Selbstbewusstsein hat sich Max Stern in dem Bild “Daemmerung” mitten in eine Strassenszene hineingestellt. Der baertige Herr mit Hut und Umhang mag zu solcher Stunde nach Hause gestrebt haben; sein Lebensstil war “unglaublich buerger lieh, wenn auch nie spiessig“. Die Sujets seiner Gemaelde und Graphiken lassen wohl auf eine solche Haltung schliessen. Sein Oeuvre atmet Frieden; es ist eine besinnliche Welt, aber doch keine suesslich-kitschige. Das Werk “An der Piazza San Marco” beispielsweise zeigt eine Bank, auf der die verschiedensten Charaktere sich zu kurzer Rast niedergelassen haben; aehnlich ist das Bild “Sommernachmittag am Niederrhein” angelegt. Selbst die “Troedler im Amsterdamer Judenviertel” bieten einen Anblick der Ruhe, wenn auch die Gesichter der Haendler deutlich Sorge und Muehe erkennen lassen. Von solchem Motiv bereits auf eine “juedische Malerei” schliessen zu wollen, waere allerdings verwegen. Denn, so wurde es einmal formuliert, einen Ge- Von Joachim Hemmerle genstand um seiner Toene willen und nicht um seiner selbst willen abbilden wollen, unterscheidet die Impressionisten von den anderen Malern. Sicherlich war das zufällige Spiel von Licht und Schatten fuer die Wahl des Themas von ausschlaggebender Bedeutung. Wieder in Duessel d o r f, wandte sich Max Stern lokalen Motiven zu. Unter anderem war er Mitglied des Jungen Rheinland. Zu dieser Gruppe fuehlte er sich hingezogen, man berief ihn sogar in die Jury; zum Expressionismus hat er sich dennoch nicht bekehren lassen. Auch in der Kuenstlervereinigung “Malkasten” traf er sich mn Kollegen; darunter war der kuerzlich verstorbene Otto Pankok. Max Stern heiratete eine huebsche Musikerin, die Tochter des hollaendischen Malers Burnier, mit der er eine glueckliche Ehe fuehrte. Der musisch Interessierte liebte die Werke von Brahms und verbrachte viele Stunden in seiner umfangreichen Bibliothek. In der Zeit kultureller Bluete hatte sich Stern einen guten Namen gemacht: oft wurde er durch oeffentliche Auftraege geehrt, eines seiner Werke ist heute noch in der Empfangshalle des Duesseldorfer Rathauses zu sehen. Es waren schoepferische Jahre der kuestierischen Entfaltung, Jahre der Schaffensfreude — bis Hitler kam. Die Welt des deutschen Juden Max Stern wurde nach 1933 kalt und einsam. Auch ihm blieben Demuetigungen nicht erspart. Sein beliebtes Bild “Martinszug” wurde auch weiterhin auf hunder ten von Postkarten verbreitet, doch das Signum war herausgeschnitten. — Wohl kamen die Freunde, darunter “Malkaestler”, die ihm bis zuletzt die Treue hielten. Auch nach den Greueln der Pogromnacht vom November 1938 und nach Kriegsausbruch gab es Menschen, die zu ihm hielten, ihn mit dem Notwendigsten versogten. Doch die Nachschlagewerke meinen es gnaediger mit Max Stern als ein unerbittliches Schicksal. In dem Sammelband “Juden im deutschen Kulturbereich” heisst es: “In Duesseldorf fand die impressionistische Lehre in Max Stern (1872-1954) einen sympathischen Vertreter”, und auch das “Handbuch” zur Koelner Monumenta Judaica vermerkt als Todesjahr “1954 London”. Aber diese Angaben sind falsch. Max Stern ist nicht emigriert; er ist in Deutschland geblieben. Als am 12. Juni 1943 die Stadt Duesseldorf bombar d i e r t wurde, fand er unter Truemmern einen furchtbaren Tod. Seinen sterblichen Ueberresten verweigerten die Behoerden den Sarg. — Die treue nichtjuedische Frau des Kuenstlers ueberlebte den Luftangriff, doch wurde sie schwer verletzt. Sie ist ihrem Mann kurz darauf freiwillig in den Tod gefolgt... Das Haus, in dem Max Stern einst wohnte, gibt es nicht mehr, und mit ihm ist sein Atelier versunken. Den Namen des Malers hoert man kaum. Doch Max Stern ist zu Unrecht vergessen.

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